Reparatur einer zerstörten Stadtsilhouette - Wiederaufrichtung des Daches der Nikolaikirche in Anklam

Denkmal des Monats Juli 2011

Anklam, Nikolaikirche mit Notdach aus den 1990er JahrenDetails anzeigen
Anklam, Nikolaikirche mit Notdach aus den 1990er Jahren

Abb. 1: Anklam, Nikolaikirche mit Notdach aus den 1990er Jahren

Abb. 1: Anklam, Nikolaikirche mit Notdach aus den 1990er Jahren

Die Nikolaikirche zu Anklam (Lkr. Ostvorpommern) eine stattliche dreischiffige Backstein-Hallenkirche aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, erlitt im Zweiten Weltkrieg erhebliche Zerstörungen. Nicht nur der hohe Spitzhelm, einer der höchsten Kirchturmhelme Pommerns überhaupt, auch das Dachwerk der Kirche und die Gewölbe wurden komplett zerstört. Erhalten blieben die Umfassungsmauern des Schiffes und des Kapellenchores, die Pfeilerreihen im Inneren und der Turmschaft.

In den 1990er Jahren wurde mit der Sicherung der Kirchenruine begonnen. Der Kirchenbau wurde unter anderem aufgrund seiner überregional bedeutenden, besonderen polygonalen Chorkapellen und der fragmentarisch erhaltenen mittelalterlichen Malereireste in das Förderprogramm "National wertvolle Kulturdenkmäler" des Bundes aufgenommen und erhielt auch in der Landesförderung eine hohe Priorität. So wurde ein Notdach über Langhaus und Chor gesetzt, um den noch erhaltenen wertvollen Bestand zu schützen (Abb. 1). Dieses Notdach bestand aus Stahlfachwerkbindern in der Dimension der historischen Gebindelängen, wurde jedoch zunächst in flacher Neigung über der Außenmauer errichtet und auf Rundstützen außerhalb der Außenmauern aufgesetzt. Die Kirchenruine war so zumindest nach oben geschützt. Die Dachkonstruktion war so konzipiert, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt auf die Außenmauern gesetzt werden und die ursprüngliche Neigung des Hallendaches wieder erreichen konnte. Inzwischen bemühte man sich um die Instandsetzung der Mauerkronen und die Sicherung der Malereien, des Weiteren um die Sicherung der Kirchenpfeiler im Schiff und um das Turmmauerwerk.

Die Pommersche Evangelische Kirche trennte sich von dem Bau, weil eine Nutzung der Kirche und der weitere Erhalt im kirchlichen Rahmen fraglich waren und übergab sie der Stadt Anklam. Diese erwog in mehreren Studien eine anspruchsvolle kulturelle Nutzung des Kirchenbaus. Eine Idee ist nach wie vor die Einrichtung eines sogenannten Ikareons im Andenken an den berühmtesten Sohn der Stadt, den Flugpionier Otto Lilienthal.

Im Jahre 2010 wurde im Rahmen des Konjunkturprogrammes des Bundes überraschend eine Förderung zur Wiederaufrichtung des Kirchendaches bewilligt. Die Planung dafür übernahm ein örtliches Ingenieurbüro. Nach Bewilligung der Fördersumme wurde auch die Denkmalpflege in die Abstimmung mit einbezogen. Die Förderung war eine einmalige Chance zum Aufbau des Daches und somit zur langfristigen Sicherung des Kirchenbaus.

Die anfängliche Euphorie legte sich aber schnell, als sich nach Prüfung der provisorischen Dachkonstruktion herausstellte, dass diese aufgrund von materiellen und konstruktionsbedingten Schwächen und Mängeln in den Konstruktionspunkten der Stahlfachwerkbinder nach statischer Prüfung nicht mehr für eine Wiederaufrichtung geeignet war. Eine neue Stahlkonstruktion musste entwickelt und finanziert werden, was nach erheblichen Anstrengungen der Stadt zur Finanzierung der umfangreichen Mehrkosten tatsächlich gelang. Es wurde eine Stahlgebindekonstruktion entwickelt, die, obwohl sie filigraner als die ehemalige Konstruktion ist, den statischen Erfordernissen gerecht wird (Abb. 2 - 4).

Eine besondere Herausforderung bestand in der Ausbildung des Daches über den Chorkapellen. Zum Glück waren gute historische Fotografien aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts erhalten geblieben, sodass die Gestalt der Kapellendächer rekonstruiert werden konnte. Die drei in Reihe angeordneten polygonalen Chorkapellen hatten nämlich eigene Dachkonstruktionen, die im oberen Bereich in die Walmdachausbildung des Kirchenschiffes fließend und harmonisch übergingen. Nach intensiven denkmalpflegerischen Abstimmungen mit dem Planungsbüro, der Stahlbau-, der Dachdeckerfirma, dem Bauamt der Stadt und dem örtlichen Museums- und Wiederaufbauverein wurde eine Lösung konzipiert, die im Chor eine Grundbauweise in Stahl unter Hinzunahme von Holzbauteilen für die Detailausbildung der Grate beinhaltete. Vorher wurde anhand von filigranen Modellbauten im Lilienthalmuseum der Stadt die genaue Gestalt des Chordaches entwickelt und vom Planungsbüro planerisch umgesetzt.

Als Dachdeckung wurde wieder eine rote Ziegeldeckung aus Respekt vor dem Kirchenbau selbst und im Sinne des städtebaulichen Erscheinungsbildes bevorzugt. Nachdem man zunächst eine moderne Lösung mit Plattenziegeln erwogen hatte, stellte sich bei der Planung heraus, dass gerade die filigrane Architektur der Chordächer mit ihren gebundenen Graten und den Anschlüssen an das Hauptdach eine kleinteilige Ziegeldeckung erforderte. Man entschied sich nun für eine Biberschwanzdeckung, weil diese historisch so bewährte und flexible Deckungsart tatsächlich den Gegebenheiten am besten gerecht wurde (Abb. 5).

Der Bau ist damit in seiner äußeren Hülle gesichert und die im Krieg arg zerstörte Stadtsilhouette konnte in diesem sehr wichtigen Punkt wieder repariert werden. Es bleibt zu hoffen, dass nunmehr auch der verloren gegangene hohe Spitzhelm wieder errichtet wird und eine kulturelle Nutzung der Nikolaikirche zukünftig gelingen mag.

Hierzu sind Fördermittel bei der Pomerania, einer Stiftung zur Bewahrung des kulturellen Erbes dies- und jenseits der Oder beantragt. Ein architektonischer Wettbewerb für eine anspruchsvolle Lösung unter Beachtung gewisser Parameter wird von der Denkmalpflege angestrebt. Zu ergänzen ist, dass auch die Kirchenfenster nach und nach auf Basis von Sponsorengeldern instand gesetzt werden und für die besonderen Chorfenster inzwischen ein Gestaltungswettbewerb erfolgte. Eine Umsetzung mit modernen Buntglasfenstern wird hierzu angestrebt. Die Reste der mittelalterlichen Malereien wurden restauratorisch untersucht und dokumentiert, in Anfängen gesichert und bedürfen nun der umfassenden Konservierung.

Dipl.-Ing. Jens Amelung

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