Einfach abreißen? Abgesang auf ein Kino - die Schauburg in Schwerin

Denkmal des Monats April 2008

Fassade der Schauburg in den 1960er JahrenDetails anzeigen
Fassade der Schauburg in den 1960er Jahren

Fassade der Schauburg in den 1960er Jahren

Fassade der Schauburg in den 1960er Jahren

Glamour, Glanz, Prominente, natürlich ein roter Teppich und strahlende Gesichter im Blitzlichtgewitter – jedes Jahr faszinieren diese Bilder der Berlinale aufs Neue. In diesem Jahr gab es auf Einladung der FilmLand Mecklenburg-Vorpommern gGmbH auch einen Empfang für Vertreter aus Politik, Kultur und Kunst in der Landesvertretung unseres Bundeslandes. Staatsekretär Dr. Thomas Freund, Bevollmächtigter des Landes Mecklenburg-Vorpommerns beim Bund, lobte das Engagement der Länder für den Film. "Egal ob im Großen oder im Kleinen", so Dr. T. Freund, "die kontinuierliche Arbeit bringt den Film voran."

Eines der ältesten Kinos in Mecklenburg-Vorpommern, die Schauburg in der Schweriner Mecklenburgstraße, scheint für den Film indes verloren.

1912 entstand hier das Kinematographische Theater als erstes Lichtspielhaus der damaligen Residenzstadt. 1914 übernahm die Lichtspiel-Betriebsgesellschaft mbH Schwerin das Filmtheater und nannte es fortan "Apollo-Lichtspiele". Otto Dürkop kaufte das Kino 1919. Sein Nachfolger, Willi Dürkop, ließ es 1928/29 durch den Architekten Erich Bentrup umbauen. Es entstand ein Bau, der sich am Expressionismus der 1920er Jahre orientierte und traditionelle Elemente mit einer zeitgemäßen Modernität verband. Seit 1929 trägt das Haus den Namen "Schauburg".

1948 gelangte das Kino in die Verwaltung der Stadt Schwerin. Zehn Jahre später, 1958, erfolgte der Umbau des Hauses durch den Architekten Hermann Struve. In dieser Phase entstanden eine neue Fassade und die weitgehende Neugestaltung des Foyers sowie des Zuschauerraums mit der noch heute anzutreffenden Anordnung von Parkett- und Rangplätzen. Im Rahmen einer Renovierung 1983 erhielten die Wände des Zuschauerraums eine neue Stoffbespannung. Im Foyer wurde ein hölzernes Paneel angebracht.

Nach der politischen Wende in der DDR gelangte das Haus wieder in Privatbesitz. 1995 gab man den Kinobetrieb auf. Es folgte eine kurzzeitige Nutzung als so genannter Schnäppchenmarkt. Mehr als zehn Jahre lang steht das Kino nun leer. Haus und Grundstück gehören seit längerer Zeit einer Textilmarktkette, die das Abbruchvorhaben für dieses für die Kulturgeschichte der Stadt und des Bundeslandes höchst bedeutsamen Baus vorantreibt.

Weshalb dieser Bau so bedeutend ist, zeigt ein Blick in die Kinogeschichte. Nachdem die Gebrüder Lumière 1895 im Grand Café am Boulevard des Capucines in Paris die erste öffentliche Filmvorführung durchgeführt hatten, fanden bald darauf derartige Veranstaltungen in Wanderkinos statt, die keine feste Ortsbindung hatten und temporär in Ballsälen und Varietés eingerichtet waren. Darüber hinaus entstand der Typ des 'Ladenkinos', bei dem vorhandene Läden in Erdgeschossen zu längsrechteckigen, in die Tiefe gehenden Vorführräumen umgebaut wurden. In der fortgeschrittenen Stummfilmzeit, etwa ab 1909, wurden Filmtheater in Neubauten von Geschäftshäusern integriert oder als selbstständige Gebäude errichtet. Das 1912 entstandene Schweriner Lichtspielhaus gehört also zu den ersten eigens für den Zweck von Filmvorführungen geschaffenen Bauten überhaupt.

Doch auch die Umbaumaßnahmen am Ende der 1950er Jahre haben der Schauburg eine wichtige historische Schicht hinzugefügt. Die überlieferte Architektur versucht, verschiedene architektonische Strömungen miteinander zu verbinden. Sie entwickelt dadurch eine eigene gestalterische Qualität. Während die die Fassade einfassenden Kolossallisenen und das abschließende Gesims traditionell beeinflusst sind, vermitteln die an Fensterbänder erinnernden Reihungen der Fenster in den Obergeschossen Modernität im Bauen und brechen den starren, für Kulturbauten der 1950er Jahre verordneten Traditionalismus auf. Sie stellen gleichzeitig eine gestalterische Beziehung zum Nachbargebäude Mecklenburgstraße 51 her. Das gewellte Vordach wiederum griff die leichte dynamische Formensprache der 1950er Jahre auf, wie sie vorrangig in Westeuropa Verwendung fand. Diese setzt sich in dem kleinen Foyer fort. Die organisch gerundete Decke, die von zwei asymmetrisch in den Raum gestellten Rundpfeilern getragen wird, erweckt den Eindruck einer fast schwebenden Leichtigkeit. Sie steht im bewussten Gegensatz zur bisherigen Ernsthaftigkeit und Schwere in der Architektur, wie sie im bis dahin favorisierten Neoklassizismus größtenteils anzutreffen waren. Mit Hilfe dieser künstlerischen Mittel wurde der Versuch unternommen, das Kino als Ort der Unterhaltung und Lebensfreude zu definieren.

Im Zuschauerraum verzichtete der Architekt auf eine sonst für diese Baugattung in der Regel übliche Empore, wie sie vordem auch die Schauburg besaß. Parkett und Rang verschmelzen miteinander, lediglich durch eine hölzerne Brüstung getrennt, wodurch ein gemeinschaftliches Kinoerlebnis vermittelt wird. Durch die gelungene Zusammenführung verschiedener stilistischer Elemente erhält der Bau eine eigene Ausdrucks- und historische Zeugniskraft.

Doch die Tage dieses kulturellen Monuments scheinen gezählt. Mit der als Sicherungsmaßnahme deklarierten Abnahme des gewellten Vordachs im Jahre 2007 begann im Grunde ein schleichender Abriss. Man spricht von der Planung eines weiteren großflächigen "Einkaufskonzeptes" direkt neben dem Schlossparkcenter und der geplanten "Marienplatz-Galerie" in diesem städtischen Quartier. Die städtische Denkmalschutzbehörde sperrt sich gegen die festgestellte Klassifizierung des Kinos als Baudenkmal, die einen potenziellen Abbruch erschweren würde. Baudezernent Dr. Wolfram Friedersdorf bekräftigte in einem NDR-Interview:

Also wir haben gegen den Abriss nichts einzuwenden. Ich wüsste auch nicht, was ich mit diesem Gebäude in dieser Form jemals machen sollte.

Selbst die Filmverbände im Land bleiben anscheinend ungerührt von der Tatsache, bald um ein Stück Kultur- und Kinogeschichte ärmer zu sein.

Vielfach haben die Verantwortlichen, Bauherren, Architekten, Planer und Politiker bereits die Chancen erkannt, die in der Integration neuer Konzepte unter Achtung des Bestandes und nicht in dessen Zerstörung liegen. Bleibt zu hoffen, dass dies auch eines Tages in der Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns der Fall sein wird – im Großen wie im Kleinen.

Dirk Handorf

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