Zerstörte Pracht aus Limoges … Das Beschlagfragment eines Reliquienschreins aus der Hansestadt Stralsund

Fund des Monats Juli 2016

Figürlicher Beschlag eines Reliquiars aus Stralsund, VR Fpl. 438, (H. 74 mm)Details anzeigen
Figürlicher Beschlag eines Reliquiars aus Stralsund, VR Fpl. 438, (H. 74 mm)

Abb. 1 Figürlicher Beschlag eines Reliquiars aus Stralsund, VR Fpl. 438, (H. 74 mm)

Abb. 1 Figürlicher Beschlag eines Reliquiars aus Stralsund, VR Fpl. 438, (H. 74 mm)

Unmittelbar am Westrand der Stralsunder Altstadt, zwischen mittelalterlicher Stadtmauer und frühneuzeitlichen Wallanlagen, verläuft die Straße Knieperwall. Die Bauarbeiten zur Sanierung der Straße wurden durch Mitarbeiter des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege archäologisch begleitet. Dabei entdeckte M. Dachner Anfang Juni 2016 einen bemerkenswerten Gegenstand.

Es handelt sich um eine aus Bronze oder Messing gearbeitete, stark abstrahierte Darstellung eines menschlichen Körpers von 74 mm Länge und maximal 28 mm Breite (Abb. 1-2). Während der Kopf annähernd vollplastisch mit Nase, Augenpartie sowie Kopfbedeckung oder Haartracht ausgeformt ist, wirkt der Körper vom Hals ab sehr flach und profillos. Die Oberfläche ist mit grübchenförmigen Vertiefungen unterschiedlicher Umrisse bedeckt, die durch stegartige, erhöhte Partien getrennt sind. Mit etwas Phantasie erkennt man in der Anordnung die Konturierung eines Obergewandes mit Faltenwurf. Die Rückseite der Figur ist schwach nach innen gewölbt. Dass die Vertiefungen auf der Vorderseite ursprünglich mit farbiger Glasmasse ausgefüllt waren, zeigen die Reste blauen oder grünen Materials, die sich in Spuren an den unteren Vertiefungen erhalten haben; außerdem sind die Augen der Figur als dunkelblaue, knopfartige Glaskugeln angelegt. Die Metalloberfläche um die Vertiefungen herum weist außerdem deutliche Spuren von Korrosion oder mechanischer Beanspruchung auf. Auf der Brust und im unteren Bereich des Körpers befinden sich übereinander Durchlochungen, die der Aufnahme von Nägeln oder Nieten zur Befestigung der Figur auf einem ebenen Untergrund dienten.

Die technologischen und stilistischen Merkmale der Figur sind zugleich deutliche Belege für ihre Herkunft aus Limoges, dem im hohen Mittelalter bedeutenden Zentrum des Emaillehandwerks (Museum of Modern Art 1996). Diese Stadt im Herzen Frankreichs, im damaligen Aquitanien, war ein bedeutendes Handels- und Handwerkszentrum. Dort hatte sich im 12. Jahrhundert ein Handwerkszweig entwickelt, der die Herstellung emaillierter Metallobjekte religiöser und profaner Kunst zu höchster Meisterschaft und hoher Produktivität führte. Die Stralsunder Figur ist in sogenannter Grubenschmelztechnik (émail champlevé) ausgeführt. Waren für diese Technik im 11. Jahrhundert zunächst Arbeiten aus dem Maasgebiet in opaken Glasfarben üblich, bestimmten ab dem späten 12. bzw. frühen 13. Jahrhundert die blauen Farbtöne der Limogeser Werkstätten die Mode.

Emaillierte Figuren in der Art des Stralsunder Fundes waren Bestandteile von Holzkästchen, die, außen mit emaillierten Metallplatten beschlagen und oft noch zusätzlich mit gefassten Edel- und Halbedelsteinen besetzt, als repräsentative und verschließbare Behälter für Reliquien dienten. Figurenapplikationen traten zudem auch an anderer Kleinkunst, wie z.B. Kruzifixen, auf (z.B. Ring 2002). Angebracht wurden die Figuren in der Regel nur auf einer Breitseite und zusätzlich auf einer Seite des Schreindaches. Die auf einigen Schreinen im Hintergrund erhaltenen Aureolen und vereinzelte Tribute weisen auf die Darstellung von Heiligen, Engeln bzw. Evangelisten hin. Die polychrom gestalteten, hausförmigen Reliquiare dienten der Aufbewahrung anbetungswürdiger Reliquien. Die Haus- bzw. Tumba (d.h. grab)-förmigen Reliquiare aus Limoges waren ein handwerkliches Produkt bürgerlicher Werkstätten und ob ihrer farbigen Pracht so beliebt, dass sie in kurzer Zeit im gesamten christlichen Abendland verbreitet waren.

Am Anfang der Entwicklung stehen um 1200 Schreine mit halbplastischen Figurenaufsätzen vor goldenem Hintergrund und dazwischen eingefassten Edel- und Halbedelsteinen bzw. Glasmedaillions. Im Weiteren werden die applizierten Figuren immer mehr mit der Oberfläche der Platten verbunden, bis sie in der Zeit um 1300 als figürliche, szenische und polychrome Darstellungen, nicht selten graphisch konturiert, komplett in flachem Emaille ausgeführt wurden.

Mit dem Stralsunder Fund haben wir also eine frühe Form von hausförmigen Schreinen der Zeit zwischen 1200 und 1230 vor uns. Bedenkt man das Gründungsdatum der Stadt Stralsund im Jahr 1234, liegt mit dem Beschlag also ein Stück vor, das aus der Frühphase der Stadt stammen könnte.

Schreine aus Limoges waren zwar jeder für sich kleine Meisterwerke, aber sie waren auch Massenware. So kennt man heute noch insgesamt rund 700 Reliquienkästchen z. T. sehr unterschiedlicher handwerklicher Qualität, die den dortigen Werkstätten mit Sicherheit zuzuweisen sind. Viel wichtiger als die Kästchen selbst, die vielleicht einfach als "Leerbehälter" verhandelt wurden, waren jedoch die darin enthaltenen Reliquien. Die Anbetung, Verehrung und gesuchte Nähe wie auch permanente oder temporäre Präsentation heiliger Zeugnisse verliehen nicht nur Klöstern und Kirchen, sondern insgesamt den Orten ihrer Aufbewahrung eine besondere Aura und hohes Ansehen. Wenn man es so ausdrücken will, investierten kirchliche wie auch weltliche Personen durch den Erwerb von Reliquien nicht nur in das eigene Seelenheil, sondern die Reliquien dienten gleichzeitig dem Ruhm und nachhaltigen Ansehen des Aufbewahrungsortes selbst. Eine große Zahl von bedeutenden Reliquien war natürlich auch für das Ansehen und die Attraktivität einer neu gegründeten Stadt wie Stralsund von Bedeutung. Und so ist davon auszugehen, dass schon mit Gründung der Stadt und ihrer geistlichen Stätten eine große Zahl Reliquien mit den entsprechenden Behältern (Hand- oder Fußreliquiare, Kopfreliquiare, haus- oder tumbaförmige Schreine, Großplastiken heiliger Figuren mit Reliqienbehältern usw.) zur Grundausstattung gehörten.

Zumindest steht mit der Beschlagfigur vom Knieperwall nun ein kunsthistorisch bedeutsamer Schrein in Verbindung, wie wir ihn im deutschsprachigen Raum vollständig erhalten z. B. aus den Sammlungen des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg, dem Museum Speyer oder den Museen Preußischer Kulturbesitz Berlin kennen. Seine Herkunft aus einer bestimmten Werkstatt in Limoges lässt sich über die bis ins Detail identischen Figuren vermuten, die an mehreren Schreinen, u. a. aus Privatbesitz (Abb. 3-4; dem Auktionshaus James D. Julia/Boston USA sei für die Unterstützung mit Bildmaterial herzlich gedankt) überliefert sind.

Zwar kann uns das Fundstück selbst nichts über seine Geschichte erzählen, aber die Fundumstände können etwas verraten über die Hintergründe seiner Zerstörung. Die Beifunde aus den Aufschüttungen, aus denen auch das Schreinfragment stammt, lassen eine Datierung in das 16. oder frühe 17. Jahrhundert annehmen (freundl. Mitteilung Dr. H. Schäfer und M. Dachner). Damit befinden wir uns in einem Zeitraum großer Umwälzungen in der europäischen Geschichte, denn mit der Reformation der Kirche in der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts durch die Lehren Martin Luthers ging so etwas wie ein Paradigmenwechsel vor sich. Vielerorts, auch in Pommern, entwickelte sich ein völlig neues Verhältnis zu den althergebrachten Formen der Frömmigkeit.

Einen besonderen Wendepunkt für Stralsund stellt das Jahr 1525 und hier insbesondere der 10. April dar. An diesem Tag wurde in der bereits konfessionell gespaltenen Stadt (Anhänger des katholischen Glaubens – "Altgläubige" – vs. Anhänger der lutherischen Lehre – sogenannte "Martiner") eine als Armenmusterung überlieferte Versammlung in der St. Nikolai-Kirche ausgerufen. Diese geriet im Folgenden außer Kontrolle und führte zu Plünderungen. Zunächst versuchten noch Angehörige der Stände und Zünfte ihre Reliquien in Sicherheit zu bringen. Doch dann waren es wohl nicht nur Stadtbewohner niederen Standes, sondern auch allerlei "lose Rotten", die sich an der Zerstörung und Plünderung von Altären und Reliquienbeständen kirchlicher Einrichtungen der Stadt beteiligten (Schnitzler 1999). Dabei wurden die Inhalte der Schatzkammern von Kirchen und Klöstern ebenso wie Altäre aufgebrochen und wertvolle Materialen wie Gold, Silber oder wertvolle Steine entwendet. Nicht unerheblich war auch der Hunger auf in den Klöstern gelagerte Lebensmittelvorräte. Schließlich fielen auch Bildtafeln und Heiligenfiguren dem Ikonoklasmus (Bildersturm) zum Opfer. Die bis dahin hochverehrten Reliquien wurden achtlos weggeworfen: im Hof des Klosters St. Katharinen – und damit nicht weit entfernt vom Fundort des Beschlages – sollen die Überreste in einer Grube verscharrt worden sein. So berichtet es jedenfalls der spätere Bürgermeister und Zeitzeuge Frans Wessel (zitiert nach Heyden 1961, 148). Zwar gelang es dem Rat, durch Einsatz Bewaffneter dem unkontrollierten und chaotischen Treiben, das auf die bürgerlichen Haushalte über zu springen drohte, kurzfristig Einhalt zu gebieten. Wenig später, am Aschermittwoch, rief der Rat sogar zur straffreien Rückgabe geplünderter Wertgegenstände auf (Kohl 2012, 24), wobei offenbar wirklich Wertvolles den Weg zurück in die Kirchen nicht fand.

So sind also diesem kurzen "Kirchenbrechen" viele Kulturschätze unwiederbringlich zum Opfer gefallen. Die zuvor noch verehrten "Heiltümer" scheinen fast schlagartig ihre Wirkmächtigkeit verloren zu haben. Und sicher nicht ohne Grund hat im gleichen Jahr der pommersche Herzog Georg I. wichtige Kleinodien, darunter auch die Reliquien des Klosters Neukamp – schon zehn Jahre vor der eigentlichen Säkularisierung im Jahr 1535 – zur Sicherheit auf sein Schloß nach Wolgast bringen lassen. Ein Schatzfund mit Schlussmünzen von 1525 aus dem St. Johannis-Kloster der Franziskaner in Stralsund, bei archäologischen Grabungen entdeckt, wirft ebenfalls ein Licht auf die Ereignisse des gleichen Jahres (Ansorge 2011).

