Der Landesgrundgesetzliche Erbvergleich von 1755

Archivalie des Monats Juli 2008

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Seite aus dem Landes- grundgesetzlichen Erbvergleich von 1755

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In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts prägten Auseinandersetzungen um die Verfassung, genauer gesagt der Kampf um Souveränität und Macht, die mecklenburgische Politik. Die Hauptakteure in diesem Konflikt waren die Landesherrschaft auf der einen und die Landstände auf der anderen Seite. Beide bedienten sich im Übrigen Verbündeter außerhalb der Landesgrenzen, die freilich auch eigene Interessen verfolgten. Die Wende in die jahrelang völlig verfahrene Situation brachte das Jahr 1747 mit sich, in dessen letztem Monat Christian Ludwig II. die Regentschaft in Mecklenburg-Schwerin übernahm. Seiner Ausgleichspolitik war nach einigen Zwischenschritten und zähen Verhandlungen mittelfristig Erfolg beschieden. Am Ende des mecklenburg-schwerinschen Konvokationstags, der im Oktober 1754 begonnen hatte, stand am 18. April 1755 schließlich der Landesgrundgesetzliche Erbvergleich (LGGEV).

Dieses Datum verkörperte, zumal Herzog Adolf Friedrich IV. von Mecklenburg-Strelitz sich wenig später anschloss, für die Zeitgenossen den lang ersehnten Friedensschluss, der das zerrüttete Land wieder regierbar machen und zurück auf den Weg der Normalität bzw. Prosperität führen sollte. Nüchtern betrachtet stellte der LGGEV einen Kompromiss über die Verteilung von Macht und Herrschaft dar. Einerseits entsagte die Landesherrschaft einem absoluten Staat und ließ die Stände an politischen Entscheidungen partizipieren. Andererseits erhielten die Stände eine Bestätigung ihrer Landständischen Union, die mit dem gesamtmecklenburgischen Landtag als Kern seit 1523 Garant für die Einheit des Landes war und eventuellen Landesteilungen entgegen stand. Bei genauerem Hinsehen bekamen die Stände jedoch noch weitaus mehr, nämlich eine Bestätigung ihrer tradierten Privilegien. Dazu gehörten Bauernlegen und Leibeigenschaft, die Nutzung der einträglichen Klosterstellen und andere ökonomische, soziale und politische Vorteile mehr.

Der LGGEV mit seinen 530 Paragrafen in 25 Artikeln brachte dem Land ebenso eine politische wie eine Finanzverfassung, mit dem Landtag begrenzte er die landesherrliche Regierungsgewalt bzw. institutionalisierte die politischen Mitbestimmungsrechte der Landstände. Politisch gab es einen landesherrschaftlichen und einen landständischen Zuständigkeitsbereich, der sich in einen ritterschaftlichen Teil der landwirtschaftlichen Grundeigentümer und einen landschaftlichen Teil der Städte (außer Rostock) untergliederte. Im sogenannten Domanium besaßen die Herzöge das Grundeigentum, über dessen Erträge sie frei verfügen konnten, und die uneingeschränkte politische Macht. Demgegenüber hatten sie in den ständischen Selbstverwaltungsgebieten keinen bzw. relativ wenig Einfluss. Im ritterschaftlichen Gebiet lagen Polizeigewalt und untere Gerichtsbarkeit in den Händen der Gutsbesitzer, eine Verhinderung des Bauernlegens durch die Landesherrschaft war – ganz abgesehen davon, dass es auch im Domanium in Größenordnungen stattfand – so gut wie unmöglich.

Die Finanzverfassung basierte zu einem wesentlichen Teil auf Steuern, die den ständischen Beitrag zur Bestreitung des Landesregiments darstellten bzw. die Aufbringung der Mittel für die staatlichen Kernaufgaben sicherten. Ihre Zustimmung zur Deckung zusätzlichen Geldbedarfs erteilten die Stände in der Regel nicht ohne Zugeständnisse zum eigenen Vorteil, den sie bzw. ein Teil von ihnen im Übrigen schon im LGGEV verankert hatten: Die Hälfte des ritterschaftlichen Grundbesitzes war nämlich steuerfrei geblieben... Der jährlich abwechselnd in Malchin und Sternberg gehaltene Landtag schließlich bildete das einigende Band der drei Landesteile Domanium, Landschaft und Ritterschaft. Während jedoch die Gutsbesitzer ihre politischen Partizipationsrechte persönlich ausüben konnten, wie der LGGEV im Übrigen in der Vielzahl ihrer Siegel und Unterschriften widerspiegelt (siehe Abbildung), waren die Rechte anderer reduziert. Die städtischen Bürger mussten sich auf die städtischen Repräsentanten verlassen, die Bewohner des Domaniums auf die Landesherrschaft und der Bauernstand hatte im Landtag ebenso wenig eine Stimme wie der vom LGGEV ausgenommene Landesteil Ratzeburg.

Als Herrschaftskompromiss aus der Mitte des 18. Jahrhunderts krankte der LGGEV jedoch nicht vordergründig daran, dass die Zugeständnisse der Landesherrschaft an die Stände und insbesondere an die ritterschaftlichen Grundbesitzer größer waren als umgekehrt. Die Schwäche des erbvergleichlichen Systems bestand vielmehr darin, dass sein fragiles Gleichgewicht veränderten äußeren Rahmenbedingungen nicht standhalten konnte. Der Modernisierungsbedarf entwickelte sich bis 1918 zum Modernisierungsstau, weil die Stände die erforderlichen Reformen zu verhindern trachteten und dabei auf eine zumeist wenig engagierte Landesherrschaft trafen. Entsprechende Chancen und Notwendigkeiten wurden in der Franzosenzeit und im Vormärz ebenso ausgelassen wie in den Jahren 1848/49 nach 1870/71. Damit verlor Mecklenburg im 19. Jahrhundert nicht nur den Anschluss an die deutsche und europäische Entwicklung, sondern wurde zum Synonym für Rückständigkeit.

Dr. Matthias Manke


Literaturhinweis

Matthias Manke / Ernst Münch (Hg.): Verfassung und Lebenswirklichkeit. Der Landesgrundgesetzliche Erbvergleich von 1755 in seiner Zeit, Lübeck 2006
(Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Mecklenburg, Reihe B, N.F., 1)

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