Schwerin, Schelfmarkt 1

Denkmal des Monats Oktober 2011

Landeshauptstadt Schwerin, Schelfmarkt 1, Wohnhaus nach der Restaurierung Details anzeigen
Landeshauptstadt Schwerin, Schelfmarkt 1, Wohnhaus nach der Restaurierung

Abb. 1: Landeshauptstadt Schwerin, Schelfmarkt 1, Wohnhaus nach der Restaurierung

Abb. 1: Landeshauptstadt Schwerin, Schelfmarkt 1, Wohnhaus nach der Restaurierung

Die planmäßige Neuanlage der Schweriner Schelfstadt nach Entwürfen von Jakob Reutz im Jahre 1705 sah bereits einen großen rechteckigen Platz mit der dann ab 1708 errichteten Nikolaikirche vor. Später tatsächlich ausgeführt wurden zwei gegeneinander versetzte Plätze um die Kirche und vor dem 1776 errichteten Neustädtischen Rathaus.

An der zum Schelfmarkt führenden Puschkinstraße und am Schelfmarkt selbst befinden sich die großen barocken Palais der Residenzstadt, die trotz der Verlegung des Hofes nach Ludwigslust unter Herzog Friedrich dem Frommen im Jahr 1756 von einer regen Bautätigkeit des Adels in Schwerin zeugen.

Das 1755 errichtete und 1782 um fünf Achsen erweiterte, traufständige, zweigeschossige Fachwerkgebäude mit Walmdach am Schelfmarkt 1 zählt auch aufgrund seiner erhaltenen Ausstattung zu den herausragenden Wohngebäuden der Stadt. Zugehörig ist ein im Zuge der Erweiterung entstandener dreigeschossiger Seitenflügel.

Das Palais hat im Laufe seiner Geschichte zahlreiche Besitzerwechsel erfahren. War es einst für herrschaftliches Wohnen bestimmt, wurden 1895 in dem Haus eine Ausbildungsstätte für Krankenschwestern und einige Betten für stationäre Behandlung unterhalten, ab 1927 erfolgte eine Nutzung durch das Mecklenburgische Rote Kreuz. Seit 1946 befand sich hier eine Poliklinik, später eine Apotheke. Nachdem 2003 seitens der Stadtplanung noch ein Abbruch des Seitenflügels zur besseren Vermarktung des Objekts beabsichtigt war, konnte 2009 ein Käufer gefunden werden, der nun, bei wirtschaftlich bedingtem Ausbau des Dachgeschosses, in vorbildlicher Weise eine denkmalgerechte Instandsetzung vorgenommen hat.

Von besonderem Interesse waren dabei die straßenseitigen Räume im Obergeschoss, die durch eine Enfilade miteinander verbunden waren. Sie besitzen zu gleicher Zeit entstandene raumhohe Paneele und Spiegelfelder mit klassizistischen Zierrahmungen zwischen den Fenstern. Der linke Eckraum ist vollständig mit Paneelen ausgestattet, die übrigen Räume weisen raumhohe Paneele an der Straßenseite auf und waren darüber hinaus mit Lambris und offenbar Tapeten versehen gewesen, von denen jedoch nur kleinste Reste erhalten blieben. In allen Räumen werden die Wände durch kräftige hölzerne Gesimse von der Decke getrennt. Plastische Stuckdecken waren nicht nachweisbar, von gemalten Deckenfassungen ist auszugehen. Lediglich im Erdgeschoss haben sich zwei feine Stuckdecken und in einem der beiden Räume Reste eines einfacheren Paneels zwischen den Fenstern erhalten, so dass davon ausgegangen werden muss, dass die im Obergeschoss anzutreffende Ausstattung auch im Erdgeschoss vorhanden war. Die Räume waren durchweg mit Dielen ausgestattet. Hinweise auf ältere Raumausstattungen konnten nicht entdeckt werden. Leider hat sich aufgrund jüngerer Sanierungen im rückwärtigen Bereich des Entrees zwar die jüngere Putzdecke mit umlaufendem Profil erhalten, nicht jedoch die in spärlichen Resten nachweisbare bemalte Leinenbespannung im vorderen Bereich.

Die Nutzungsstruktur ist durch Ofennischen und zwei mächtige Schornsteinzüge nachweisbar. Es wird davon ausgegangen, dass sich die Küche im Seitenflügel befand.

Das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern beteiligte sich unter anderem finanziell an der Restaurierung der klassizistischen Paneele im Obergeschoss. Der Bestand war mehrfach mit Ölfarbe überstrichen, einzelne Bereiche fehlten ganz oder waren bestoßen. Am teilweise gut erhaltenen Rahmen konnten große Teile der plastischen Elemente als aus Gips oder jüngerem Pappmaché hergestellt erkannt werden. Um fehlende Elemente rekonstruieren und ergänzen zu können, wurden die Abdrücke aufgenommen und entsprechende Motivvergleiche recherchiert. Die fehlenden Zierleisten des inneren Rahmens wurden entsprechend den vorhandenen ergänzt und sollen auch auf die anderen Rahmenfelder übertragen werden, ebenso wie die angrenzenden hölzernen Profilleisten. Die Restauratorin Annette Seiffert hat außerdem anhand von Farbskizzen die endgültige Farbigkeit der einzelnen Felder dargestellt. Für Schnitzarbeiten wurden zwei Holzbildhauer hinzugezogen. Die Freilegungen an zwei Rahmen ergaben in einer Zwischenschicht im oberen Bereich zwei gemalte Ornamente aus jüngerer Zeit. Diese wurden dokumentiert und anschließend überfasst.

Aufgrund der Befundlage wird von einer Entstehung der festen Ausstattung kurz nach der Errichtung des dendrochronologisch auf 1781 datierten Erweiterungsbaus ausgegangen. Sowohl hinsichtlich des Materials als auch der Einzelmotive konnte ein Vorbild noch nicht ermittelt werden. Bei der Verwendung des klassizistischen Gipsstucks fällt der sparsame Gebrauch des Dekors in Schwerin gegenüber gemalten Tapeten wie in Bad Doberan (1820), Malereien wie in Emkendorf (1796) oder stuckierten Räumen wie in Wulfshagen (1790) auf. Das Gestaltungsprinzip der klassizistischen Zierapplikationen auf Holz tritt bei Wanddekorationen wie etwa im Landhaus Baur in Altona (1803) oder im Herrenhaus Borghorst (1825) auf.

Die Beschäftigung mit dem Frühklassizismus in Mecklenburg-Vorpommern ist als dringendes kunsthistorisches Desiderat erkannt worden, die Ausstattung des Palais am Schelfmarkt ist daher auch künftig von großer Bedeutung für das Verständnis der historischen Wohnkultur jener Zeit.

Dr. Jan Schirmer

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