Von Blutsaugern und Geisterbeschwörern

Archivalie des Monats November 2011

Anzeige gegen Einwohner des Dorfes Gülze wegen abergläubischen ExzessesDetails anzeigen
Anzeige gegen Einwohner des Dorfes Gülze wegen abergläubischen Exzesses

Abb. 1: Anzeige gegen Einwohner des Dorfes Gülze wegen abergläubischen Exzesses

Abb. 1: Anzeige gegen Einwohner des Dorfes Gülze wegen abergläubischen Exzesses

Die Akten des Konsistoriums als oberstem Kirchengericht für Mecklenburg im Landeshauptarchiv Schwerin offenbaren unter anderem Einblicke in den vielfältigen Aberglauben der mecklenburgischen Stadt- und Landbevölkerung. Vorgestellt werden passend zur dunklen Jahreszeit zwei Fälle aus dem 18. Jahrhundert, die für uns heute vielleicht abstoßend oder kurios oder einfach nur unverständlich erscheinen. Aus der Sicht der damaligen Zeit und Menschen waren die abergläubischen Vorstellungen und Handlungen im (Aber-)Glauben daran aber durchaus erfolgversprechend.

So zeigte am 1. April 1760 der Chefankläger des Konsistoriums einen besonders merkwürdigen Fall an (LHAS 2.25-1 Nr. 52). Ein Jahr zuvor war der Bauer Jochim Hinrich Kohl aus Gülze im Amt Boizenburg verstorben. Er hatte drei Brüder hinterlassen, von denen zwei innerhalb eines halben Jahres verstarben. Der vierte und letzte der Brüder lag nun ebenfalls im Sterben. Im Dorf war deshalb das Gerücht entstanden, dass der erste verstorbene Bruder ein Blutsauger sein müsste, der seinen zwei verstorbenen Brüdern vom Grab aus das Blut bzw. das Leben ausgesaugt hätte und jetzt auch seinen letzten Bruder in den Tod zu ziehen versuche. Einwohner des Dorfes hätten deshalb den Plan gefasst, den ersten Verstorbenen auszugraben und ihm den Kopf abzuschlagen, um so dem letzten der Brüder das Leben zu retten (vgl. Abb. 1). Die Untersuchung des Falls leitete das Amt Boizenburg im Auftrag des Konsistoriums. Die Anklage lautete auf Aberglaube und daraus resultierenden Exzesses. Als einer der Ausgräber wurde unter anderem der Knecht Christian Strath ausgemacht. Er benannte in seinem Verhör als weitere Beteiligte verschiedene Einwohner des Dorfes, die sich alle im Haus seines Bruders Jürgen Strath zusammengefunden hatten. Christian Strath bestritt nicht, dass alle gemeinsam den Sarg von Heinrich Kohl ausgegraben und geöffnet hatten. Den Kopf hätten sie ihm aber nicht abgeschlagen, da der Leichnam nichts Unnatürliches aufgewiesen hatte. Befragt wurde auch Claus Jürgen Kohl, Vater der vier verstorbenen Brüder. Dieser sagte aus, man hätte seiner Tochter Anna Margaretha Manecke, geborene Kohl, angeboten, deren Bruder auszugraben, da dieser angeblich unter der Erde "knasterte" und die ganze Familie nach und nach fräße. Das Urteil für alle Beteiligten lautete auf einen Tag Gefängnis bei Wasser und Brot unter scharfer Verwahrung sowie die Bezahlung der Gerichtskosten.

