Die Kirche St. Katharinen zu Stralsund - Ältestes Hallendachwerk Deutschlands über dem Meeresmuseum entdeckt

Denkmal des Monats Dezember 2009

Ansicht der Stralsunder Katharinenkirche, Blick vom MarienkirchturmDetails anzeigen
Ansicht der Stralsunder Katharinenkirche, Blick vom Marienkirchturm

Abb. 1: Ansicht der Stralsunder Katharinenkirche, Blick vom Marienkirchturm

Abb. 1: Ansicht der Stralsunder Katharinenkirche, Blick vom Marienkirchturm

Im Westen der Hansestadt Stralsund liegt das 1251/61 gegründete Dominikanerkloster St. Katharinen. Es handelt sich um eine dreischiffige Hallenkirche von acht Jochen Länge und einem eingezogenen zweijochigen Chor mit 7/12-Schluss. Während der Chor ausschließlich aus gelblichen Backsteinen besteht, finden sich am Langhaus Mauerbereiche in gelblichem und rotem Baumaterial. Die Klosterkirche gehört zu den bedeutendsten Bettelordenskirchen des Backsteingebietes und gilt insbesondere mit ihrem Chor als Vorbild für zahlreiche frühgotische Kirchen der Umgebung.

Der historischen Einordnung des Bauwerks dienten bislang nur das Weihedatum von 1287 und der Zeitpunkt des Provinzialkapitels von 1315 beziehungsweise nach einer Handschrift im Stadtarchiv das Jahr 1317. In der bisherigen Forschungsliteratur wird die Entstehungsgeschichte in zwei Bauphasen unterteilt: Demnach wären der Chor und die drei östlichen Langhausjoche in den 1280er Jahren gemeinsam entstanden, der restliche Langhausbereich dann zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Dass die Baugeschichte etwas differenzierter ist, beweisen deutlich sichtbare Baunähte in den Choreinzugswinkeln mit jeweils unterschiedlichen Backsteinfarben zu beiden Seiten. Die drei östlichen Joche entstanden also in einer eigenständigen, dritten Bauphase zwischen Chor und westlichem Langhaus.

Die dendrochronologische Untersuchung des Dachwerks erfolgte auf gemeinsame Initiative von J. C. Holst und dem Verfasser und wurde vom Deutschen Meeresmuseum beauftragt. Sie hat ergeben, dass sich über dem Ostteil des Kirchenschiffs die 1292 errichtete und damit mit Abstand älteste monumentale Hallendachkonstruktion Deutschlands erhalten hat, also das älteste freitragende Holzbauwerk, mit dem drei Kirchenschiffe zugleich überdeckt worden sind. Diese speziellen Großkonstruktionen heben sich von den selteneren Hallenkirchen mit kleineren Einzeldächern (in Mecklenburg-Vorpommern nur die Stadtpfarrkirche in Güstrow) und den Stufenhallendächern mit aufgelegten Seitenschiffsdächern ab (in Mecklenburg-Vorpommern die Kirchen in Kalkhorst und Rethwisch; in Lübeck die Jakobikirche). Dabei handelt es sich unzweifelhaft um eine der größten Meisterleistungen mittelalterlicher Zimmermannskunst, die sich als Erstes in Norddeutschland entwickelt hat.

Der Chor

Obwohl das ursprüngliche Dach nicht mehr vorhanden ist, wie sich an der niedrigeren Firstlinie bereits von außen deutlich ablesen lässt, blieben in der heutigen Konstruktion aus dem 18. Jahrhundert zahlreiche Hölzer des frühgotischen Daches in Zweitverwendung erhalten. Diese Eichen- und Kiefernbalken zeigen alte Blattsassen und teilweise Abbundmarkierungen aus geschlagenen und gerissenen Zeichen. Das Bauholz wurde im Winter 1281/82 in der Umgebung Lübecks eingeschlagen und saftfrisch im Jahr 1282 oder kurz danach verzimmert. Ursprünglich hat es sich offenbar um ein Kreuzstrebendach gehandelt.

Das östliche Langhaus

Nachdem zuerst der Chor und Teile der östlichen Langhauswand fertig gestellt waren, dauerte es einige Jahre, bis daran anschließend drei Langhausjoche entstanden. Es galt 21 m Kirchenbreite mit einem einzigen Satteldach zu überspannen. Dies erreichte man durch die Errichtung eines einzigen großen Hallenrahmendaches. Das Dachwerk besteht aus dem Holz von in den Wintern 1288/89 und 1291/92 im weiteren Stralsunder Umland gefällten Eichen und Kiefern, das wahrscheinlich saftfrisch im Jahr 1292 verzimmert wurde. Diese Datierung passt hervorragend zu dem Stadtbucheintrag von 1291, demzufolge die Dominikaner 24.000 Backsteine von der Stadt liehen. Während das Unterdach mit ankerlosem Ständerkasten, schlichten Fuß- und Kopfbändern und einfachen Sparrenstreben weitgehend vollständig erhalten ist, wurde das Oberdach auf originalen Sparrenschwellen im 18. Jahrhundert (zur Inschrift im Ostgiebel von 1736?) unter Wiederverwendung älterer Hölzer neu aufgeschlagen. Das teilweise erhaltene östliche Gespärre zeigt jedoch, dass es sich um ein doppeltes Kehlbalkendach gehandelt hatte.

Das westliche Langhaus

Nach Fertigstellung der ersten drei Joche dauerte es noch länger, bis das Langhaus endlich beendet werden konnte. Im Winter 1307/08 wurden die dazu benötigten Kiefern im weiteren Stralsunder Umland gefällt und die Hölzer aufgrund ihrer einheitlichen Fälldaten wahrscheinlich anschließend im Jahr 1308 verzimmert. Die ältere Konstruktion wird identisch fortgeführt, nur die Abbundzeichen (Markierungen der Zimmerleute zum korrekten Wiederzusammenfügen der Einzelteile) wechseln von einem Symbolsystem zu einem additiv gezählten Liniensystem. Die verwendeten Balken zeigen zahlreiche Holzmarken und Reste von Floßbindungen, weil man sie im regionalen Holzhandel wahrscheinlich an der Küste entlang flößte, vielleicht vom Stettiner Haff oder von der Insel Rügen her? Vergleichbare Befunde aus dem frühen 14. Jahrhundert sind in mehreren mittelalterlichen Dachwerken Vorpommerns bekannt.

Dr. Tilo Schöfbeck

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