Das Orgelpositiv von Schloss Griebenow

Denkmal des Monats Dezember 2008

Rekonstruierte Farbfassung des Zustands um 1700, Jens Spillner 1986Details anzeigen
Rekonstruierte Farbfassung des Zustands um 1700, Jens Spillner 1986

Abb. 1: Rekonstruierte Farbfassung des Zustands um 1700, Jens Spillner 1986

Abb. 1: Rekonstruierte Farbfassung des Zustands um 1700, Jens Spillner 1986

Etwa 10 km westlich der Hansestadt Greifswald liegt das Örtchen Griebenow. Der Ort beherbergt das gleichnamige Schloss aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts mit seinem dendrologisch wertvollen Park und der zur Schlossanlage zugehörigen Kapelle.

Griebenow wird erstmals 1248 als slawische Ortschaft urkundlich erwähnt. Mit der Besetzung Pommerns im Zuge des Dreißigjährigen Kriegs (1618–1648) gerät Pommern bis zum Jahr 1815 unter schwedische Herrschaft. Die Besetzung gilt als wesentlicher Erfolg des Oberfeldkämmerers Gerd Anton Keffenbrinck (1610–1658), dessen Vorfahren aus Westfalen stammten. Diesen nach Schweden ausgewanderten Soldaten belohnte die schwedische Königin Christina 1639 mit einem Adelstitel und übertrug ihm 1648 unter anderem das Gut Griebenow. Im Jahr 1653 ließ er die für unser Bundesland einzigartige Schlosskapelle als 15-eckigen Zentralbau errichten.

Die Schlosskapelle enthält außer anderen bedeutenden Ausstattungsstücken eine kleine Orgel. Diese war um 1650 als einfache Truhenorgel in Schweden gebaut worden und diente ursprünglich der weltlichen Unterhaltung im damaligen Gutshaus Griebenow. Von dort kam sie kurz nach 1700 in die Kapelle. Empore und Orgelprospekt wurden zu der Zeit hergestellt und nachträglich in das umlaufende Gestühl vor die nördliche Wand eingefügt. Alles sieht wie aus einem Guss gefertigt aus. Aber ist das wirklich so?

Die Front der Empore der von außen nicht sichtbaren kleinen Orgel ist mit drei zum Teil im Laufe der Zeit hinzu gefügten Wappen der Familie Keffenbrinck verziert. Zu ihr führt seitlich eine Treppe. Der mit dem barock geschnitzten und gemalten Rankenwerk versehene Prospekt steht vor einem illusionistisch gemalten bunten Vorhang. Dessen schwungvolle Malerei spannt sich zwischen zwei der 15 überlängten Halbsäulen. Seitlich wirkt die Malerei wie abgeschnitten. Sie bindet die Empore mit Brüstung und dem darüber befindlichen Orgelprospekt zusammen. Es handelt sich um einen symmetrisch angeordneten, sich zur Mitte hin öffnenden blauen Vorhang. Er kommt aus einem an der Dachkante aufgehängten Baldachin. Der Vorhang ist als Antwort auf das zeltartige Dach der Kapelle, das von innen wie eine Stoffbespannung wirkt, zu verstehen. Schnüre und Quasten raffen den Stoff und werfen feine graue Schatten, die seitlichen Raffungen des Stoffes sowie die fallenden Quasten fehlen. Unter dem Vorhang ist eine rote Fläche zu sehen. Sie wird von dunkelroten Aderungen diagonal durchzogen. Darunter befindet sich etwa in Höhe der umgebenden Emporenbrüstungen hinter diesen eine graue und mit dunklen und hellen Einsprenkelungen belebte Fläche. Beide beschriebenen Oberflächen sollen Marmor darstellen. Stilistisch lässt sich die Malerei in die Mitte des 18. Jahrhunderts datieren. Alle drei Elemente, die Orgel aus der Spätrenaissance, der Prospekt aus dem späten Barock und die der Übergangszeit vor dem Klassizismus zuzuordnende Wandmalerei, bilden für den heutigen Betrachter eine Einheit.

Wie stellt sich die Genese der verschiedenen hier beschriebenen Zustände genauer dar? Kurz nach 1700 wurde die kleine Truhenorgel in die damals weiß getünchte Kapelle verbracht, die Empore mit den beiden außen angebrachten Wappen gebaut und der Prospekt mit zusätzlichen Lüsterungen und Schnitzwerk hergestellt. Wenig später kam um die Mitte des 18. Jahrhunderts der illusionistische Vorhang, für die Gegend durchaus typisch, hinzu. Er spannte sich zwischen den seitlich der Empore befindlichen hochrechteckigen Fenstern, war also breiter als heute. 1833 war die Kirche in einem derart schlechten Zustand, dass zur Verstärkung des Fachwerks im Innenraum die hohen und überlängten Halbsäulen in die Ecken eingestellt wurden. Sie durchschnitten die Malerei und gliederten den ursprünglich weiten, horizontal und rund wirkenden Raum vertikal. Die ebenfalls desolate und inzwischen unmoderne Malerei wurde mit dem gesamten Innenraum hellblau überfasst. Ende des 19. Jahrhunderts erhielt der Innenraum wieder eine weiße Ausmalung, die um 1955 durch einen hellen Ockerton ersetzt wurde. 1987 entschloss man sich schließlich, den alten Orgelvorhang zwischen den Halbsäulen wiederherzustellen. Auf die beiden Stücke jenseits der Säulen verzichtete man.

Der Orgelprospekt hält mit seinen gedrechselten, stummen Pfeifenattrappen nicht das, was er verspricht. Tatsächlich hat das einmanualige, pedallose Instrument nur die beiden im Original unbezeichneten (Holz-)Register Gedackt 8' und Flöte 4'. Der Tastaturumfang ist C - c3. Um das Jahr 1820 wurde die tiefe Oktave mit Halbtönen ergänzt und chromatisch ausgebaut, das Klangbild also verändert. Im Laufe der Zeit wurde die Orgel immer schwerer bespielbar. Im weltweiten Internetnetz jedoch kann man sie heute in ihrem vermeintlichen Originalzustand hören. Glücklicherweise hat man dabei im Jahr 2002 der Versuchung widerstanden, den Lautheitsabfall in der unteren Oktave technisch zu kompensieren. Das entspräche zwar den heutigen perfekten Hörgewohnheiten, wie es auf der Internetseite heißt, würde aber dem historischen Charakter des Instruments keinesfalls gerecht werden. In den Lizenzbedingungen erklären die künstlerischen Programmierer, für den Denkmalpfleger sehr sympathisch klingend, dass die virtuellen Orgeltöne nicht als Ersatz der jeweiligen Orgel in den ursprünglichen Räumen dienen dürfen (www.organartmedia.com).

So faszinierend die hier beschriebene technische Lösung ist, so wenig ersetzt sie die dringend notwendige Restaurierung. Orgelwerk und Prospekt leiden unter den Ergebnissen von Holzwurmbefall. Spezielle Konzerte im Rahmen beispielsweise der universitären Greifswalder Bachwoche wären nach einer umfassenden Restaurierung möglich. Schließlich war der Bauherr der Kapelle immerhin fünf Jahre bis zu seinem Tod am 12. Oktober 1658 Kurator der Greifswalder Universität gewesen. Er liegt in der zur Kapelle gehörenden Familiengruft begraben.

Dr. Dorotheus Graf Rothkirch

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