"Ein güste Kindelbier" - Wenn Laien Taufe spielen

Archivalie des Monats Juni 2013

Abb.1: Tellerschieben als Orakelspiel zu Silvester *Details anzeigen
Abb.1: Tellerschieben als Orakelspiel zu Silvester *

Abb.1: Tellerschieben als Orakelspiel zu Silvester *

Abb.1: Tellerschieben als Orakelspiel zu Silvester *

Die Akten des Konsistoriums als oberstem Kirchengericht für Mecklenburg eröffnen vielfältige Einblicke in das Leben der Land- und Stadtbevölkerung, vor allem für das 17. und 18. Jahrhundert. Das Spektrum der beim Kirchengericht verhandelten Angelegenheiten war breit gefächert. So finden sich Akten zu Aberglaube und Wahrsagerei, zu Unzucht und Ehestreitigkeiten, vor allem aber auch zu vielfältigen Festen und Bräuchen. Verfahren über Fastelabend- und Pfingstbiere, Ernte- und Kindelbiere weisen auf ein reichhaltiges Angebot. Sie bereicherten den harten Dienst- und Arbeitsalltag der Land- und Stadtbevölkerung, verstießen jedoch in den Augen der Kirche all zu oft gegen christliche Gebote und wurden deshalb nach Bekanntwerden zum Teil noch Jahre später durch das Kirchengericht geahndet.

Am 22. Oktober 1772 klagte das Kirchengericht den Kleinschmied Johann Christoph Kugel, den Schlachter Johann Nikolaus Grambkow, den Kaufmann und Schiffer Nicolaus Jeremias Schultze, das Dienstmädchen Anna Maria Rinow, ihren Bruder Johann Nicolaus Rinow sowie die junge Christiane Elisabeth Pistorius, alle aus Boizenburg, des Missbrauchs der Taufe durch Abhaltung eines "güsten Kindelbiers" an. Ein Kindelbier war traditionell das Festmahl im Anschluss an eine Kindstaufe. Ein "güste Kindelbier" – von "güst" für unfruchtbar – wurde wiederum zum Beispiel für oder von Kinderlosen als lustiger Kindtaufschmaus ohne Täufling veranstaltet. Das hier angeklagte "güste Kindelbier" hatte bereits vier Jahre zuvor stattgefunden, "wobey die heilige Tauffe auf eine schändliche und ärgerliche Weiße blasphemiret" worden sei. Am 17. November 1768 hatte der Kleinschmied und Gastwirt Kugel auf Bitten des Handlungsdieners Johann Harder zum Gänsebraten in sein Haus eingeladen. Harder wollte den Wein beisteuern. Bereits vor dem Essen hatte sich ein Teil der Gäste im benachbarten Haus der Rinows getroffen und dort "einen güsten Kind-Taufs-Schmauß" geplant. Man einigte sich auf die Verteilung der Rollen und organisierte die notwendigen Requisiten. Die junge Anna Maria Rinow hatte als Täufling eine Puppe von ihrer kleinen Schwester beschafft und diese in ein Tuch aus Leinen gewickelt. Der Handlungsdiener Johann Harder spielte den Pastor, ihm wurde ein schwarzer Mantel umgehängt, den der Gastgeber zur Verfügung stellte. Anna Maria Rinow hatte Harder noch aus altem Leinen eine Art Bäffchen vor der Brust befestigt. Der Schlachter Grambkow übernahm die Rolle des Küsters und die beiden Frauen Rinow und Pistorius sowie der Kaufmann Schultze dienten als Taufpaten. Nach der Ankunft im Hause Kugels schritt man zur Tat. Harder taufte die Puppe auf den Namen "Lisch Hamelpot", indem er Wasser aus einer Schale auf dem Tisch in die Runde verspritzte und eine Rede aus den "weltlichen Liebesgeschichten" hielt. Als "Bibel" verwendete Harder einen Packen Tabak, den Grambkow ihm als Küster gereicht hatte. Harder schloss die Taufe mit den Worten: "Wiltu fressen, wiltu sauffen, wiltu deinen vatter nachahmen." Gastgeber Kugel setzte die Puppe zunächst seiner kinderlosen Frau auf den Schoß, hängte die Puppe danach an den Ofen und man setzte sich vergnügt zum Essen des Gänsebratens.

So die Anklage des Kirchengerichts, basierend auf der Untersuchung durch das Stadtgericht Boizenburg sowie auf dem Bericht des Handlungsdieners Johann Harder. Dessen Aussagen billigte man den meisten Wahrheitsgehalt zu, da er sich als "reuiger Sünder" wenige Tage nach dem Fest selbst angezeigt hatte. Beim Stadtgericht war das Verfahren vier Jahre zuvor im Sande verlaufen. Ein strafwürdiges Verbrechen habe nicht vorgelegen. Die Pastoren hatten von der Kanzel die Tat angeprangert und eine Kirchenbuße ausgesprochen. Das war für das Kirchengericht nicht ausreichend, so dass es noch vier Jahre danach erneut eine gerichtliche Untersuchung anstrengte. Die Aussagen der Beteiligten vor dem Kirchgericht konnten unterschiedlicher nicht sein. Jeder schob dem anderen den schwarzen Peter zu. Niemand wollte wirklich gewusst haben, wofür die einzelnen Sachen benötigt wurden oder selbst zu den Ideengebern der Taufe gehört haben. Gastgeber Kugel behauptete sogar, während des Gastmahls in seinem Haus gar nicht anwesend gewesen zu sein. Er hätte fast die ganze Zeit im benachbarten Rienowschen Hause bei einer Pfeife Tabak und einem Krug Bier gesessen, die jungen Leute in seinem Haus feiern lassen und aufgrund seiner – auch ärztlich attestierten – Schwerhörigkeit nichts von der "Gauckeley" mitbekommen. Die Schale mit dem Wasser habe nur zufällig zum Abspülen von Weingläsern auf dem Tisch gestanden. Und wofür man den von ihm verlangten schwarzen Mantel brauchen würde, hätte er auch nicht ahnen können. Einig waren sich die Angeklagten aber darin, dass der inzwischen verstorbene Harder als Initiator und Pastor der eigentliche Hauptschuldige der "Gauckeley" gewesen sei. Die Unschuldsbeteuerungen nützten jedoch nichts. Mehr als fünf Jahre nach der Feier verurteilte das Kirchengericht die Beteiligten des "güsten Kindelbiers" zu hohen Geldstrafen, Gänsebraten und Wein mussten also teuer bezahlt werden.

Dr. Kathleen Jandausch, Landeshauptarchiv Schwerin


* Abb.1: Traditionelle Bräuche waren immer auch Anlässe zum Festefeiern. Dazu gehörten Kindel- und Fastelbiere, Pfingst- und Erntebiere oder wie hier das Tellerschieben als Orakelspiel zu Silvester/ aus: Heike Müns, Von Brautkrone bis Erntekranz. Jahres- und Lebensbräuche in Mecklenburg-Vorpommern, Rostock 2002, Seite 212 oben (Quelle: Mecklenburgisches Volkskundemuseum, Grafiksammlung)

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