Güstrower Pilgerzeichen: gefunden in der Hansestadt Wismar

Fund des Monats Dezember 2008

Güstrower Pilgerzeichen aus der Hansestadt Wismar Details anzeigen

Güstrower Pilgerzeichen aus der Hansestadt Wismar

Güstrower Pilgerzeichen aus der Hansestadt Wismar

Güstrower Pilgerzeichen aus der Hansestadt Wismar

Heute fast völlig vergessen, war das mecklenburgische Güstrow im Mittelalter ein bedeutender Wallfahrtsort, dessen Nachhall sich bisher nur in der schriftlichen Überlieferung finden ließ.

Im Jahre 1330 wurden Güstrower Juden beschuldigt, sich eine geweihte Hostie verschafft zu haben, welche sie in der Synagoge angeblich kreuzweise zerbrachen, zerstachen und – als sie zu bluten begann – vergruben. Nach der Verbrennung der Beschuldigten im Auftrag von Johann II. Fürst von Werle soll der Priester Johann von Warkentin mit Hilfe einer getauften Jüdin, die die Vorwürfe erhoben hatte, die blutende Hostie – in ein Leinentuch gewickelt und in einem Gefäß verborgen – im Boden der Synagoge gefunden haben. Danach entstand ein großer Zulauf (groz suchin) zu der vermeintlichen Wunderhostie. Von den Einkünften der geopferten Gaben ließ Johann von Werle eine Kapelle bauen, die mit zwei Vikarien ausgestattet war. In einem Vergleich mit dem Güstrower Domkapitel vom 1. Dezember 1332 sicherte er sich einen bedeutenden Anteil der "almissen, de da gheoffert sin". Neben "golt, sulver oder pennighe" ist in der Urkunde auch von Wachs, Brot und Bier sowie lebenden und geschlachteten Tieren die Rede.

Zwischen 1350 und 1383 bestimmten sieben Lübecker Testamente die stellvertretende Aussendung von Pilgern nach Güstrow; davon sollte einer barfuss und in Wolle gekleidet gehen. Bereits 1346 stiftete der schwedische König Magnus Eriksson (1316–1374) in einem gemeinsamen Testament mit seiner Frau Blanche je einen goldenen Kelch an fünf bedeutende Wallfahrtsorte seiner Zeit: an Rocamadour, Gottesbüren, Aachen, Santiago de Compostela und bemerkenswerterweise Güstrow.

Die Wallfahrtskapelle brannte bei einem Stadtbrand im Jahre 1503 ab. An ihrer Stelle wurde 1509 ein Franziskanerkloster gegründet, während das "Heilige Blut" mit dem Inventar der Kapelle in den Dom umzog. Hier bemühten sich die Domherren um eine Reaktivierung des Güstrower Kultes, der schon im 15. Jahrhundert seine weiträumige Attraktion eingebüßt hatte, was nicht zuletzt auch mit dem Erfolg der Wallfahrt zum "Heiligen Blut" in Wilsnack ab 1383 zusammenhängen dürfte.

Im Gegensatz zu den spärlichen historischen Zeugnissen der Güstrower Wallfahrt waren bisher weder Pilgerzeichen noch andere materielle Zeugen bekannt.
Bei einer Ausgrabung in Wismar wurden unlängst 26 Pilgerzeichen, unter anderem aus Aachen und Santiago de Compostela, geborgen. Sie kamen zusammen mit Abfällen von Schiffbaubetrieben, Metall- und Lederwerkstätten sowie Stallmist und Straßenkehricht in der Mitte des 14. Jahrhunderts in Landgewinnungsschichten am Wismarer Hafen zur Ablagerung.

Im Fundmaterial fielen vier runde Wallfahrtsplaketten mit zwei verschiedenen Motiven auf, die mit je einem Exemplar bereits aus Rostock und dem Kloster Dobbertin bekannt waren, sich bisher aber einer Deutung entzogen. Eine der runden, mit zwei gegenständigen Ösen versehenen Blei-Zinn-Plaketten mit einem Durchmesser von etwa 30 mm ermöglichte mit der Lösung des dargestellten "Bilderrätsels" eine Identifizierung als Güstrower Pilgerzeichen. Dargestellt ist eine gevierteilte Hostie in einer Synagoge, deren Eingang von zwei Palmzweigen flankiert ist. Die Attribute über dem Gebäude erzählen die Geschichte der Hostienschändung. Der Spaten rechts erinnert an das Vergraben der Hostie, das Kreuz steht vielleicht für das Vierteilen oder verweist auf die Umwandlung der Synagoge in eine Kapelle. Das Rad oder sternförmige Gebilde ist zurzeit noch nicht befriedigend zu deuten. Das links dargestellte Objekt ist wohl das Leinentuch, in das die Hostie bei der Auffindung eingewickelt war. Es wird noch 1509 als wichtiges Kultobjekt – als das "Tuch des Heiligen Blutes" – bezeichnet.

Der andere Pilgerzeichentyp zeigt fünf über Kreuz angeordnete, gevierteilte Hostien, in den Zwickeln die Buchstaben EDVS, zum Teil spiegelverkehrt und in variierender Reihenfolge, geschrieben. Für die Identifikation als Güstrower Pilgerzeichen ist die in einem Druck von 1510 wiedergegebene Geschichte entscheidend, dass bei der Auffindung der Hostie auf dem Tuch die vier Buchstaben EDVS (Ego sum verus Deus – ich bin der wahre Gott) erschienen. Alle bisher gefundenen Zeichen stammen aus unterschiedlichen Gussformen, was für einen größeren Umfang der Herstellung spricht. Die Datierung des Fundkomplexes aus Wismar und des Rostocker Exemplars in die Mitte des 14. Jahrhunderts, der Beginn der Güstrower Wallfahrt bald nach 1330 sowie die Tatsache, dass alle sechs bisher bekannten Zeichen aus Mecklenburg stammen, sind gute Gründe für die Richtigkeit der vorgelegten Deutung.

Dr. Jörg Ansorge und Hartmut Kühne

Burgwall in 3D

Burgwall unter dem Schweriner Schloss in 3D: 3D-Aufnahme der Bauphase 965 oder kurz danach. (Interner Link: Slawischer Burgwall unter dem Schweriner Schloss) Details anzeigen
Burgwall unter dem Schweriner Schloss in 3D: 3D-Aufnahme der Bauphase 965 oder kurz danach. (Interner Link: Slawischer Burgwall unter dem Schweriner Schloss)

3D-Aufnahme der Bauphase 965 oder kurz danach.

Vor Ort

Infoboxgrafik Exkursionen: Mittelalterliche Burg (Ludorf, Landkreis Müritz) (Interner Link: Exkursionen zu archäologischen und historischen Denkmälern) Details anzeigen
Infoboxgrafik Exkursionen: Mittelalterliche Burg (Ludorf, Landkreis Müritz) (Interner Link: Exkursionen zu archäologischen und historischen Denkmälern)

Infoboxgrafik Exkursionen: Mittelalterliche Burg (Ludorf, Landkreis Müritz)

Ausgestellt

Vitrinen in der Ausstellung im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden (Interner Link: Archäologie in Museen und Ausstellungen) Details anzeigen
Vitrinen in der Ausstellung im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden (Interner Link: Archäologie in Museen und Ausstellungen)

Vitrinen in der Ausstellung im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden