Die Ostsee muss ein Meer des Friedens sein - die Ostseewochen im Bezirk Rostock

Archivalie des Monats Juli 2009

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Plakat zur 1. Ostseewoche 1958 *

Plakat zur 1. Ostseewoche 1958 *

Plakat zur 1. Ostseewoche 1958 *

Die Entwicklung eigener politischer und wirtschaftlicher Beziehungen zu den skandinavischen Ostseeanrainerstaaten war für die DDR in den 50-er Jahren von strategischer Bedeutung. Mit Ausnahme von Finnland war bisher keiner von diesen Staaten bereit, offizielle Beziehungen zur DDR aufzunehmen. Deshalb war es ein erklärtes Ziel, ein internationales Forum im Ostseeraum zu schaffen, auf dem die staatliche Anerkennung im westlichen Ausland forciert werden konnte. So wurde 1957 auf einer Kundgebung in Rostock vorgeschlagen, ab 1958 eine Ostseewoche im Ostseebezirk mit Rostock als Zentrum durchzuführen. Am 30. Januar 1958 konstituierte sich in Rostock das Komitee Ostseewoche, dessen Aufgabe darin bestand, die erste Ostseewoche vom 5. bis zum 13. Juli 1958 vorzubereiten.

Der Zeitpunkt der Initiierung der ersten Ostseewoche im Juli 1958 schien günstig. Die Flottentreffen der Kriegsmarine, die im Rahmen der Kieler Wochen stattfanden, wurden nicht nur in der bundesdeutschen Gesellschaft kontrovers diskutiert, auch bei den skandinavischen Ländern machte sich darüber ein Unbehagen breit. So konnte sich die DDR mit der Losung „Die Ostsee muss ein Meer des Friedens sein“ als Friedensstaat empfehlen.

Die Ostseewoche, die nicht nur in Rostock sondern auch an anderen Orten der Ostseeküste durchgeführt wurde, umfasste eine Programmpalette mit zahlreichen Veranstaltungen aus den Bereichen Politik, Kultur und Sport. Neben den internationalen Kunstausstellungen, Sportveranstaltungen, Jugendlagern und Studententreffen wurden Arbeiter-, Gewerkschafts-, Frauen- und Parlamentarierkonferenzen sowie Juristenseminare und pädagogische Symposien durchgeführt. Zu diesen Veranstaltungen reisten Delegationen aus Norwegen, Dänemark, Schweden, Finnland, der Sowjetunion, aus Polen, Island und aus der BRD an. Das Komitee Ostseewoche bemühte sich, vor allem Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die in ihren Heimatländern großen politischen Einfluss hatten, nach Rostock einzuladen, um dadurch schneller eine völkerrechtliche Anerkennung der DDR erreichen zu können. Aus diesem Grund waren die Veranstalter offen für unkonventionelle Initiativen, soweit sie den politischen Zielen dienten. So hatte das Komitee Ostseewoche sogar Blanko-Visa für die Gäste kirchlicher Veranstaltungen ermöglicht. Rostocker Kultur- und Gewerkschaftsfunktionäre wandten sich direkt an Persönlichkeiten in den skandinavischen Ländern und luden diese zur Ostseewoche ein. Im Volkstheater Rostock wurden Gastspiele aus den nordeuropäischen Ländern und der Bundesrepublik aufgeführt, die in anderen Städten der DDR nicht ohne weiteres durchführbar gewesen wären.

Die politische Ausstrahlungskraft der Ostseewoche blieb zunächst begrenzt, da nur wenige offizielle Vertreter aus den skandinavischen Staaten zu den Veranstaltungen erschienen. Erst durch massive Werbekampagnen, die mit der Unterstützung der kommunistischen Bruderparteien und der DDR-Freundschaftsgesellschaften in Skandinavien erfolgten, erschienen Kommunalpolitiker, Gewerkschaftsvertreter und Künstler in Rostock.

Durch eine großzügige Subventionspolitik gegenüber den skandinavischen Touristen wurde deren Zustrom von Jahr zu Jahr größer. Die Teilnahme größerer Parlamentariergruppen aus den nördlichen Anrainerstatten stellte einen Durchbruch bei der Erreichung der politischen Ziele dar. 1967 war es den Veranstaltern gelungen, die Parlamentarier zur Unterzeichnung eines Schlussdokuments zu bewegen, in dem die Aufnahme von staatlichen Beziehungen mit allen europäischen Völkern verlangt wurde.

Das wachsende Interesse der skandinavischen Bevölkerung an der Ostseewoche wurde zweimal durch gravierende politische Ereignisse stark abgeschwächt. Zum einen war es der Mauerbau in der DDR im Jahre 1961 und zum anderen die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 in der Tschechoslowakei durch die Warschauer Paktstaaten. Das der DDR bis dahin entgegengebrachte Vertrauen wurde dadurch schwer geschädigt und konnte nicht umfänglich wiederhergestellt werden.

Die Bevölkerung des Ostseebezirkes, einschließlich der Sommergäste, stand der Ostseewoche aufgeschlossen gegenüber. Viele Veranstaltungen trugen Volksfestcharakter und wurden dementsprechend gut besucht, die nordischen Gäste wurden mit Interesse aufgenommen. Um gegenüber den ausländischen Gästen die ökonomische Leistungskraft der DDR zu demonstrieren, fand während der Ostseewoche auch die Ostseemesse statt, die mit Spitzenerzeugnissen aus den industriellen und landwirtschaftlichen Betrieben bestückt wurde. Die einheimische Bevölkerung freute sich über das große Warenangebot, das während der Dauer der Ostseewoche präsentiert wurde. Für die Stadt Rostock war die Ostseewoche hinsichtlich der Entwicklung ihrer Infrastruktur sehr erfolgreich. Durch finanzielle Sonderzuweisungen aus dem Staats- und Bezirkshaushalt wurden zum Beispiel ganze Straßenzüge für die Ostseewoche erneuert und das Interhotel Warnow gebaut, Rostock sollte als "Schaufenster nach Skandinavien" avancieren.

Im Jahre 1975 fand die letzte Ostseewoche statt, auf einer Beratung mit den skandinavischen Vertretern am 20. Dezember 1975 in Rostock wurde bekannt gegeben, dass die Ostseewoche künftig nicht mehr stattfindet. Durch den internationalen Anerkennungsdurchbruch der DDR, der bereits in den Jahren 1972/73 einsetzte, wurde die Ostseewoche nicht mehr benötigt. Die DDR hatte ihr außenpolitisches Ziel erreicht und war als anerkannter Ostseeanrainer etabliert.

Uwe Rodig, Landesarchiv Greifswald


* Das symbolische Schiff "Frieden" trägt am Mast die Flaggen der Ostseeanrainerstaaten. Die beiden deutschen Staaten waren bis dahin mit einer gemeinsamen Flagge vertreten. Erst 1959 wurde das Staatswappen (Ährenkranz, Hammer und Zirkel) in die Flagge aufgenommen, um die DDR auch anhand der Flagge als eigenständigen Staat zu kennzeichnen.

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