Die Dorfkirche von Siedenbollenthin, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte

Denkmal des Monats August 2012

Siedenbollenthin, Dorfkirche, Ansicht nach Westen Details anzeigen
Siedenbollenthin, Dorfkirche, Ansicht nach Westen

Abb. 1: Siedenbollenthin, Dorfkirche, Ansicht nach Westen

Abb. 1: Siedenbollenthin, Dorfkirche, Ansicht nach Westen

Die kleine Feldsteinkirche aus dem 14. Jahrhundert (Abb. 1) birgt so manche bauhistorische Überraschung. Das wurde bei der notwendigen Instandsetzung im Jahre 2011 sehr deutlich, die im ELER-Förderprogramm des Landes Berücksichtigung fand. Starke Feuchteschäden am Innenwandputz erforderten schon im Jahr zuvor eine umfangreiche Untersuchung an der Substanz der Kirche. Schnell wurde deutlich, dass die starke Schädigung der Putze durch den früheren Auftrag eines Zementputzes auf die gesamten Außenwände zusammen mit einer im Laufe der Zeit immer stärkeren Erhöhung des umgebenden Außenterrains hervorgerufen wurde. Beides verhinderte über einen langen Zeitraum die Austrocknung der Wände. Die Innenputze mussten deshalb zunächst in Sockelhöhe abgenommen werden, um den Feuchtestau zu unterbinden.

Die Zielstellung zur Instandsetzung sah vor, darauf folgend den Außenzementputz vollständig zu entfernen und den Sockelfundamentbereich zu sanieren. Die Abnahme erforderte besondere Sorgfalt, da zu erwarten war, dass der Zementputz fest am Untergrund haftet. Überraschend gut und erfolgreich konnte jedoch der harte Außenputz komplett und ohne Schädigung der darunter befindlichen Substanz nicht nur an den Feldsteinwänden, sondern auch am backsteinernen Blendengiebel im Osten abgenommen werden. Glücklicherweise waren unter dem Zementputz noch ältere Putzreste, wohl aus dem 19. Jahrhundert vorhanden, die eine Pufferzone zum Mauerwerk bildeten. So traten gut erhaltene ursprüngliche Putzverfugungen am Feldsteinmauerwerk zutage, das durch unregelmäßige Feldsteinschichtungen charakterisiert ist (Abb. 2).

Bauliche Überformungen der Fensteröffnungen an beiden Längsseiten und an der Ostseite wurden ebenfalls deutlich, so dass stellenweise drei sich überlagernde Fensterstrukturen in den Stürzen sichtbar wurden: Die ursprünglich mittelalterlichen Spitzbögen, die barocken Korbbögen und wiederum die vereinheitlichenden Spitzbögen der Neogotik, der letzten großen Überformungsphase der Kirche (Abb. 3).

Auch der Blendengiebel im Osten konnte vollständig und fast verlustfrei freigelegt werden (Abb. 4). Eine für eine Dorfkirche ungewöhnlich prächtige Blendenstruktur trat nun in Erscheinung, die allerdings in einigen Bereichen starke sanierungsbedürftige Vertikalrisse aufzeigte. Leider erbrachte die restauratorische Untersuchung des Giebels keine deutlichen Farbbefunde, außer spärlichen Resten von Rot, Schwarz und Ocker, die aber nach Aussagen der Restauratorin zwar ursprünglich seien, aber nicht mehr eindeutig interpretiert werden können, so dass eine reiche mittelalterliche Farbigkeit nur noch vermutet werden kann.

Festgelegt wurde nach Auswertung der Befundlage, dass alle historischen erhaltensfähigen Außenputze zu bewahren sind und Fehlstellen mit entsprechendem Kalkputz, der vor Ort unter Anleitung gemischt wird, ergänzt und an die Feldsteine bündig angearbeitet wird, so wie es der historische Befund erbrachte. Ob die Kirche ursprünglich auch im Bereich der Feldsteine überputzt oder nur überschlämmt war, bleibt unklar. Alle Außenwände, einschließlich des Blendengiebels sollen nach der Sicherung und Instandsetzung der Substanz eine komplette und monochrome Kalkschlämme erhalten, die außer einer Vereinheitlichung des Erscheinungsbildes nach den Reparaturen auch einen gewissen Schutz bietet ohne jedoch die bauhistorischen Befunde gänzlich abzudecken.

Weiterhin musste auch das historische Dachwerk saniert werden (Abb. 5 - 7). Hier waren Schäden in den ursprünglich offenen, aber später übermauerten Fußpunkten entstanden, die eine Sicherung und Instandsetzung erforderten. Augenscheinlich handelte es sich um ein sehr filigranes, mittelalterliches, eichenes Streben-Kehlbalkendachwerk mit einer besonderen Ausbildung von gekrümmten Streben unterhalb der Kehlbalken, die allerdings nicht in jedem Gebinde erhalten waren. Schnell wurde aus denkmalpflegerischer Sicht deutlich, dass vor Beginn der Instandsetzungsarbeiten eine bauhistorische Untersuchung und Dokumentation notwendig war, denn das Maß eines Eingriffes konnte nicht gänzlich abgeschätzt werden. Diese Untersuchung erbrachte, dass es sich hier um das ursprüngliche Dachwerk der Kirche aus dem Jahre 1397 (d) (Ralf Gesatzky, Untersuchung 2011) handelt. Die gekrümmten Streben unterhalb der Kehlbalken waren mit schmiedeeisernen Nägeln an Kehlbalken und Stuhl genagelt und ergaben ursprünglich eine Tonnenkonstruktion, so dass das Kirchenschiff im 14. Jahrhundert durch eine segmentbogenförmige Holztonne überdeckt war. Die heutigen geraden Deckenbalken stammen aus der barocken Überformungsphase. Für die untersuchte mittelalterliche Tonnenkonstruktion gibt es bislang in Vorpommern kein weiteres bekanntes Beispiel. Auch in Mecklenburg ließen sich bisher nur in der Dorfkirche von Groß Eichsen bei Wismar mittelalterliche Tonnenkonstruktionen entdecken, so dass die Tonnenkonstruktionen zu den seltensten mittelalterlichen Dachwerken im Land überhaupt gezählt werden können. Die Dachkonstruktion konnte bei der Instandsetzung dann doch in überraschend vollständigem Maße erhalten bleiben. Lediglich die Fußpunkte der Gespärre und die Schwellen benötigten eine Sanierung.

Im Rahmen der Untersuchung gelang auch eine Datierung des geböschten, holzverbretterten Fachwerkturmes in Siedenbollentin. Es konnte wieder einmal – wie anderenorts auch – durch bauhistorische Untersuchung nachgewiesen werden, dass die vielfach im Land noch vorhandenen geböschten Fachwerktürme nicht alle barock sind, wie gern angenommen und auch publiziert wird, sondern oft noch mittelalterlichen Ursprungs sind. Der Turm in Siedenbollentin stammt aus dem Jahre 1476 (d) und entspricht somit vergleichbaren Konstruktionen des 15. Jahrhunderts in Vorpommern, beispielsweise jener in Japenzin nahe Greifswald.

In einem kommenden Abschnitt muss nun noch der Innenraum der Kirche instand gesetzt werden. Dazu wird auch gehören, ein Befundfenster der barocken bemalten und im 19. Jahrhundert verkleideten Deckenbalken freizuhalten (Abb. 8), um ein Sichtfenster in diese frühere Zeit zu ermöglichen. Wie mit dem barocken Kanzelaltar mit den Initialen F.R. (Fridericus Rex, nach dem preußischen König Friedrich II.) auf dem Kanzelkorb (Abb. 9) umzugehen sein wird, bleibt abzuwarten.

Jens Amelung

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