Beherzt angepackt - Die Turmdachsanierung der Kirche St. Marien zu Rostock

Denkmal des Monats August 2010

Rostock, St. Marien, Turmwestfassade.jpgDetails anzeigen
Rostock, St. Marien, Turmwestfassade.jpg

Abb. 1: Rostock, St. Marien, Turmwestfassade

Abb. 1: Rostock, St. Marien, Turmwestfassade

Im Jahr 2008 wurde mit dem für die Mecklenburgisch-Lutherische Landeskirche Mecklenburgs zurzeit größten Instandsetzungsprojekt an einer mittelalterlichen Kirche begonnen – der Sanierung des Rostocker Marienkirchturms. Er wurde bereits im 13. Jahrhundert als breite Doppelturmanlage begonnen. Das spätromanische Sockelgeschoss mit Ecklisenen und Kleeblattbogenfries kündet von diesem frühen Turmprojekt. Zu Ende des 13. Jahrhunderts wurde der Mittelturm in zwei Geschossen aufgemauert und um die Mitte des 14. Jahrhunderts von den dreigeschossigen Doppeltürmen flankiert, die jedoch die Lisenengestaltung des Untergeschosses beibehielten.

Charakteristisch sind die Mauerwerkslagen aus gelben und grün/schwarz glasierten Backsteinen. Bemerkenswert ist ein spätromanischer Fries an der Westfassade des Turmes mit glasierten Tonfiguren. In Abweichung von der geplanten Doppelturmanlage erhielt der Mittelturm ein zusätzliches Geschoss, der ihn über Nord- und Südturm erhob. Beide seitlichen Türme erhielten ein an den Mittelturm angebundenes Walmdach mit einer Mönch-Nonne-Ziegeldeckung. Diesem selbst wurde bei einer barocken Umgestaltung im Jahre 1796 die heutige Turmspitze mit einer offenen Laterne in Kupferdeckung aufgesetzt.

Nachdem die Bauverantwortlichen zunächst Ziegelabbrüche aus oberen Mauerwerkspartien der nördlichen Turmfassade beobachtet hatten und außerdem die Stundenglocke im Turmhelm durch die korrodierte Aufhängung gefährdet war und abzustürzen drohte, wurde eine erste Sicherung durch Absperrung des Turmbereiches, durch Abspannen der Mauerwerkspartien mit Netzen und die Unterfangung der Glocke veranlasst.

Schnell verdeutlichte sich, dass eine umfangreiche Komplettinstandsetzung des gesamten Turmdaches und der barocken Haube sowie der gefährdeten oberen Mauerwerksbereiche notwendig wurde. Was jedoch niemand so schnell erwartet hätte, wurde plötzlich möglich: Die Finanzierung dieses groß angelegten Projektes gelang. Auf einen dringenden Spendenaufruf in der Zeitschrift der Deutschen Stiftung Denkmalschutz "Monumente" hin wurden etwa eine Million Euro aufgebracht. Das Land Mecklenburg-Vorpommern stockte mehr als das Doppelte dazu auf und auch die Kirche und die Stadt Rostock planten erhebliche Mittel ein, so dass einer Realisierung des Vorhabens zur Instandsetzung des Turmdaches theoretisch nichts mehr im Wege stand.

Praktisch jedoch verzögerte sich das über mehrere Jahre angelegte Förderprojekt durch bei dieser Größenordnung nicht zu verwundernde schwierige Planungsabläufe. Zum einen musste die Lösung einer funktionierenden Rüstung als wohl schwierigster Teil der Planung wohlüberlegt sein, zum anderen waren erhebliche Vorbereitungen zur Untersuchung des Bestandes notwendig, auf die eine Instandsetzungsplanung und detaillierte Berechnung überhaupt erst möglich wurde.

Schwerpunkt der Planung war unter anderem die Statik. Aber auch die Abläufe der zimmerermäßigen Instandsetzung der riesigen Turmdachkonstruktion und der Dachdeckung mussten sorgfältig überlegt sein, denn die Erhaltung der historischen Dachwerke war denkmalpflegerische Zielstellung. Das Ständerwerk des Turmhelmes besteht in seinem Mittelteil noch in erheblichem Maße aus einer aufwendigen mittelalterlichen Konstruktion (1336 d 1), während die heutigen Dachwerke der Seitendächer des Turmes (1734/40 d 2) und die Wel'sche Haube (1795 d) des Mittelturmes aus der barocken Umgestaltungsphase stammen.

Insofern wurde durch die Denkmalpflege auch die bauhistorische Untersuchung als erforderlich angesehen. Ein Handaufmaß der filigranen Zimmermannskonstruktion des Turmes wurde als zu zeitaufwendig und auch kompliziert betrachtet. Deshalb realisierte man die Baudokumentation des Turmdachgefüges mithilfe eines digitalen Aufmaßes unter ergänzender Begleitung des Bauforschers zur fotografischen Dokumentation der Details und zur Dendrochronologie.

