Gedenken mit sakralen Mitteln - Die Gedenkstätte an der Chausseestraße in Löcknitz

Denkmal des Monats November 2009

Löcknitz, Lkr. Uecker-Randow, GedenkstätteDetails anzeigen
Löcknitz, Lkr. Uecker-Randow, Gedenkstätte

Abb.1: Löcknitz, Lkr. Uecker-Randow, Gedenkstätte

Abb.1: Löcknitz, Lkr. Uecker-Randow, Gedenkstätte

Im Frühjahr des Jahres 1945 fanden schwere Kämpfe in und um Löcknitz statt. Der Ort war in die Hauptkampflinie der deutschen Truppen einbezogen worden. Die Gefechte, die sich deutsche und sowjetische Einheiten lieferten, forderten zahlreiche Opfer. An die bei diesen Kämpfen gefallenen sowjetischen Soldaten erinnert die Kriegsgräberstätte in Löcknitz. 43 von ihnen wurden in 22 Gräbern auf dem an der Chausseestraße gelegenen Ehrenfriedhof bestattet.

1946 war die Anlage von dem Architekten Karl Niekrenz aufwändig symbolhaft gestaltet worden. 30 Jahre später, 1976, fand auch das Mahnmal für die Opfer des Faschismus hier seinen Platz, wodurch ihre Symbolhaftigkeit nochmals gesteigert wurde.

Man betritt den von einem Zaun umgebenen Ehrenfriedhof von Westen durch einen Torbau mit Inschrift. Im Zentrum der im Grundriss rechteckigen Anlage, genau im Schnittpunkt der Diagonalen sowie der Längs- und Querachse, steht ein hoher, auf vier Stützen ruhender, quadratischer Baldachin mit einbeschriebenem Sowjetstern in seiner Verdachung. Auf der Nordseite des Ehrenfriedhofs befinden sich nebeneinander 20 Einzelgräber mit kleinen Obelisken als Grabsteinen, auf denen die Namen der hier bestatteten sowie das Todesjahr oder das Datum des Todes der Gefallenen zu lesen sind. Flankiert wird diese Gräberreihe von zwei Massengräbern mit jeweils gleichartig gestalteten Grabsteinen, dreiteilige Tafeln, auf deren Seitenfeldern je ein von einem Lorbeer- und einem Eichenlaubzweig eingefasster Sowjetstern sowie die Jahreszahlen 1941 und 1945 zu finden sind. Die Mitteltafeln tragen Inschriften, die ewigen Ruhm für die tapfere Sowjetarmee, die für die Ehre und Freiheit der Heimat kämpfte, verkünden. Auf der gegenüberliegenden Seite wurde das Mahnmal für die Opfer des Faschismus, ein altarartiger dreiteiliger Gedenkstein, aufgestellt. Sein Mittelteil trägt den roten Häftlingswinkel. Die Seitentafeln sind mit den Inschriften

GEDENKT / UNSERER NOT / BEDENKT / UNSEREN TOD

und

EUCH / DER LORBEER / UNS / DIE PFLICHT

versehen. Vor diesem Gedenkstein steht ein steinerner Block, auf dem sich eine Schale befindet. In seine vordere Seite sind drei Urnen eingestellt und durch ein Gitter gesichert. Oberhalb der Urnen ist die Inschrift

DIE OPFER MAHNEN

und im unteren Teil sind die Jahreszahlen 1933 und 1945 zu lesen.

Um ein ehrenvolles Gedenken an die gefallenen Soldaten und die politischen Widerstandkämpfer zu erzeugen, nutzt die Anlage aus der Sakralbaukunst zum Zweck ritueller Handlungen zur Heiligenverehrung geschaffene tradierte Elemente. Sie waren seit Jahrhunderten festgeschrieben, im Bewusstsein der Menschen verankert und sollten auch an dieser Stelle die Unantastbarkeit und Integrität der zu Ehrenden unterstreichen.

Schon das Betreten der Anlage von Westen durch ein Tor, wie es auch bei Kirchen in der Regel üblich ist, erzeugt eine weihevolle Stimmung. Der im Zentrum stehende Baldachin ist das wichtigste symbolhafte Element der Gedenkstätte. Es leitet sich von den Ziborien frühchristlicher Kirchen her und verweist auf die Confessio, ein Märtyrer- oder Heiligengrab. Im Kontext der Anlage sollte hier an zentraler Stelle allen im Zweiten Weltkrieg getöteten Sowjetbürgern, unabhängig davon, ob sie Militärangehörige waren oder nicht, gedacht werden. Dies bezeugt der Sowjetstern in der Verdachung des Baldachins als Bestandteil des Staatswappens der UdSSR. Die Toten werden gleichsam zu Helden, zu Märtyrern verklärt. Ihnen galt eine besondere Verehrung.