Außer dem nun gefundenen Schreinbeschlag könnte auch ein 1866 aus dem Bereich des Semlower Kanals geborgenes Kruzifix (Abb. 5) aus Messing (Niedersachsen 12. Jahrhundert) Zeugnis der Ereignisse von 1525 in Stralsund sein: seine Fundumstände, der fragmentierte Zustand und die fehlenden Ziersteine sind zumindest ein Indiz dafür, dass es sich um Plündergut handeln kann (C. Hoffmann, Stralsund Museum sei für die freundliche Unterstützung bei Vermittlung der Fundumstände und des Fotos gedankt).

Dr. C. Michael Schirren


Literatur

Ansorge 2011
Jörg Ansorge, Der Schatz der Franziskaner. Ein Beitrag zum Geldumlauf in Stralsund der Reformationszeit. StraleSunth-Stadt-Schreiber 1, 2011, 65-70.

Heyden 1961
Hellmuth Heyden, Die Kirchen Stralsunds und ihre Geschichte (Berlin 1961)

Kohl 2012
Horst Kohl (Hrsg.), Der Stralsunder Bürgermeister Bartholomäus Sastrow - Ein Deutscher Bürger im 16. Jahrhundert. Nachdruck der Ausgabe von 1912 (Hamburg 2012)

Kunkel 2013
Burkhard Kunkel, "…datt nicht mehr affgoederie edder mißbrukes darmit bedreven werden mochte." Über den Umgang mit den bildkünstlerischen Altarausstattungen der Stralsunder Konventskirchen zur Zeit der konfessionellen Wende. Stargardia VIII, 2013, 99-117

Museum of Modern Art 1996
Museum of Modern Art New York (Hrsg.), Enamels of Limoges 1100-1350 (New York 1996)

Ring 2002
Edgar Ring, Johannes aus Limoges. In: E.-Ring ( Hrsg.), Denkmalpflege in Lüneburg 2001. Bodeneinblicke-11 Jahre Stadtarchäologie in Lüneburg (Lüneburg 2002), 71-73.

Schnitzler 1999
Norbert Schnitzler, "Kirchenbruch" und "lose Rotten". Gewalt, Recht und Reformation (Stralsund 1525). In: Bernhard Jussen und Craig Koslofsk (Hrsg.) Kulturelle Reformation. Sinnformationen im Umbruch 1400 bis 1600 (Göttingen 1999), 285-315

Fund des Monats Juli 2016

Zerstörte Pracht aus Limoges…Das Beschlagfragment eines Reliquienschreins aus der Hansestadt Stralsund

Burgwall in 3D

Burgwall unter dem Schweriner Schloss in 3D: 3D-Aufnahme der Bauphase 965 oder kurz danach. (Interner Link: Slawischer Burgwall unter dem Schweriner Schloss)Details anzeigen
Burgwall unter dem Schweriner Schloss in 3D: 3D-Aufnahme der Bauphase 965 oder kurz danach. (Interner Link: Slawischer Burgwall unter dem Schweriner Schloss)

3D-Aufnahme der Bauphase 965 oder kurz danach.

Vor Ort

Infoboxgrafik Exkursionen: Mittelalterliche Burg (Ludorf, Landkreis Müritz) (Interner Link: Exkursionen zu archäologischen und historischen Denkmälern)Details anzeigen
Infoboxgrafik Exkursionen: Mittelalterliche Burg (Ludorf, Landkreis Müritz) (Interner Link: Exkursionen zu archäologischen und historischen Denkmälern)

Infoboxgrafik Exkursionen: Mittelalterliche Burg (Ludorf, Landkreis Müritz)

Ausgestellt

Vitrinen in der Ausstellung im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden (Interner Link: Archäologie in Museen und Ausstellungen)Details anzeigen
Vitrinen in der Ausstellung im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden (Interner Link: Archäologie in Museen und Ausstellungen)

Vitrinen in der Ausstellung im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden