Vorhaben: Abbruch. Vom Adelspalais zur Mogelpackung? - Das Haus Grunthalplatz 1-2/Wismarsche Straße 170 in Schwerin

Denkmal des Monats September 2008

Schwerin, Grunthalplatz 1–2/Wismarsche Straße 170, 1957 Details anzeigen

Abb.1: Schwerin, Grunthalplatz 1–2/Wismarsche Straße 170, 1957

Schwerin, Grunthalplatz 1–2/Wismarsche Straße 170, 1957

Abb.1: Schwerin, Grunthalplatz 1–2/Wismarsche Straße 170, 1957

Pferdegetrappel. Eine Kutsche biegt um die Ecke. Sie hält vor dem Eingang des Hauses Luisenplatz Nummer eins. Ihr entsteigt ein festlich gekleidetes Paar, nicht das einzige übrigens, das an diesem Abend das Haus aufsucht. Es gehört zu den Honoratioren der Haupt- und Residenzstadt, die der Gasfabrikbesitzer Hermann Lindemann zu einer Soirée eingeladen hat. Im Salon sitzen schon ein paar Damen beim Kartenspiel und kichern. Offensichtlich unterhalten sie sich über die jungen Offiziere, die im Vestibül stehen und Portwein aus funkelnden Kristallgläsern trinken. Ernster geht es dagegen im Herrenzimmer zu. Hier diskutiert man bei einer feinen Zigarre über den neuen Großherzog, der kürzlich den Thron bestiegen hat, sein Verhältnis zu den Ständen und seine Haltung zur Verfassungsfrage...

So oder ähnlich könnte es sich unmittelbar nach der Jahrhundertwende, sagen wir um 1902, in einem Schweriner Bürgerhaus zugetragen haben – in dem aus drei Gebäudeteilen bestehenden Anwesen Grunthalplatz 1–2/Wismarsche Straße 170. Jenes Haus hat eine beachtliche Geschichte aufzuweisen. Es entstand in den 1840er Jahren an der Nordseite des Platzes nach Plänen des Schweriner Hofbaumeisters Georg Adolph Demmler. Der massive, an der Straßen- und Platzseite verputzte Bau ist zweieinhalb-, im Mittelteil dreigeschossig und besitzt 15 Achsen zum Grunthalplatz sowie elf Achsen an der Wismarschen Straße. Das aus dem Boden leicht herausragende Kellergeschoss bildet einen Sockel. Die Erdgeschosszone verfügt über eine Putzquaderung mit glatt eingeschnittenen Fenster- und Türöffnungen. Zwischen dem Erd- und dem ersten Obergeschoss gliedert ein breiter Fries, bestehend aus in den Fensterachsen angeordneten Tondi mit Porträtköpfen, die von sitzenden Greifen und vegetabiler Ornamentik flankiert werden, das Gebäude horizontal. Der zur Platzseite weisende Mittelteil durchbricht als dreigeschossiger Risalit auf einer Länge von fünf Achsen die Traufhöhe der angrenzenden Teile des Bauwerks. Anstelle der Porträtköpfe im Fries sind hier Löwenköpfe in den Tondi anzutreffen. Die mittleren drei Fensterachsen der Obergeschosse werden durch Pilaster zusammengefasst. Im ersten Obergeschoss tragen sie einen mit vegetabiler Rankenornamentik und flankierenden Löwen geschmückten Architrav. Ähnlich sind die Brüstungsfelder unterhalb der Fenster im zweiten Obergeschoss gestaltet. Hier wird der Architrav des ersten Obergeschosses gewissermaßen wiederholt. Die Pilaster stützen eine sich über drei Fensterachsen erstreckende gerade Verdachung mit einem Konsolgesims als oberem Abschluss. Oberhalb dieser drei Fensterachsen wird die Traufe des Gebäudes angehoben und bildet einen Dreieckgiebel, in dessen Giebelfeld sich eine kreisrunde Öffnung befindet.

