Eine Ausgrabung ohne Aushub

Fund des Monats Dezember 2015

Brandeisen aus Bützow, Lkr. LRO und Neustadt-Glewe, Lkr. LUP.Details anzeigen
Brandeisen aus Bützow, Lkr. LRO und Neustadt-Glewe, Lkr. LUP.

Abb. 1. Brandeisen aus Bützow, Lkr. LRO und Neustadt-Glewe, Lkr. LUP.

Abb. 1. Brandeisen aus Bützow, Lkr. LRO und Neustadt-Glewe, Lkr. LUP.

Aus den ehemals zwölf Außendepots, in denen die archäologischen Kulturgüter des Landes Mecklenburg-Vorpommern bisher untergebracht waren, sind die Bestände in den letzten Jahren in einem Zwischenlager in Schwerin-Süd zusammengeführt worden. Inzwischen wurde auch damit begonnen, die Funde mit ihrer wissenschaftlich korrekten Bezeichnung in einer Datenbank zu erfassen. Diese Erfassung ist eine notwendige Vorarbeit, damit die archäologischen Kulturgüter künftig geordnet und leicht auffindbar in dem geplanten Depot- und Werkstattneubau in Schwerin untergebracht werden können.

Seit März 2015 sind ein Archäologe und zwei technische Mitarbeiter damit beschäftigt, zunächst die in den Klimaräumen des Zwischendepots eingelagerten Metallfunde zu erfassen. Dabei handelt es sich um historische Sammlungsbestände, um Funde aus den Ausgrabungen der letzten 25 Jahre und um Funde, die von ehrenamtlichen Bodendenkmalpflegern bei Begehungen entdeckt und geborgen wurden.

Mit der Erfassung der Funde im Zwischenlager Schwerin-Süd begann gewissermaßen eine "Ausgrabung" im Depot, bei der statt der klassischen Geräte Spaten, Schaufel, Spachtel und Pinsel nun Feinwaage, Lupenlampe, Messschieber und Lineal zum Einsatz kommen.

Es zeigte sich schnell, dass die Sammlungsbestände große Überraschungen bergen. Zum einen ist für viele Fundkomplexe noch niemals eine genaue Ansprache der einzelnen Objekte erfolgt, so dass viele Gegenstände überhaupt erst jetzt "entdeckt" werden. Zum anderen haben die Lagerungsbedingungen in den inzwischen aufgelösten Außendepots und die fehlende konservatorische Bearbeitung einen Teil der Funde stark in Mitleidenschaft gezogen.

Erst durch die Erfassung wird auch das volle wissenschaftliche Potential der Fundkomplexe deutlich. Ein Beispiel hierfür ist die Komplettierung von bisher nur fragmentiert vorliegenden Sonderfunden. Vom seit 1965 wissenschaftlich untersuchten slawischen Handelsplatz Menzlin1 war bisher nur eine Beschlagplatte eines Feuerschlägers vom gotländischen Typ bekannt, die mit einer menschlichen Darstellung im Borrestil verziert ist2. Unter den zwischenzeitlich geborgenen Oberflächenfunden wurde nun das Gegenstück zu der zuerst geborgenen Beschlagplatte entdeckt. Auch sie kann als Beleg für kulturelle Beziehungen nach Gotland in slawischer Zeit dienen (vgl. Fund des Monats Mai 2015).

Die manchmal unscheinbaren Blechfragmente, die durch den Einsatz von Metallsuchgeräten heute auch bei Begehungen entdeckt werden, erweisen sich mitunter ebenfalls als Stücke von herausragendem wissenschaftlichem Wert. Anhand einiger stark fragmentierter Teile von Hohlwulst- und Manschettenringen konnte zum Beispiel ein zerpflügter Hortfund der jüngeren Bronzezeit lokalisiert werden. Ein anderes Blechfragment von einem slawischen Siedlungsplatz bei Gramzow, Lkr. Vorpommern-Greifswald, erwies sich als Teil eines orientalischen Blechgefäßes mit verzahnt überlappender Zackennaht. Auch wenn bei diesem Stück die Gefäßform4 nicht exakt beschrieben werden kann, ist es als Zeugnis des frühen Warenimportes aus den orientalischen Ländern von herausragender wissenschaftlicher Bedeutung.

Die Versorgung Nordeuropas mit Buntmetallen wurde seit der Bronzezeit durch Importe dieser Rohstoffe ermöglicht. Ebenso alt ist die Wiederverwertung von Altmetallen. Dabei lässt sich die Ausbeutung prähistorischer Fundplätze besonders durch fragmentierte "Altmetallfunde" in slawischen Siedlungen belegen. Dass die Ausbeutung urgeschichtlicher Gräber zur Metallgewinnung auch noch im Mittelalter stattfand, lässt sich durch die Aufarbeitung der Fundkomplexe aus den Altstädten nun ebenfalls nachweisen. So befanden sich unter mittelalterlichen Gießereiabfällen aus Ribnitz, Lkr. Vorpommern-Rügen, zwei Klingenbruchstücke eines Bronzeschwertes. Auch zwischen den Oberflächenfunden aus dem Bereich des Klosters Grobe (Wilhelmshof, Lkr. Vorpommern-Greifswald) wurde ein bronzenes Halsringfragment mit Goldummantelung sowie ein ovaler Bronzeniet mit Goldblechauflage entdeckt, die aus der Bronzezeit stammen.

Ab dem ausgehenden 12. Jahrhundert n. Chr. übertrifft die Eisenverarbeitung die der vorangegangenen Perioden um ein vielfaches. Dazu kamen auch umfangreiche Eisenimporte in Form von Barren mit rhombischer Form ins Land. Bei der Erfassung der Sammlungsbestände wurden solche Barren in mehreren mittelalterlichen Fundkomplexen des 12. und 13. Jahrhunderts entdeckt, wobei sogar zwei Depotfunde aus Grammentin, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte, und Schwerin vorliegen. Die Barren wurden häufig geschrotet und portionsweise verarbeitet, so dass von ihnen oftmals nur Bruchstücke erhalten sind. Zieheisen, Gesenke und Körner, wie sie in einem Fundkomplex aus Behnkenhagen, Lkr. Vorpommern-Rügen, entdeckt wurden, zeigen, dass das Schmiedehandwerk auch in ländlichen Siedlungen ausgeübt wurde.

Mittelalterliche Metallfundkomplexe aus den Städten und Burganlagen enthalten häufig zahlreiche Eisennägel. Bei der genauen Erfassung der Sammlungsbestände entpuppen sich manche vermeintlichen Nägel aber auch als langschmale Armbrustbolzen, die wichtige Hinweise bedeutende Auseinandersetzungen liefern können.

Einen ganz besonderen Stellenwert nehmen Fundobjekte ein, die bisher noch nicht in den Sammlungsbeständen vertreten bzw. bekannt waren. Mehrere solcher Objekte konnten nach ihrer Erfassung konserviert bzw. restauriert werden. Zu diesen Sonderfunden gehören zwei Brandeisen (Abb. 1) aus landesherrlichen Burganlagen. Sie dienten der Besitzmarkierung von Pferden und belegen erstmalig archäologisch die hoheitliche Pferdezucht in Mecklenburg.

Eines der Brandeisen (Abb. 2 a, 2 b) stammt aus der Burg Bützow, Lkr. Rostock, die nach der Säkularisierung des Hochstifts 1540 an die Herzöge von Mecklenburg gelangte. Das Stück wurde 2006 während der archäologischen Untersuchungen im Rahmen der Neugestaltung der Burg geborgen. Das 43 cm lange, geschmiedete Brandeisen zeigt als Brandstempel die Initialen FF. Die Höhe der Initialen beträgt 9,0 cm. Der Schaft ist vierkantig ausgeschmiedet und geht in ein Tüllenende über, das den hölzernen Griff aufnahm. Dieser Fund kann mit dem in Bützow unterhaltenen Hengstdepot des Großherzogs Friedrich Franz II. von Mecklenburg (1842 – 1883) in Verbindung gebracht werden, das auf die Errichtung des ersten Landreiterhauses unter Großherzog Friedrich Franz I. von Mecklenburg (1785 – 1837) zurückgeht.

Das zweite Brandeisen stammt aus einem spätmittelalterlichen Schichtpaket der Burg Neustadt-Glewe, Lkr. Ludwigslust-Parchim, die durch Kauf 1358 an das Herzogtum Mecklenburg fiel. Dieses Brandeisen wurde 1995 bei den archäologischen Untersuchungen geborgen, die im Vorfeld geplanter Baumaßnahmen im Innenhof der Burg stattfanden5. Mit diesem Stück lässt sich indirekt die hoheitliche Pferdezucht seit dem ausgehenden Mittelalter belegen, die heute im Landesgestüt Redefin ihre traditionsreiche Nachfolge findet. Das geschmiedete Brandeisen besitzt als Stempel ein durchbrochenes Radkreuz von 5,0 x 5,5 cm Durchmesser, wobei die Kreuzrippen und der Rahmen gekerbt sind (Abb. 3 b). Auch bei diesem 28,5 cm langen Objekt geht der vierkantige Schaft in ein geschmiedetes Tüllenende für die Aufnahme eines Holzgriffes über (Abb. 3 a).

Die angeführten Beispiele veranschaulichen bereits jetzt, welches Potential in der Erfassung und Aufbereitung der Funde steckt. Viele Überraschungen sind angesichts der Fundmengen noch zu erwarten. Die "Ausgrabung" der Ausgrabungen hat gerade erst begonnen.

Dr. Frank Wietrzichowski


Anmerkungen

1 U. Schoknecht: Menzlin. Ein frühgeschichtlicher Handelsplatz an der Peene, Berlin 1977.

2 H. Jöns: Kurze Fundberichte 2003, Slawenzeit/Wikingerzeit, Menzlin Lkr. OVP, Fpl. 5, in: Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern, Jahrbuch 51, 2003, S. 569, Abb. 60; C. M. Schirren: Kurze Fundberichte 2007, Slawenzeit/Wikingerzeit, Menzlin Lkr. OVP, Fpl. 5, in: Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern, Jahrbuch 55, 2007, S. 315

3 vergl. C.M. Schirren: Eine Gotländerin in der Uckermark…?, Fund des Monats Mai 2015

4 zuletzt: W. Lampe, C. M. Schirren: Ein "orientalischer" Blechrand aus einer jungslawischen Siedlung in Murchin, Lkr. OVP, in: Archäologische Berichte aus Mecklenburg-Vorpommern, Bd. 9, 2002, S. 96 – 103, Abb. 3; U. Schoknecht: Die Kleinfunde aus der jungslawischen Siedlung bei Relzow, Lkr. OVP, in: Archäologische Berichte aus Mecklenburg-Vorpommern, Bd. 14, 2007, S. 32, Abb. 9 r.

5 K. D. Gralow: Kurze Fundberichte 1995, Mittelalter/Neuzeit, Neustadt-Glewe Lkr. LWL, Fpl. 7 (Druckfehler, richtig: Fpl. 17), in: Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern, Jahrbuch 43, 1995, S. 372; J.P. Schmidt: Kurze Fundberichte 1997, Mittelalter/Neuzeit, Neustadt-Glewe Lkr. LWL, Fpl. 17, in: Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern, Jahrbuch 45, 1997, S. 452; zuletzt: M. Segschneider: Kurze Fundberichte 2005, Mittelalter/Neuzeit, Neustadt-Glewe Lkr. LWL, Fpl. 17, in : Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern, Jahrbuch 53, 2005, S. 441

Fund des Monats Dezember 2015

Eine Ausgrabung ohne Aushub

Burgwall in 3D

Burgwall unter dem Schweriner Schloss in 3D: 3D-Aufnahme der Bauphase 965 oder kurz danach. (Interner Link: Slawischer Burgwall unter dem Schweriner Schloss)Details anzeigen
Burgwall unter dem Schweriner Schloss in 3D: 3D-Aufnahme der Bauphase 965 oder kurz danach. (Interner Link: Slawischer Burgwall unter dem Schweriner Schloss)

3D-Aufnahme der Bauphase 965 oder kurz danach.

Vor Ort

Infoboxgrafik Exkursionen: Mittelalterliche Burg (Ludorf, Landkreis Müritz) (Interner Link: Exkursionen zu archäologischen und historischen Denkmälern)Details anzeigen
Infoboxgrafik Exkursionen: Mittelalterliche Burg (Ludorf, Landkreis Müritz) (Interner Link: Exkursionen zu archäologischen und historischen Denkmälern)

Infoboxgrafik Exkursionen: Mittelalterliche Burg (Ludorf, Landkreis Müritz)

Ausgestellt

Vitrinen in der Ausstellung im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden (Interner Link: Archäologie in Museen und Ausstellungen)Details anzeigen
Vitrinen in der Ausstellung im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden (Interner Link: Archäologie in Museen und Ausstellungen)

Vitrinen in der Ausstellung im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden