Der Ernstfall war vorbereitet

Archivalie des Monats August 2007

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Fernschreiben vom 13.8.1961

Fernschreiben vom 13.8.1961

Fernschreiben vom 13.8.1961

Ein brisantes Schlüsselereignis deutscher Nachkriegspolitik verbindet sich zweifellos mit dem 13. August 1961, als die DDR mit Billigung Moskaus und der Warschauer Vertragsstaaten den Westen Berlins mit einer Mauer, Stacheldraht und Todesstreifen für all jene DDR-Bürger künftig unerreichbar machte, die nicht mehr in der DDR leben wollten, in Westberlin ihre Arbeitsstelle hatten oder sich nur mal einen Film ansehen wollten. Entscheidend hat der Bau der Mauer das Leben der Menschen in beiden deutschen Staaten bis zu ihrem Fall im Herbst 1989 beeinflusst und war ein Symbol für Unfreiheit und Entmündigung der Bürger.

Die Situation in und um Berlin war zu diesem Zeitpunkt auf das Äußerste aufgeheizt und angespannt. Tausende hochqualifizierte Arbeitskräfte, die in der DDR dringend benötigt wurden, hatten in den letzten Monaten das Land in Richtung Bundesrepublik verlassen. Die medizinische Versorgung der Bevölkerung war in einigen Regionen nicht mehr voll gewährleistet und in der Produktion traten Engpässe auf, die sich negativ auf die ohnehin angespannte Versorgungssituation auswirkten. Die DDR-Führung stand unter einem ungeheuren Handlungsdruck, da ihre Existenz in Frage gestellt wurde.

Ein Fernschreiben des Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates Walter Ulbricht, der noch tags zuvor den Bau der Mauer kategorisch verneinte, an die 1. Sekretäre der Bezirksleitungen belegt, dass man sich des hohen Risikos für den Frieden bei dieser Maßnahme bewusst war. Mit der Herstellung der Arbeitsbereitschaft der Einsatzleitungen auf Bezirks- und Kreisebene Übernahmen die für den militärischen Ernstfall gebildeten Gremien die politische und militärische Führung in den jeweiligen Territorien. Das Fernschreiben beinhaltet nicht schlechthin eine Anordnung oder Direktive für den besonderen Fall, sondern den militärischen Befehl, der bedingungslos zu erfüllen war. "Bei Eintritt einer besonderen Lage, die den Einsatz bewaffneter Kräfte des Bezirkes erfordert, ist der Entschluss für den Einsatz der Kräfte zu melden." Diese besondere Lage konnte das militärische Eingreifen der Westmächte genauso bedeuten wie ein spontaner Aufstand der Bevölkerung. Die Schlappe des 17. Juni 1953, als nur durch das militärische Eingreifen der Sowjetunion der Sturz des SED-Regimes verhindert wurde, sollte sich auf keinen Fall wiederholen. Es kam aber weder zur militärischen Auseinandersetzung mit dem Westen noch zu größeren Protesten der DDR-Bevölkerung, die ein Eingreifen von Militär und Polizei erforderlich gemacht hätten.

Mit dem Bau der Mauer lief gleichzeitig die Propaganda auf Hochtouren. In der Terminologie der SED handelte es sich "um die Errichtung eines antifaschistischen Schutzwalls im Interesse der DDR und ihrer Bürger gegen die aggressiven Absichten des Imperialismus". Jedoch nur wenige Menschen waren hiervon zu überzeugen. Wenn es zunächst auch nur wenige Menschen waren, denen die Flucht über die Mauer in den Westen gelang, so änderte sich das doch 1989 auf dramatische Weise. Der Bau der Mauer, die Errichtung von Selbstschussanlagen an dem Zaun, der das deutsche Volk teilen und die Staaten voneinander abgrenzen sollte, richtete sich letztlich gegen die Erbauer selbst.

Die Öffnung der Archive nach der Wende brachte Dokumente zum Vorschein, die sowohl die Demagogie der SED-Führung in ihrer Agitation und Propaganda als auch die Reaktion der Bevölkerung auf den Mauerbau offen legten. Die "strenge Wahrung der Bestimmungen über die Geheimhaltung" wurde aufgehoben, aber nicht durch die Geheimhalter selbst, denn die hatten ihre Macht bereits verloren.

Dr. Klaus Schwabe


Quelle

10.34-7 Bezirksleitung der SED Neubrandenburg Nr. 835)

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