Die repräsentative Architektur des Außenbaus steht noch in klassizistischer Tradition. Sie orientiert sich an der Architekturauffassung Karl Friedrich Schinkels und rezipiert dessen Bau des Berliner Prinz-Karl-Palais von 1827/28. G. A. Demmler, der sich hier einmal mehr als Schüler K. F. Schinkels zeigt, was dem Haus seine besondere Bedeutung verleiht, variiert die Fassadengestaltung schöpferisch und passt sie den örtlichen Verhältnissen an, damit der Bau dem Platz nach Norden zu einem wirkungsvollen Abschluss verhilft.

1850 gehörte das Gebäude der Hofmarschällin Baronin Louise von Stenglin und ihrem Ehegatten, dem Oberhofmeister am Großherzoglichen Hof Otto Henning Freiherr von Stenglin. Beide bewohnten das Adelspalais elf Jahre lang.

Im späten 19. Jahrhundert fanden im Auftrag des Gasfabrikanten Hermann Lindemann, der das Gebäude jetzt besaß, umfangreiche Umbaumaßnahmen statt, in deren Ergebnis der heutige Grundriss und der größte Teil der noch vorhandenen Ausstattung entstanden. Die Planungen hierzu erarbeitete der Schweriner Hofmaurermeister Ludwig Clewe.

Das Appartement im ersten Obergeschoss des Gebäudeteils Grunthalplatz 1, dem Mittelteil des nun als großbürgerliches Wohnhaus genutzten Bauwerks, der bereits äußerlich besonders akzentuiert ist, verfügt über eine außergewöhnliche gestalterische Qualität. Grundriss und künstlerische Ausstattung lassen deutlich erkennen, dass es sich hier um einen überwiegend für gesellschaftliche Anlässe genutzten Bereich handelt. Um ein in der Mitte liegendes Vestibül im ersten Obergeschoss sind die repräsentativen Wohn- und Gesellschaftsräume angeordnet. Das Vestibül nimmt gleichzeitig die Treppe vom Erdgeschoss und zum zweiten Obergeschoss auf.

Im Erdgeschossflur sind die Wände mit einem Fliesenlambris versehen. Er zeigt rote florale Sterne und graue Flechtbänder. Über eine kurze Treppe gelangt man durch eine dreiteilige Windfangtür, deren Oberlichter Buntverglasungen in Jugendstilformen besitzen, in den Korridor. Von dort führt eine hölzerne Treppe in das erste Obergeschoss. Sie wird an der Wand von einem Lambris mit Füllungen aus Papiermaché mit geometrischen Ornamenten begleitet. Oberhalb der Treppe befindet sich – schon im ersten Obergeschoss – ein Wandbild mit der Darstellung einer Turmvilla an einem See. Die Treppe mündet in das Vestibül. Seitlich versetzt von dieser Treppe führt eine weitere Treppe in das zweite Obergeschoss.

Vom Vestibül aus gelangt man in zwei Räume, die untereinander durch einen dritten verbunden werden, sowie in den rückwärtigen Anbau. Der Grundriss zeigt die im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts beliebte Anordnung der Gesellschaftsräume in der so genannten L-Formation, deren Basis die Dreiersuite Herrenzimmer, Damenzimmer, Salon bildet. Diese Grundrissformation gehörte zu den bevorzugten Lösungen in Berlin und wird hier auf ein bereits bestehendes System übertragen. Dabei führte Ludwig Clewe den Zentralraum ein, das in der Mitte liegende Vestibül. Es hat die Funktion, eine zentrale Verbindung zu den wichtigen Gesellschaftsräumen herzustellen und konnte darüber hinaus sowohl als kleiner Festraum wie auch in den Vormittagsstunden als Empfangsraum genutzt werden. Durch seine wirkungsvolle künstlerische Gestaltung, aufgrund seiner Ausdehnung und der vorhandenen Treppen erschließen sich malerische Perspektiven, die durch die Öffnung von Salon und Herrenzimmer, von denen aus man wie aus einer Loge das Treiben im Vestibül bei Festen beobachten konnte, noch steigerungsfähig waren. Das Vestibül wird zum gestalterischen Mittelpunkt des Hauses.

