Austernzucht in der Ostsee

Archivalie des Monats August 2010

Schwedische Matrikelkarte von den Inseln Ruden und Greifswalder Oie, 1694.Details anzeigen
Schwedische Matrikelkarte von den Inseln Ruden und Greifswalder Oie, 1694.

Schwedische Matrikelkarte von den Inseln Ruden und Greifswalder Oie, 1694.

Schwedische Matrikelkarte von den Inseln Ruden und Greifswalder Oie, 1694.

Im Landesarchiv Greifswald befinden sich zwei Akten zum Thema Austernaussetzung an der Küste von Pommern aus der Zeit 1835-1836 im Bestand Rep. 81 Schifffahrtsdirektor Swinemünde und 1842-1846 im Bestand Rep. 38d Gutsherrschaft Karlsburg. Diese Tatsache löst einige Verwunderung aus, denn eine Austernzucht in der Ostsee kann aufgrund der natürlichen Gegebenheiten wie z.B. Salzgehalt des Wassers, Temperaturen, Untergrund- und Witterungsverhältnisse nicht ernsthaft in Erwägung gezogen werden und erweckt daher Neugier.

Offensichtlich gab es bereits seit 1830 Pläne zur Ansetzung von Austern in der Ostsee. Man kann über die Gründe nur spekulieren, denn die Quellen schweigen darüber. Diese Delikatesse muss sich erheblicher Beliebtheit bei der einheimischen gut situierten Bevölkerung erfreut haben, denn ohne eine gesicherte Nachfrage von einigem Umfang würden alle unternehmerischen Überlegungen diesbezüglich von vorn herein gegenstandslos sein.

Der damalige Schifffahrtsdirektor Bauer in Swinemünde berichtete 1835 an den Oberpräsidenten von Pommern über die Ergebnisse des ersten auf ganzer Linie gescheiterten Ansetzungsversuches von Austern und erklärte voller Überzeugung, dass nicht die objektiven klimatischen Verhältnisse sondern der seiner Meinung nach ungünstige Aussetzungsort und die durch den unsachgemäßen Transport erheblich beeinträchtigte Qualität der Austern dafür verantwortlich wären. Er stellte fest, dass die Muscheln "..von minder frischem Aussehen und Geruch..." gewesen wären. Für alle aufgetretenen Probleme konnte Bauer Lösungsvorschläge unterbreiten. Ob diesen entsprochen wurde und es auf ihrer Grundlage weitere Versuche gegeben hatte, kann aufgrund der Aktenlage nicht mehr nachvollzogen werden.

Erst 1841 existieren wieder Nachrichten darüber, als sich Graf Theodor von Bismarck-Bohlen, Gutsherr zu Karlsburg bei Greifswald mit besten Verbindungen u.a. zum Preußischen Königshaus und zu Persönlichkeiten der Provinz Pommern, für die Gründung einer Aktiengesellschaft zur Errichtung einer pommerschen Austernbank engagierte. In der Folge dieser Bemühungen konnte das Vorhaben 1842 tatsächlich realisiert werden. 22 Aktien im Wert von je 100 Reichstalern wurde ausgegeben, die auf 20 Aktionäre verteilt waren. Zu ihnen gehörten u.a. der Preußische König, der König von Hannover, zwei Preußische Prinzen, General von Thun, Fürst zu Putbus, Oberpräsident von Bonin, Professor Homeyer, Landrat von Puttkammer und Graf von Bismarck-Bohlen. Das notwendige Kapital für das Projekt war dadurch beschafft.

Mit der Gründung der Gesellschaft waren ihre Aufgaben bis 1846 bereits festgelegt: 50.000 Austern von Fladstrand auf Jütland (heute Frederikshavn an der Nordspitze Dänemarks) sollten im Frühjahr 1843 bei der Insel Greifswalder Oie ausgesetzt werden. Nach drei Jahren war im Beisein des Vorstandes ein erstes Probefischen vorgesehen, dass der Feststellung der inzwischen erfolgten Vermehrung diente. Anschließend plante man die gewinnbringende Verpachtung der Austernbank.

Alle im Vorfeld getroffenen Entscheidungen wie z.B. über die Austernsorte, den Transport und den Aussetzungsort basierten zweifellos auf den Empfehlungen, die der Schifffahrtsdirektor Bauer 1835 formuliert hatte. Für die Fladstrander Auster hatte er sich sogar ganz besonders eingesetzt mit der Begründung, dass ihre natürlichen Lebensbedingungen denen in der Ostsee sehr ähnelten. Bauer musste also als eine anerkannte Persönlichkeit in Sachen Austernzucht bei den interessierten Aktionären gegolten haben, denn es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass ein anderer Sachverständiger in die Planungen des Projekts einbezogen wurde.

Nachdem der erste Teil des Plans unter Überwindung verschiedener Schwierigkeiten beim Erwerb der Austern und dem sachgerechten Transport der Muscheln mit der erfolgreichen Aussetzung bei der Oie mit Hochrufen auf das Wohl des geliebten Königs, des teuren Vaterlandes und der höchsten und hohen Aktionäre mit offensichtlicher Begeisterung erfolgreich abgeschlossen war, folgte eine lange untätige Wartezeit.

Im Mai 1846 fuhr man mit dem Dampfschiff "Peene" endlich zur Insel Oie, konnte jedoch trotz mühevoller, wiederholter Versuche keine einzige lebende Auster bergen. Alles Peilen und Loten, um auch sicher den richtigen Ort der Aussetzung der Austern zu ermitteln, half am Ende nichts. Für die Aktiengesellschaft wurde ein Protokoll mit den Resultaten des Unternehmens aufgesetzt. Hierin wurde endlich eingestanden, dass auch für die Zukunft nichts zu erwarten sei und so waren die Kapitalien der Aktionäre tatsächlich in den (Ostsee-)Sand gesetzt.

Sabine Eckardt, Landesarchiv Greifswald

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