Stört einmal der Schalenstein, so graben wir ihn einfach ein!

Fund des Monats

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Ein freigelegter Granitfindling

Abb. 1: Pasewalk, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Fpl. 36. Der freigelegte Granitfindling.

Abb. 1: Pasewalk, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Fpl. 36. Der freigelegte Granitfindling.

Die Sitte, Steinoberflächen mit kleinen, rundlichen Vertiefungen („Schälchen“) zu versehen, war in der Bronzezeit in großen Teilen Nordeuropas verbreitet. Während die Schälchen in Skandinavien zusammen mit anderen Motiven auf Felsbildern anzutreffen sind, finden sie sich in Mecklenburg-Vorpommern vornehmlich auf Findlingen von teils beachtlicher Größe. Dabei kann es sich um einzelne Geschiebe handeln, nicht selten sind aber auch freiliegende Decksteine jungsteinzeitlicher Megalithgräber mit Schälchen versehen worden. Selbst wenn der Sinngehalt der Schälchen unterschiedlich gedeutet wird, so steht ihr religiöser Kontext außer Frage.

Meist handelt es sich bei den Schälchen- oder Schalensteinen um obertägig gut sichtbare Bodendenkmale. Dass dies auch anders sein kann, zeigt ein Fundstück, das jüngst bei Pasewalk (Lkr. Vorpommern-Greifswald) unmittelbar südlich der Ueckerniederung entdeckt wurde. Dort mussten im Trassenverlauf der Europäischen Erdgasleitung (EUGAL) Teile einer kaiserzeitlichen Siedlung ausgegraben werden, die sich durch gut erhaltene Befunde und ein bemerkenswert reichhaltiges Fundmaterial – darunter diverse Fibeln, einige Importfunde sowie mehrere verzierte Geweihkämme – auszeichnet.

Zu den kaiserzeitlichen Siedlungshinterlassenschaften gehört auch eine 7,7 x 7 m große Grube im östlichen Randbereich der Untersuchungsfläche. Die Verfüllung der fast 2 m tiefen Grube barg nicht nur große Mengen an zeittypischer Keramik und Tierknochen, sondern auch eine bronzene Nähnadel, zwei Sandsteinspinnwirtel sowie zwei Fragmente von Geweihkämmen. Dass die Eingrabung zudem einen größeren Stein enthielt, zeichnete sich bereits beim Abtrag des Oberbodens ab. Wie gewaltig seine Abmessungen waren (3,1 x 3 x 2,2 m, Gewicht etwa 10 t), zeigten aber erst die weiteren Freilegungsarbeiten (Abb. 1). Der Granitfindling hatte offenbar den kaiserzeitlichen Siedlungsalltag gestört und war deshalb versenkt worden, wobei nicht zu entscheiden ist, ob die Grube primär für das Versenken des Findlings gegraben oder lediglich sekundär für dessen Entsorgung genutzt wurde.

Sicher ist indes, dass es sich bei dem Granitblock um einen bronzezeitlichen Schalenstein handelt, denn an seiner Westseite fanden sich 13 kaum verwitterte, näpfchenartige Schälchen (Abb. 2). Diese hatten Durchmesser von 6 bis 10 cm und verteilten sich über eine Fläche von 1,3 m². Da die Innenflächen sehr glatt waren, hatte man sie offensichtlich eingeschliffen und nicht eingepickt, wie dies für die zeitgleichen Radkreuze bisweilen belegt ist. Es ist zu vermuten, dass der Stein beim Versenken in Seitenlage geriet, denn der mit Schälchen versehene Teil bildete sicher ehemals die Oberseite. Ohne Frage handelt es sich bei diesem Objekt um den größten und schwersten Einzelfund, der bei Grabungen in Mecklenburg-Vorpommern bislang entdeckt wurde.

Dass der Schalenstein nicht singulär in der Landschaft gelegen hat, zeigt ein in unmittelbarer Nähe gefundenes, beim Aufprall auf einen harten Gegenstand verbogenes Fragment einer Bronzelanzenspitze (Abb. 3). Weitere Bronzefunde, unter anderem ein 8,2 cm langes Messerfragment, zwei Plattenfibelnadeln oder ein Dreipaßanhänger (Abb. 4), deuten auf intensive bronzezeitliche Aktivitäten im Umfeld des Schalensteines hin. Etwa 30 m südlich, nur durch eine Senke getrennt, kamen mehrere bronzezeitliche Siedlungsgruben zutage. Bereits 2008 war 200 m südlich ein zweiteiliger ungeregelter Feuerstellenplatz aufgedeckt worden.

Dr. Jens-Peter Schmidt/Uwe Weiß

Literatur:

K.-H. Dittmann: Untersuchung eines Schalensteins im Sachsenwald. – Offa 4, 1939, 169–177.

S. Hesse: Zu den sogenannten Schalen- oder Schälchensteinen im Landkreis Rotenburg (Wümme). – Archäologische Berichte des Landkreises Rotenburg (Wümme) 10, 2003, 93–116.

P. B. Richter: Der "Opferstein" von Melzingen, Ldkr. Uelzen. – Die Kunde, Neue Folge 47, 1996, 409-434.

S. Schacht: Radkreuze und Schälchen an drei Megalithgräbern im Raum Rerik, Kr. Bad Doberan. – Ausgrabungen und Funde 40, 1995, 140–144.

J.-P. Schmidt: Garküchen auf freiem Feld?- Feuerstellenplätze im Trassenverlauf von OPAL und NEL, in: D. Jantzen, L. Saalow und J.-P. Schmidt (Hrsg.), Pipeline:Archäologie, Ausgrabungen auf den großen Ferngastrassen in Mecklenburg-Vorpommern. Schwerin 2014, 145-156.

G. Wegner: Zeugnisse für Religion und Kult. In: G. Wegner (Hrsg.), Leben - Glauben - Sterben vor 3000 Jahren: Bronzezeit in Niedersachsen. – Beihefte zu Ausstellungen der Abteilung Urgeschichte des Niedersächsischen Landesmuseums Hannover 7. Oldenburg 1996, 195–218.

Fund des Monats Januar 2018

Stört einmal der Schalenstein, so graben wir ihn einfach ein!

Burgwall in 3D

Burgwall unter dem Schweriner Schloss in 3D: 3D-Aufnahme der Bauphase 965 oder kurz danach. (Interner Link: Slawischer Burgwall unter dem Schweriner Schloss)Details anzeigen
Burgwall unter dem Schweriner Schloss in 3D: 3D-Aufnahme der Bauphase 965 oder kurz danach. (Interner Link: Slawischer Burgwall unter dem Schweriner Schloss)

3D-Aufnahme der Bauphase 965 oder kurz danach.

Vor Ort

Infoboxgrafik Exkursionen: Mittelalterliche Burg (Ludorf, Landkreis Müritz) (Interner Link: Exkursionen zu archäologischen und historischen Denkmälern)Details anzeigen
Infoboxgrafik Exkursionen: Mittelalterliche Burg (Ludorf, Landkreis Müritz) (Interner Link: Exkursionen zu archäologischen und historischen Denkmälern)

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Ausgestellt

Vitrinen in der Ausstellung im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden (Interner Link: Archäologie in Museen und Ausstellungen)Details anzeigen
Vitrinen in der Ausstellung im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden (Interner Link: Archäologie in Museen und Ausstellungen)

Vitrinen in der Ausstellung im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden