Die Macht über die Bilder. Der 30.000. Heimkehrer aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft (1948)

Archivalie des Monats Februar 2009

Landes-Zeitung vom 5. Juli 1948, Seite 1Details anzeigen
Landes-Zeitung vom 5. Juli 1948, Seite 1

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Am 10. Dezember 2007 verabschiedete der Deutsche Bundestag nach längeren Verhandlungen ein Gesetz, für dessen Vollzug den staatlichen und kommunalen Archiven eine wichtige Rolle zukommen dürfte. Dieses Heimkehrerentschädigungsgesetz genannte "Gesetz über eine einmalige Entschädigung an die Heimkehrer aus dem Beitrittsgebiet" gewährt ausschließlich jenen Repatriierten unter den ca. elf Millionen deutschen Kriegsgefangenen der alliierten Siegermächte des zweiten Weltkrieges, die nach dem 31. Dezember 1946 in das später sogenannte Beitrittsgebiet entlassen wurden, eine finanzielle Entschädigung. Bei der Verabschiedung des Gesetzes wurde zunächst von gut 15.000 Anspruchsberechtigten ausgegangen. Aber schon Mitte des Jahres 2008 lagen mehr als 33.000 Anträge vor, die im Übrigen bis Ende 2009 an das Bundesverwaltungsamt in Köln zu stellen sind. Die Höhe der Einmalzahlung von 500, 1.000 oder 1.500 Euro, zu verstehen als symbolische Anerkennung für die in der Kriegsgefangenschaft erbrachte Reparationsleistung, richtet sich nach der Dauer des Gewahrsams.

Diese ist laut Gesetz durch den Entlassungsschein oder auf andere Weise glaubhaft zu machen. Viele der repatriierten Kriegsgefangenen mussten ihren Entlassungsschein damals jedoch in den Heimkehrerlagern, in Lazarettzügen oder Krankenhäusern, bei der Rückmeldung in den Heimatorten oder bei der Suche nach Arbeit in den Arbeitsämtern abgeben. Insofern hofft ein großer Teil, dass sich der Entlassungsschein oder ein anderes Dokument zum Nachweis ihrer Kriegsgefangenschaft in den Beständen der Archive findet. Artur Schmidke aus Wismar sollte damit im Zweifelsfall keine Probleme haben, denn seine Rückkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft wurde öffentlich gemacht: Er gilt als der 30.000. Kriegsheimkehrer aus der Sowjetunion nach Mecklenburg, so dass über seine Ankunft am 3. Juli 1948 zwei Tage später die Landes-Zeitung – das SED-Presseorgan für Mecklenburg – berichtete.

In das damalige Land Mecklenburg(-Vorpommern) kamen bereits 1945 ca. 45.000 von den Westalliierten entlassene Kriegsgefangene, denen 1946 noch einmal ca. 26.500 folgten. Aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft waren es im gleichen Zeitraum 10.500-10.700 (1945) bzw. max. 9.400 (1946). Während die westlichen Siegermächte die Entlassung ihrer Kriegsinternierten im Wesentlichen 1946/47 abschlossen, musste gleichzeitig noch von etwa drei Millionen Gefangenen in der Sowjetunion ausgegangen werden. Eine Lösung für sie deutete sich im Frühjahr 1947 im Ergebnis der Moskauer Außenministerkonferenz an, als alle Siegermächte sich zur Freilassung ihrer Kriegsgefangenen bis Ende 1948 bereit erklärten. Diese Verpflichtung löste die Sowjetunion im Konferenzjahr jedoch eher zögerlich ein – Mecklenburg beispielsweise nahm 1947 lediglich 7.300 Ostheimkehrer auf. Im Folgejahr musste daher mit einem Vielfachen gerechnet werden, so dass die SED das Jahr 1948 zum "Jahr der Heimkehrer" deklarierte.

Die wirkliche Zahl der Ostheimkehrer belief sich 1948/49 jedoch lediglich auf etwa 680.000, von denen ca. 13.500 (1948) bzw. ca. 14.000 (1949) nach Mecklenburg kamen. In den ersten vier Monaten des Jahres 1950 folgten zwar noch einige Zehntausend deutsche Kriegsgefangene der Sowjetunion, jedoch nicht die rein rechnerisch erwarteten "Millionen". Dennoch erklärte die Sowjetunion Anfang Mai 1950 die Repatriierungen, von etwa 10.000 als Kriegsverbrecher verurteilten Deutschen abgesehen, für abgeschlossen. Tatsächlich handelte es sich dabei um 30.000 Personen, von denen 1953 und 1956 je etwa ein Drittel nach Hause entlassen wurde. Insofern forderte – auch wenn Ursache und die Wirkungen auf der einen wie der anderen Seite nicht voneinander zu trennen sind – nicht nur der unselige Krieg gegen die Sowjetunion, sondern auch die Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion einen ungeheuren Blutzoll unter den Deutschen.

Doch zurück zu Artur Schmidke. Ausweislich der Landes-Zeitung wurde er in Ludwigslust, wo sich das zentrale Ostheimkehrerlager des Landes befand, "mit Blumen und Geschenken überrascht." Die dazugehörige Abbildung stellt den Heimkehrer in den Mittelpunkt, zeigt im Hintergrund ein kleines Empfangskomitee aus je zwei Damen und Herren, links im Vordergrund in der Tat ein üppig wirkendes Blumengebinde – von weiteren Präsenten keine Spur. Um was es sich dabei handelte, verrät erst die unbearbeitete Aufnahme der Szenerie im Bestand SED-Bildarchiv: Im Hintergrund eine Baracke des Heimkehrerlagers, rechts ein etwas größeres Empfangskomitee mit Artur Schmidke und links ein mit Blumen dekoriertes Auto! Die offizielle Berichterstattung verzichtete auf dieses "Detail" vermutlich, um eine "Neid-Debatte" zu vermeiden.

Mitgeteilt wurde lediglich noch, dass Artur Schmidke "neu eingekleidet wenige Stunden später nach Hause fuhr." Ob bereits im neuen Auto oder mit dem Zug, ja ob er überhaupt einen Führerschein besaß, ist ebenso unbekannt wie sein weiterer Lebensweg. Fakt ist allerdings, wie das Stadtarchiv Wismar freundlicherweise mitteilte, dass Artur Schmidke ausweislich des Adressbuches 1950/51 noch in der Hafenstadt lebte.

Dr. Matthias Manke, Landeshauptarchiv Schwerin

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