Einen wohl eher als kurios zu bezeichnenden Fall meldete am 21. März 1775 Konsistorialfiskal Weinland als Chefankläger des Konsistoriums aus der Umgebung von Rostock (LHAS 2.25-1 Nr. 57). Der Schulmeister Hagedorn aus Penzin, der Weberssohn Rosenkranz aus Brookhusen und der Schuster Putz aus Rostock waren angeklagt, auf der Schäferei zu Brookhusen den Heiligen Christoph als Geist beschwören zu wollen. Dieser sollte ihnen "einige Millionen Geld in gangbarer Münze" beschaffen und diesen Schatz bis in die siebte Generation ihrer Nachkommen gewährleisten (vgl. Abb. 2). Einen genaueren Bericht erhielt das Konsistorium am 2. Mai 1775 vom Kandidaten der Theologie Johann Friedrich Cotelmann, der sich bei den drei Verdächtigen eingeschlichen hatte. Cotelmann hatte den Schuster Putz wegen einer Reparatur seiner Stiefel in Rostock kennengelernt. Während des Abmessens seiner Füße hatte ihm der Schuster für die Beschaffung von viel Geld von den Vorteilen eines Geisterbeschwörers gegenüber der derzeit üblichen Geldgräberei erzählt. Ein Geist könne ganz unkompliziert einen Schatz aus Luft und Wasser besorgen. Deshalb wolle er mit anderen Leuten einen Geist beschwören. Da Cotelmann mehr über die Hintergründe und die Beteiligten erfahren wollte, heuchelte er Interesse und täuschte Fachwissen vor. Putz fasste Vertrauen und zeigte Cotelmann bei einem weiteren Treffen unter anderem ein Buch mit verschiedenen zum Teil lateinischen Beschwörungsformeln, mit denen der katholische Heilige Christoph als Meister der Schätze herbeigerufen werden sollte. Das Buch sei von dem Sohn eines Webers Rosenkranz aus Brookhusen kopiert worden. Zwei Jahre zuvor wäre dieser mit seinem Vater zunächst erfolglos nach Hamburg gereist, um ein Buch mit dem Titel "Dr. Faust Höllenzwang" zu besorgen, ein Zauberbuch, mit dessen Hilfe Geistern Gehorsam aufgezwungen werden sollte. Nun war ein entsprechendes Buch also vorhanden. Geweihtes Taufwasser hatten sie von einer Hebamme erhalten. Außerdem waren heimlich "Lichter" geweiht worden, indem der junge Rosenkranz vor dem Gottesdienst in Buchholz dem Pastor die Kerzen unter das Altartuch geschmuggelt hatte (vgl. Abb. 4). Die heimliche Weihe wäre beinahe noch entdeckt worden, da der Pastor den gefüllten Kelch zufällig auf die Stelle mit den Kerzen darunter gestellt hatte und der Kelch fast umgefallen war. Nach der Belehrung des Schulmeisters Hagedorn aus Penzin als Kopf der kleinen Verschwörung müssten die Teilnehmer nun drei Donnerstage nacheinander fasten, auch den Sonntag vorher zum Abendmahl gehen. Mit Taubenblut würde anschließend ein Kreis gemacht werden und sie könnten dann vom Geist die Beschaffung von maximal 5 Millionen in gängiger Münze verlangen. Cotelmann erklärte sich zum Schein bereit als lateinkundiger Mann die Beschwörung zu übernehmen. Deshalb nahm Putz ihn wenig später zu einem Treffen mit Rosenkranz und Hagedorn in einem Busch nahe Penzin mit. Hagedorn zeigte sich nach Aussage Cotelmanns misstrauischer und befragte Cotelmann nach seiner Herkunft und seinem Beruf und warum er als Kandidat der Theologie "Hülfe beym Teuffel suchen" wolle. Das Treffen führte deshalb zu keinem Ergebnis, aber Cotelmann hatte sein Ziel erreicht alle Verschwörer kennenzulernen. Wenig später offenbarte er die Geschichte den zuständigen Pastoren, die den Fall beim Konsistorium zur Anzeige brachten. Bei der anschließenden Vernehmung stritt Hagedorn alle aktive Beteiligung ab. Zu dem Treffen im Busch bei Penzin wäre er von Rosenkranz und Putz ahnungslos gelockt worden, wo ihm Cotelmann wiederum als Geisterbeschwörer vorgestellt worden wäre. Aus Abscheu vor dessen Absichten als Kandidat der Theologie hätte er ihm vor die Füße gespuckt. Auch der Weber Rosenkranz als Vater des Beschuldigten bestritt jegliches Wissen. Sein Sohn entzog sich dem Verhör durch Flucht. Ebenso war Hagedorn plötzlich wenig später unbekannt verzogen. Der Fall musste durch das Konsistorium nach über zwei Jahren aufgrund der bereits aufgelaufenen hohen Kosten auf Eis gelegt werden. Die Gemeinschaft der Geisterbeschwörer war in alle Winde zerstreut und hatte sich einer möglichen Bestrafung erfolgreich durch Flucht entzogen.

Dr. Kathleen Jandausch

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