Geehrt werden sollten gleichfalls die tatsächlich auf dem Ehrenfriedhof bestatteten Soldaten. Ihre Gräber erhielten Obelisken als Grabsteine. Obelisken gelten auch als Siegessymbole. Die Form der Grabsteine durchbricht allerdings die christliche Ikonographie, von der die übrigen Teile der Anlage hergeleitet sind, wie auch die beiden dreiteiligen Grabsteine über den Massengräbern, die die Einzelgräber flankieren. Ihre Form geht auf den mittelalterlichen Flügelaltar, das Triptychon, zurück.

Jene Form greift auch das Mahnmal für die Opfer des Faschismus auf. Es versinnbildlicht gewissermaßen eine ideelle Zusammenkunft der Opfer der Nazidiktatur, die auf die Nachgeborenen treffen. Am Mahnmal treten sie in einen Dialog, verdeutlicht durch die Inschriften auf den Seitentafeln. Während die Opfer die Lebenden eindringlich mahnen und zum Gedenken auffordern, versichern jene den Opfern, sie zu ehren und ihr Vermächtnis zu bewahren. Der vor dem altarartigen Gedenkstein stehende Block hebt die Bedeutung des Mahnmals nochmals hervor. Er übernimmt die sinnbildliche Rolle der Altarmensa in der Kirche, eines Tisches für kultische Handlungen. Darauf deutet auch die auf ihm befindliche Opferschale hin.

In den Mensen katholischer Kirchen werden Reliquien von Heiligen oder Märtyrern mitunter für die Gemeinde sichtbar ausgestellt, um eine besondere Verehrung zu ermöglichen. Das Mahnmal greift diesen Sachverhalt auf und trägt dem mit den drei in den Mensablock gestellten Urnen Rechnung. Sie symbolisieren die sterblichen Überreste der Opfer der Stettiner Widerstandsgruppe Empacher-Krause.

1937 entstand in Stettin die größte illegale Widerstandsgruppe, der zeitweise bis zu 300 Mitglieder, Kommunisten, Sozialdemokraten und auch Parteilose angehörten. Sie wurde von Walter Empacher und Werner Krause geleitet. Im Februar 1945 richteten die Nazis die beiden Kommunisten sowie fünf weitere Mitglieder der Widerstandsgruppe hin, nachdem ihnen der Prozess gemacht worden war. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs traten die Überlebenden der Gruppe aus der Illegalität heraus und beteiligten sich am Aufbau in Vorpommern.

Die Aufstellung des Mahnmals für die Opfer des Faschismus, das bis dahin auf dem Alten Friedhof stand, an dieser Stelle und seine Einbindung in den Gesamtkontext der Anlage assoziiert den gemeinschaftlichen Kampf von Sowjetsoldaten und deutschen Widerstandskämpfern gegen den Nationalsozialismus. Die Gedenkstätte demonstriert somit die Solidarität der antifaschistischen und militärischen Kräfte und verweist auf deren Überlegenheit.

Die Gedenkanlage an der Löcknitzer Chausseestraße ist ein beredtes Zeugnis für die Gedächtniskultur in der DDR und symptomatisch für diese Denkmalgattung, wie sie in der sowjetischen Besatzungszone und in der frühen Phase der Entwicklung der DDR entstand. Der besondere Aspekt liegt hier zum einen im gemeinsamen Gedenken der sowjetischen Opfer von militärischen Kampfhandlungen und der Opfer des antifaschistischen Widerstandes als Grundlage für das "progressive Erbe", in deren Tradition sich die DDR sah, zum anderen in der sakral anmutenden denkmalhaften Überhöhung der Opfer.

Aufgrund mangelnder Pflege ist dieses wichtige Geschichtsdenkmal heute in einem kritischen Zustand, so dass in naher Zukunft über Mittel und Wege für seinen Fortbestand zu sprechen sein wird.

Dirk Handorf

Denkmal des Monats November 2009

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