Der an der Platzseite gelegene Salon wurde als Durchgangsraum angelegt und steht mit dem Vestibül und einem kleineren Zimmer, wohl dem Damenzimmer, in Verbindung. Dekoriert wurde er mit Formen des dritten Rokoko, womit er das damalige Verständnis von einem Salon bezeugt. Die von Frankreich entlehnte Salonkultur basierte im Wesentlichen auf den Elementen des Graziösen und Heiteren, was die Ausgestaltung des Raumes wirksam unterstreichen sollte. So wurde das dritte Rokoko maßgeblich für die Gestaltung eines Salons genutzt.

Das hofseitig gelegene Herrenzimmer wird durch seine Holzdecke besonders geprägt. Sie orientiert sich an Renaissancevorbildern, interpretiert sie aber schöpferisch, indem sie sich auf wesentliche Motive konzentriert und auf übermäßigen Formenschwall verzichtet.

Bis 1943 blieb das Haus im Besitz der Familie, allerdings wurde der vordere Teil des Hauses Grunthalplatz 2 ab 1910 als Hautarztpraxis genutzt. 1959/60 fanden Instandsetzungsarbeiten an der Fassade statt. Dabei kam es zur Abnahme der drei platzseitigen Balkone, die nicht wieder angebracht wurden. Anstelle der rustizierten Flächen der beiden Obergeschosse der Fassaden entstanden nun glatte Putzflächen.

Mit der Einrichtung einer Zweigstelle der Deutschen Post 1968 in den Erdgeschossräumen der ehemaligen Arztpraxis ging hier die ursprüngliche Raumdisposition verloren. 2002 begannen die Arbeiten zum Umbau des Erdgeschosses im Gebäudeteil Grunthalplatz 1, wo eine Spielhalle entstehen sollte, die aber nicht vollendet wurde. Stattdessen etablierte sich eine solche in den Räumen der früheren Postzweigstelle.

Das Gebäude ist ein wichtiges Zeugnis für das großbürgerliche Leben in Schwerin um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert, das hier kaum noch mit derartigen Dokumenten belegbar ist. Darüber hinaus ist es als ehemaliges Adelspalais ein wichtiges Element der Stadt- und Landesgeschichte, wie es auch die Stadterweiterung Schwerins nach Westen und ihren planmäßigen Ausbau, unmittelbar nachdem mit dem Bau des Arsenals am Pfaffenteich damit begonnen wurde, dokumentiert.

Nun soll das Gebäude mit Ausnahme seiner Fassaden abgebrochen werden. Ein Investor plant an dieser Stelle auf einer Fläche von etwa 3500 m2 die Errichtung eines medizinischen Versorgungszentrums hinter historischer Kulisse. Der gewaltige Neubau mit Tiefgarage soll außer einer großen Anzahl von Arzt- und Zahnarztpraxen auch ein Sanitätshaus, ein Café, ein Bäckereigeschäft, eine Apotheke, eine Drogerie, weitere Dienstleistungseinrichtungen sowie auf etwa 800 m2 einen Gesundheits- und Frischmarkt erhalten und wäre nur einen Steinwurf weit von dem gegenwärtig entstehenden Ärztezentrum in der Wismarschen Straße 132 entfernt. Würden die Pläne genehmigt, verlöre Schwerin ein unersetzliches Zeugnis seiner Geschichte. Anstelle des teuren Fassadismus sind Ideen gefragt, die das ganze Denkmal akzeptieren und, ergänzt durch zeitgemäße bauliche Erweiterungen, behutsam in eine neue Nutzung überführen. Der Investor hat sich zu weiteren Gesprächen mit den Denkmalbehörden bereit erklärt.

Dirk Handorf

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