Zeitkritische Dichtung oder "Spottlied über die heutige demokratische Bewegung"?

Archivalie des Monats Oktober 2007

Abb. Handschrift des "Spottliedes"Details anzeigen
Abb. Handschrift des "Spottliedes"

Abb. Handschrift des "Spottliedes"

Abb. Handschrift des "Spottliedes"

Rein äußerlich betrachtet handelt es sich bei dieser Archivalie des Monats um einen unscheinbaren Text auf einem unscheinbaren Blatt Papier in einer unscheinbaren Akte, weder Urheber noch Entstehungszeitpunkt bzw. -kontext sind erkennbar. Dieser oberflächliche Eindruck lässt sich jedoch schnell in sein Gegenteil umkehren. Die entsprechende Akte stammt aus dem sogenannten NS-Archiv der DDR-Staatssicherheit, der Vorgang entstand 1948 beim Kriminalamt Schwerin, das das Blatt Papier als "Spottlied über die heutige demokratische Bewegung" einstufte.

Ob der Text tatsächlich auf die "demokratische Bewegung" zielte, sei einmal dahingestellt, gefallen konnte er den neuen Machthabern aufgrund der heftigen Kritik an den herrschenden (macht-)politischen und sozialen Verhältnissen aber in der Tat nicht. Thematisiert wurde nicht allein die Sorge des "kleinen Mannes" um das tägliche Überleben, sondern ein parallel dazu existierendes Schlaraffenland der Funktionäre und Bürokraten sowie Willkürakte der sowjetischen Besatzungsmacht. Die Dichtung gipfelt in der Aussage, dass die politisch Mächtigen unabhängig von der politischen Farbenlehre immer zu ihren Gunsten regieren. Die beiden entsprechenden Schlusszeilen kommen im Übrigen ebenso wenig wie die zweite Strophe in den anderen bekannten Fassungen dieses Liedes vor!1

Deutschland, Deutschland ohne alles
ohne Butter ohne Speck
und das bischen Marmelade frisst uns noch,
die Verwaltung weg,
die Preise hoch die Grenzen fest geschlossen
die Not marschiert mit ruhigem festen Schritt
es hungern immer nur die kleinen Volksgenossen
die Bonzen hungern nur im Geiste mit.
Hände falten Köpfe senken,
komm Herr Piek sei unser Gast
und gieb uns das was du uns versprochen hast,
nicht nur Rübenblätter und Kohl
sondern was du isst und Grotewohl
wir habe nichts auf den Teller
nichts auf den Boden und nichts im Keller
auf dem Klo kaum das Papier
Pieck befiehl wir folgen dir,
Willkommen Befreier
ihr nehmt uns die Eier
die Milch und die Butter
das Vieh und sein Futter.
Auch Uhren und Ringe
und ähnliche Dinge.
Waggons und die Gleise
nehmt ihr mit auf die Reise.
Von all diesen Plunder habt ihr uns befreit.
Wir weinen vor Freude wie nett ihr uns seit
wie schlecht wars doch früher wie schön ist es heut
Willkommen ihr Befreier ihr herrlichen Leut
die Braunen sind zerrieben die Roten sind am Ziehl
die Bonzen sind geblieben es war nur ein Farbenspiehl!

Der unbekannte Dichter adaptierte für seine Sicht auf den Alltag weithin bekanntes Versgut höchst konträren Ursprungs. Bei einer Aufspaltung des an sich monolithischen Textblockes liegt die erste Strophe auf dem "Deutschlandlied", die zweite auf dem sogenannten "Horst-Wessel-Lied", die dritte auf das Tischgebet "Komm Herr Jesus". Am Ende der vierten Strophe klingt die Schlusszeile "Führer befiehl, wir folgen Dir" des Refrains des nationalsozialistischen Kampfliedes "Von Finnland bis zum Schwarzen Meer" an. Die fünfte und sechste Strophe passen auf ein bekanntes Volkslied, das keine geringeren als Johann Wolfgang von Goethe ("Da droben auf jenem Berge") und Heinrich Heine unter demselben Titel im "Buch der Lieder" (1827) popularisierten und das seitdem mit diversen Spaßtexten im Volksmund kursiert.

Erkennbare Konsequenzen hatte die subversive Dichtkunst in dem hier interessierenden Kontext allerdings nicht. Bekannt geworden war sie den Behörden aufgrund der Anzeige von Helene R. aus Gadebusch gegen ihren Nachbarn Heinrich K., beide im Übrigen SED-Mitglieder. Die Dame beschuldigte den Herrn, sie im Oktober 1947 zu der hier überlieferten Abschrift des Textes und ihre Söhne gegen Zahlung von 20 RM zur Aushängung der Abschriften am "Schwarzen Brett" aufgefordert zu haben. Der Angeschuldigte wies diese Darstellung als Ausdruck persönlicher Missgunst von sich und bezichtigte seinerseits die Nachbarin des Verkehrs mit zwei Schwarzhändlerinnen aus Lübeck. Das ermittelnde Kommissariat K5 wusste sich in dieser Situation, in der Aussage gegen Aussage stand, offenbar nicht anders zu helfen als den Vorgang zu den Akten zu schreiben.

Dr. Matthias Manke


Quelle

9.4-1, Obj. 02, ZD 462

1.) Links

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