"…Lapis olei…" Ein mittelalterlicher Öl- oder Lichterstein aus dem östlichen Vorpommern

Fund des Monats August 2015

Schwennenz Fpl. 7031, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Aufsicht auf den Stein (Dm. 31,5 cm) mit Ergänzungen Details anzeigen

Abb 1. Schwennenz Fpl. 7031, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Aufsicht auf den Stein (Dm. 31,5 cm) mit Ergänzungen

Schwennenz Fpl. 7031, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Aufsicht auf den Stein (Dm. 31,5 cm) mit Ergänzungen

Abb 1. Schwennenz Fpl. 7031, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Aufsicht auf den Stein (Dm. 31,5 cm) mit Ergänzungen

Über viele Jahrzehnte war Eginhard Dräger aus Schwennenz, Lkr. Vorpommern-Greifswald, ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger im Osten Vorpommerns. Schon vor Jahrzehnten fand er ein rätselhaftes Backsteinobjekt in einem Lesesteinhaufen im Umfeld seiner Heimatgemarkung Schwennenz, Lkr. Vorpommern-Greifswald.

Es handelt sich um eine scheibenförmige Zieglerware aus rot-orange gebranntem Ton mit gelben Einschlüssen (eisenarme Tonanteile), wie er im Bereich der mittelalterlichen Backsteintradition Norddeutschlands typisch ist (Freundliche Mitteilung T. Rütz M. A., Greifswald). Die Platte hat einen Durchmesser von 31,5 cm und eine maximale Dicke von 8,5 cm (Abb. 1). Die Außenseite zieht schwach konisch zum Boden ein. Sie ist streifig geglättet, während der flache Boden rauh ist. Die nur noch teilweise erhaltene Oberseite steigt zur Mitte hin schwach konisch an (Abb. 2).

Auf der größtenteils abgeplatzten Oberseite sind 6 kreisrunde, zylindrische Vertiefungen (Dm. durchschnittlich 6,5 cm) randlich umlaufend erkennbar. In der Mitte befindet sich eine etwas größere Vertiefung (Dm. 8,5 cm), die mit jeder der äußeren Vertiefungen durch eine bodennahe Durchlochung verbunden ist (Abb. 3). Als Ornament sind zwischen den kreisrunden Vertiefungen dreieckige, eingetiefte Zwickel angebracht, die als kleinere Winkelschnitte außerdem an der randnahen Scheitelseite jeder Vertiefung auftreten.

Die Oberseite weist keinerlei sekundäre Verfärbungen auf; Hinweise auf eine ursprüngliche Vermauerung (Mörtelreste) fehlen.

Aus dem norddeutschen Raum sind bislang kaum vergleichbare Objekte bekannt, aber die Vorlage dänischer und schwedischer Öllampen zeigt, dass es dort ein Spektrum formal sehr ähnlicher Objekte gibt. Der von J. Vellev (1977, fig. 19-20) gespannte Bogen von Analogien reicht von Südskandinavien über Mitteldeutschland, Nordrhein-Westfalen, Süddeutschland mit der Pfalz und vor allem Österreich (Kärnten) bis zu den britischen Inseln. Besonders häufig finden sich runde Steine mit sieben Schälchen im Alpenraum und in England: Sie ähneln dem Schwennenzer Stück auffällig (Abb. 4). Soweit beschrieben sind die Grundformen in der Regel aus feinkristallinen Gesteinen hergestellt. Wenige gestaltete Trägerobjekte haben eine romanische bzw. frühgotische Ornamentik. Steine mit Schalenvertiefungen sind an bzw. in Kirchen und auf umliegenden Friedhöfen gefunden worden, nicht selten sekundär in Mauern und Gebäuden verbaut. Scheinbar ist aber keines der Objekte in seinem erkennbar ursprünglichen Nutzungskontext überliefert.

Die skandinavische Forschung sieht in diesen Steinen Öllampen, sichere Nachweise für diese Funktionszuweisung fehlen dort aber. Unter dem Begriff "cressets" werden in altenglischen Quellen Steine mit Schälchen und andere lichtspendende Objekte beschrieben, die – vermutlich mit Öl- oder Talg gefüllt und mit einem Docht versehen – der Illumination von Heiligenbildern dienten. In mittelalterlichen Klosterrechnungen wird gelegentlich auch von "lapis olei" (d.h. Lat.: Ölsteinen) gesprochen.

Das Schwennenzer Stück zeigt zwar keine Ruß- oder Brandspuren, doch deuten Details auf die Verwendung als Lampe hin. Die Vertiefung in der Mitte hat einen ca. 2 cm größeren Durchmesser als die anderen Vertiefungen. Kurz über dem Boden bzw. auf Höhe des Bodens gibt es insgesamt sechs kleine Stichkanäle von 0,5 cm Durchmesser. Sie verbinden die mittige Vertiefung mit den sechs randlich Vertiefungen. Auch beim technischen Prinzip einer Öllampe ist das Brenngut (d.h. Öl, Tran etc.) räumlich von der eigentlichen Verbrennung am Docht getrennt. Und so wäre eine mögliche Funktion die einer Öllampe.

Das Ölreservoir dürfte mittig in der größten Vertiefung gelegen haben. Die Dochte könnten durch die Kanäle geführt worden sein und in den angrenzenden Vertiefungen gebrannt haben. Flüssiges Öl könnte bei dem Brennvorgang stetig über den Docht zur Brennstelle nachströmen. Ein gelegentliches Nachziehen der Dochte wäre erforderlich, wenn diese zu weit abgebrannt oder zu stark verrußt wären. Das Prinzip der Öllampe kann auch ohne lange Dochte funktionieren, wenn man in jede Vertiefung ein dochtartiges Objekt hineinstellt bzw. einen schwimmenden Docht auf die Öloberfläche setzt. Im Verlauf des Brennvorganges würde das zähflüssige Öl durch die kleinen Verbindungslöcher nachfließen. Solche Lampen brennen über einen längeren Zeitraum weitgehend "wartungsfrei".

Über die Funktion als profanes Beleuchtungsmittel hinaus gibt es Interpretationsansätze, die auf eine im christlichen Ritus wurzelnde, tiefere symbolische Bedeutung abstellen. So die eines "Ewigen Lichtes", welches für Gottes Gegenwärtigkeit steht. Vielleicht ist auch die Zahl der Schälchen durch die mittelalterliche Zahlenmystik bestimmt. Die österreichische Forschung sah in den Lichtersteinen Zeugnisse des Volksglaubens und verbindet sie mit dem z. T. heute noch im Alpenraum verbreiteten Brauch der Seelen- oder Totenlichter.

Über die Herkunft und genaue Datierung der Schwennenzer Lampe kann nur spekuliert werden. Trotz der Seltenheit solcher Objekte in unserem Raum werden sie, wie ihr europäischer Verbreitungsraum zeigt, in mittelalterlichen Kirchen sehr viel häufiger gewesen sein. Das Schwennenzer Stück zeigt einen funktionell ausgereiften, durchdachten Typ, der sicher nicht nur einmal durch Ziegler hergestellt wurde. Vermutlich verloren diese Lampen spätestens mit der Reformation im 16. Jahrhundert an Bedeutung. Für eine noch frühere Datierung des Bedeutungsverlustes sprechen vielleicht die sekundär verbauten Lichtersteine in mittelalterlichen skandinavischen Kirchen.

C. Michael Schirren


Literatur

Wolfgang Erdmann, Zisterzienser-Abtei Dobermann. Kult und Kunst. Königstein/Taunus 1995.
Axel Huber, Mittelalterliche und neuzeitliche Schalen- oder Lichtsteine in Kärnten, in: Carinthia I, 168. Jg., 1978, 81-96.
Franz Hula, Die Totenleuchten und Bildstöcke Österreichs. Ein Nachtrag, in: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte, Band XXIV, 1965, S.159-174.
Bengt Stolt, Oljelamper fran äldre medeltid. Hikuin 3, 1977, 195-210.
Jens Vellev, Romanske olielamper fra Danmark. Hikuin 3, 1977, 211-221.

Fund des Monats August 2015

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Burgwall in 3D

Burgwall unter dem Schweriner Schloss in 3D: 3D-Aufnahme der Bauphase 965 oder kurz danach. (Interner Link: Slawischer Burgwall unter dem Schweriner Schloss) Details anzeigen
Burgwall unter dem Schweriner Schloss in 3D: 3D-Aufnahme der Bauphase 965 oder kurz danach. (Interner Link: Slawischer Burgwall unter dem Schweriner Schloss)

3D-Aufnahme der Bauphase 965 oder kurz danach.

Vor Ort

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Ausgestellt

Vitrinen in der Ausstellung im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden (Interner Link: Archäologie in Museen und Ausstellungen) Details anzeigen
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Vitrinen in der Ausstellung im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden