Tagebuch einer Reise nach Brasilien im Jahre 1824

Archivalie des Monats Juni 2007

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Die Jahre 1824/25 gehören zu den wenigen historischen Zeitpunkten, in denen das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin über seine Grenzen hinaus Schlagzeilen machte. In diesen Jahren wurde mehr als 300 Insassen des Landarbeitshauses Güstrow, des Zuchthauses Dömitz und des Kriminalgefängnisses Bützow die Ausreise nach Brasilien unter Erlassung ihrer Reststrafen gestattet. Ursächlich für die gesteigerte Aufmerksamkeit war allerdings weniger die Art und Weise, mit der hier ein soziales Problem behoben werden sollte. Hamburg beispielsweise verfuhr ebenso, Preußen zog ähnliche Maßnahmen zumindest in Erwägung und es gab durchaus öffentliche Stimmen, die eine staatlich geförderte Auswanderung als "soziales Sicherheitsventil" und als "Heilmittel gegen Revolutionen" priesen. Auch handelte es sich nicht, wie gelegentlich behauptet, um die Deportation von Sträflingen, denn gen Brasilien verließen ausschließlich Freiwillige die genannten Strafanstalten.

Missbilligt wurde seinerzeit vielmehr, dass Mecklenburg-Schwerin durch die Auswanderung seiner Landeskinder die international nicht anerkannte brasilianische Monarchie unterstütze. Darüber hinaus standen die Werbemethoden des brasilianischen Auswanderungsagenten Georg Anton von Schäffer heftig in der Kritik: Der sei ein "Seelenverkäufer", der unter Vorspiegelung falscher Tatsachen seine Geschäfte mit den Auswanderern mache, die nach Schiffsreisen unter menschenunwürdigen Bedingungen für die brasilianische Armee zwangsrekrutiert würden. Derartige Anschuldigungen entbehrten zwar nicht gänzlich der Wahrheit, sind in ihrer Pauschalität jedoch nicht haltbar. Beispielsweise ist unwiderlegbar, dass deutsche Auswanderer, ehemalige Insassen mecklenburgischer Strafanstalten eingeschlossen, erfolgreich im südbrasilianischen São Leopoldo siedelten. Ebenso existieren glaubwürdige Dokumente, die den Vorwurf widerlegen, auf den Auswandererschiffen seien nicht genug Nahrungsmittel vorhanden gewesen.

Ungeachtet dessen waren die Bedingungen bei der Überfahrt alles andere als komfortabel. Das "Tagebuch auf der Reise nach Brasilien" aus der Feder des zwar aus Dömitz, jedoch nicht aus dem dortigen Zuchthaus stammenden brasilianischen Unteroffiziers Tessmann beispielsweise verliert zwar hinsichtlich der Ernährung kein Wort. Stattdessen hält es in den bisweilen deftigen Worten eines Mannes aus einfachen Verhältnissen das eiserne Disziplinarregiment an Bord seines Schiffes fest. Nachdem er sich am 23. Juni 1824 in Altona eingeschifft hatte, bringt er am 15. Juli das erste Vergehen bzw. die erste Bestrafung zur Sprache. Ab 31. Juli – Cuxhaven war wegen widriger Winde längst noch nicht passiert – nehmen dieselben signifikant zu, reduzieren sich jedoch deutlich nach dem 7. September – am 11. waren es noch 90 Meilen bis zur "Sonnenlinie" – bzw. nach etwa der Hälfte der Bordtage. Da sich auch zahlreiche 'Zivilisten' an Bord befanden, kann für die Strafmaßnahmen also nicht allein die Anwesenheit von ehemaligen Sträflingen ursächlich gewesen sein, sondern mindestens ebenso die Enge an Bord und die Dauer der Reise.

Anlässe zu Bestrafungen boten "Unreinlichkeit", "Resonniren", schlichter Schabernack wie "Blätter die er seinen Cameraden aufgegossen hatte", "schlechtes Betragen beim Wasser trinken", Alkoholdiebstahl und Trunkenheit, Schlägereien, Händel bzw. Streitigkeiten aller Art. In letztere eingeschlossen waren sowohl Ehezwistigkeiten, die vermutlich erst bei einem handgreiflichen Finale erwähnens- bzw. strafenswert wurden, als auch Missachtung von Vorgesetzten. Beispielsweise "verging sich ein Schlafcamerad in Hinsicht der Höflichkeit (Harn genannt) an seinen Korporal", einem Wärter wurde "mit ein Löffel voll heißen Erbsen in die Augen geschmissen." Und als eine Frau, deren Mann erst am 31. August an Bord verstarb, am 5. September "schon wieder Willens einen anderen [...] zuheirathen" war, wurden "beide von dem Commandeur mit Arschprügel verwiesen, wenn sie die Gemeinschaft auf Schiff nicht hinterließen."

Mit 22 Fällen stellte Arrest, auch Arrest bei Wasser und Brot, die bevorzugte Strafe dar. Es folgten elf Fälle der schon erwähnten "Arschprügel" zuzüglich dreien von "Prügel" bzw. je einem "von mit 1 Schu was auf den Arsch" und "was mit den Schu". Hinzu kamen fünf Degradierungen sowie drei Strafwachen. Hinsichtlich der Prügelstrafen ist nicht auszuschließen, dass dafür bei den erwähnten Schuhschlägen oder in Fällen wie dem der "Schweinerey welches er in sein Lager getrieben hatte", die 'Kameraden' selbst verantwortlich zeichneten. Insgesamt aber dürften die Disziplinarmaßnahmen notwendig gewesen sein, um die Reise überhaupt beenden zu können. Auch ist zu berücksichtigen, dass sich viele Passagiere bereits in einem militärischen Unterstellungsverhältnis befanden und insofern besonderen Regeln unterworfen waren.

Allerdings kann auch das keine Rechtfertigung für das aus heutiger Sicht unmoralisch und hart erscheinende Strafregiment darstellen. Diesbezüglich sei jedoch angemerkt, dass Graf von der Osten-Sacken, der als eigentlicher Protagonist der Auswanderung mecklenburgischer Sträflinge gelten kann und der dieses Reisetagebuch Großherzog Friedrich Franz I. zukommen ließ, den Reiseverlauf für "sehr glücklich" hielt...

Dr. Matthias Manke


Quelle

Best. 2.26-1, Nr. 53, ad quadr. 39

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