Bunt und kreativ versus Staub und Aktenmief - Das Beerdigungsbuch von Klütz

Archivalie des Monats Juli 2010

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Das Beerdigungsbuch von Klütz

Das Beerdigungsbuch von Klütz

Das Beerdigungsbuch von Klütz

Es ist unstrittig, dass jede und jeder bestimmte Dinge und Erwartungen auch mit bestimmten Orten, Zeiten und Menschen verknüpft und wahrscheinlich würde eine Umfrage zum Thema kreative Gestaltung und Farbigkeit von Archivalien auch Staunen und Unverständnis hervorrufen, denn beides verbindet sich für die meisten Menschen wohl eher und mit dem Besuch von Ausstellungen als mit dem eines Archivs und seinen Archivalien, die oft immer noch mit staubigem Grau und vergilbtem Weiß in Verbindung gebracht werden. Grau aber ist ja bekanntlich auch alle Theorie und so findet sich allerhand Farbiges und Kreatives in unseren Archiven an Stellen, die normalerweise nicht damit assoziiert werden.

Ein solcher Ort sind die Kirchenbücher der Kirchgemeinde Klütz, die wie viele andere ihren Platz im Landeskirchlichen Archiv in Schwerin gefunden haben. In diesen Büchern, in denen die so genannten Kasualien (Taufe, Konfirmation, Trauung und Beerdigung) festgehalten werden, ist normalerweise nicht mit farbenfrohen Verzierungen und kleinen Bildern zu rechnen, aber die Ausnahme bestätigt auch hier die Regel.

Von außen unscheinbar, weil neu eingebunden und weder durch Übergröße noch durch Voluminösität auffallend, erscheinen in drei Kirchenbüchern zur Wende des Jahrhunderts farblich gestaltete Überschriften und einmal sogar eine kleinere Bildkomposition. Alle drei Zeichnungen sind dem im lauenburgischen Kastorf geborenen Pastor Johann Christoph Ehrenreich Dühring zuzuordnen, der 1789 in Klütz sein Amt antrat und dort bis zu seinem Tode im Jahre 1828 blieb.

Beim Durchblättern des Beerdigungsbuches fallen sofort die Seiten 438 und 439 ins Auge. Dühring hat auch hier wie im Buch, das die Geborenen verzeichnet, eine farbig gestaltete Überschrift über die laufenden Eintragungen gesetzt. Diese zeichnet sich durch den in Hellgrün und Hellrot unterlegten rubrizierten Frakturschriftzug Das neue Jahrhundert aus. Dieser wiederum wird unterbrochen durch einen blauen Mittelteil für die Jahreszahl 1801, über der noch ein brauner Totenkopf abgebildet ist, unter dessen gekreuzten Knochen sich ganz klein die Buchstaben MM wieder finden, die für memento mori (lat., gedenke zu sterben) stehen.

Interessanter, wenn auch weniger farbintensiv, aber ist die linke Seite, die Kreuz, Grabstein, Grabhügel, Weide und Stele mit aufgesetztem Dreieck und Zahleninschrift, die als Jahreszahl 1800 zu entziffern ist, erkennen lässt. Zusammen mit einem weiteren Totenkopf wurden die Symbole zu einem kleinen Bild zusammengesetzt. Dieses weist den Pastor zwar nicht als großen Künstler aus, dafür sind Komposition und Ausführung zu laienhaft schlicht, aber als einen Menschen, der natürlich von Berufs wegen Kenner der Materie ist und andererseits als einen Kenner der Kunst, die die so genannte Vanitasmalerei hervor gebracht hat, an die er sich mit "seinen" Symbolen anlehnt.

Sie alle, jedes für sich und alle miteinander, stehen für die Nichtigkeit und das Ende des Lebens. So auch der bei ihm auf beiden Seiten erscheinende Totenkopf, dessen zweimalige Verwendung vielleicht darauf schließen lässt, dass Dühring ihn für d a s Sinnbild irdischer Vergänglichkeit hielt. Auch die Farbgebung unterstützt diese Symbolik. Grün und Braun dominieren und verleihen dem Ganzen ein gedecktes erdiges Grundambiente, das für jedermann sofort mit einer Friedhofszene in Verbindung gebracht werden kann. So konzentriert sich also alles in diesem Bild auf die Aussage der Zeitlichkeit allen irdischen Lebens und wird damit zum idealen Hinweis auf die Kasualie Beerdigung, die dieses Kirchbuch bestimmt.

Dühring aber legte offensichtlich nicht nur Wert auf die Verschönerung der Kirchenbücher, sondern war auch ein sehr ordentlicher Buchführer, was die Doppelseite deutlich erkennen lässt. Gleichzeitig interessierte er sich aber auch für die Eintragungen seiner Vorgänger, die er gewissenhaft durchgesehen haben muss, denn er schreibt als Zusammenfassung unter sein Bild: Die ganze Anzahl der Verstorbenen während des verflossenen Jahrhunderts belaeuft sich auf =4877=.

27 Jahre später stirbt Dühring und seine Nachfolger haben sich trotz seines Vorbildes nicht die Mühe gemacht, es ihm gleich zu tun. Ganz ohne Zierrat und Symbolik reiht sich nun in den einzelnen Büchern nur noch Name an Name. Schade!

Grace Anders (LKAS)

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