Nachdem zunächst eine Rüstung im oberen Bereich mit eingeschobenen Stahlprofilen zur Auflage der gesamten Rüstung vorgeschlagen war, wurde dann aber doch entschieden, eine Gesamteinrüstung des Turmes vorzunehmen. Das hatte den Vorteil, dass die aufwendigen Balkenkonstruktionen für die Schweberüstung vermieden wurden und gleichzeitig die gesamte Turmfassade mit eingerüstet war. Deshalb konnte sich auch eine Planung und der Beginn zur Instandsetzung des Mauerwerkes, einschließlich der Restaurierung des mittelalterlichen Figurenfrieses anschließen, die wiederum erheblich durch das Land gefördert wird. Auch eine Instandsetzung des mittelalterlichen Glockenstuhls (um 1430 d 3) und die Wiederherstellung des einmaligen mittelalterlichen Geläuts 4 wurde geplant und wird gefördert; von diesen Begleitmaßnahmen wird später ausführlich zu berichten sein.

Zunächst wurde im Jahr 2009 die Turmdachkonstruktion unter Erhalt des Bestandes sensibel gesichert und instand gesetzt. Begonnen wurde mit einer Kupferneueindeckung der barocken Haube, weil die alte Kupferdeckung so stark korrodiert und aufgeworfen, ja teilweise durchlöchert war, dass ein Erhalt im Bestand unmöglich war. Ebenso bedurften die hölzerne Haubenkonstruktion und die Schalung unter der Deckung einer Instandsetzung, so dass ohnehin die vollständige Abnahme der Deckung notwendig wurde.

Die Kupferdeckung wurde erneuert, allerdings nicht in den typischen breiten barocken Bahnen und Längen, sondern in sehr viel schmaleren und kürzeren Bahnen. Die Denkmalpflege stimmte hier zu, weil bei der enormen Höhe des Turmhelmes eventuelle Reparatur- und Gewährleistungsansprüche bei Sturmschäden nicht abgesichert gewesen wären. Erfreulich ist, dass die neobarocke gusseiserne Brüstung nach Aufarbeitung erhalten bleiben konnte.

Erheblichen Abstimmungsbedarf gab es bei der zu verwendenden Dachdeckung der Turmfront- und Seitendächer. Während im östlichen Bereich bereits eine Kupferdeckung lag, trugen die übrigen drei Seiten der Turmdächer noch rote Dachziegel in einer Mönch-Nonne-Deckung. Diese Deckung prägte das Erscheinungsbild der Marienkirche ununterbrochen seit dem Mittelalter bis heute. Ihre weitere Bewahrung wurde somit zur denkmalpflegerischen Zielstellung. Einer Deckung aus Kupfer, wie sie die kirchlichen Baubehörden alternativ vorschlugen, wurde nicht zugestimmt.

Die vorhandenen Ziegel stammten aus einer Eindeckung der 1950–1960er Jahre und waren nach der erforderlichen Abnahme nicht mehr verwendbar. Es wurden deshalb Mönch-Nonne-Ziegel aus der Ziegelindustrie ausgewählt und mit ausgewählten, erfahrenen Dachdeckerfirmen fand ein Kolloquium statt, in dem über die Art der Ausführung und Befestigung diskutiert wurde. Dabei wurde entgegen früherer Sicherheitsüberlegungen, die von einer Verschalung des gesamten Dachwerkes und der Deckung darüber ausgingen, eine traditionelle Deckung, jedoch mit Verklammerung pro Ziegel entschieden. Die Anschlüsse zu den Turmgauben sind mit Kupferrinnen ausgestaltet.

Mit einem instand gesetzten Dachwerk, der neuen Kupferdeckung auf der barocken Haube und den neuen Mönch-Nonne-Ziegeln auf den Turmanschlussdächern sind die entscheidenden Instandsetzungsmaßnahmen am Turm erfolgreich abgeschlossen. Im laufenden Abschnitt werden nun die gesamte Turmfassade und der Glockenstuhl samt seinem historischen Geläut restauriert.

Jens Amelung


Literatur

1 Tilo Schöfbeck, Rostock, St. Marien, Turmdachwerke, dendrochronologische Untersuchung, 2007–2008, Stand 2010.

2 Tilo Schöfbeck, Rostock, St. Marien, Turmdachwerke, dendrochronologische Untersuchung, 2007–2008, Stand 2010, S. 2–3. Die mittelalterlichen Turmseitendächer wurden auf um 1357 datiert, die Hölzer in der barocken Konstruktion zum Teil zweitverwendet.

3 Tilo Schöfbeck, Rostock, St. Marien, Glockenstuhl, dendrochronologische Untersuchung, 2010.

4 Claus Peter, Glockengutachten vom 14.12.2009. Demnach handelt es sich um eines des bedeutendsten erhaltenen Geläute aus der mittelalterlichen Glockengießerwerkstatt Monkehagen (1409 bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts).

Denkmal des Monats August 2010

Beherzt angepackt – Die Turmdachsanierung der Kirche St. Marien zu Rostock

Denkmalschutz­behörden

Ihre Ansprechpartner in den Landkreisen, kreisfreien und großen kreisangeh

Untere Denkmalschutzbehörden

UNESCO-Welterbe-Bewerbung

"Residenzensemble Schwerin - Kulturlandschaft des romantischen Historismus"

www.welterbe-bewerbung-schwerin.de

Rechtsvorschriften

Hier finden Sie die Rechtsvorschriften der Landesdenkmalpflege.

Rechtsvorschriften