Das Gutshaus in Pinnow

Denkmal des Monats Oktober 2012

Pinnow, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte, Dorfstraße 36, Fassade des Gutshauses, 20.09.1963 Details anzeigen
Pinnow, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte, Dorfstraße 36, Fassade des Gutshauses, 20.09.1963

Abb.1: Pinnow, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte, Dorfstraße 36, Fassade des Gutshauses, 20.09.1963

Abb.1: Pinnow, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte, Dorfstraße 36, Fassade des Gutshauses, 20.09.1963

Das nordwestlich von Neubrandenburg gelegene Gutshaus in Pinnow entstand von 1862–1869 durch Umbau eines bereits bestehenden eingeschossigen Pächterhauses. Es ist ein eingeschossiger Backsteinbau auf einem Feldsteinsockel, der einen rechteckigen Hof umschließt. In dem Hofraum befand sich ein Sommergang, ähnlich einem klösterlichen Kreuzgang angelegt, mit einem Blumengarten. Die Hauptansichtsfassade wird von einem donjonartigen Turm mit hohem Walmdach in der Gebäudemitte und einem Erker an der rechten Gebäudeecke geprägt. Rückwärtig befinden sich Flügelanbauten unterschiedlicher Gestaltung, die durch einen eingeschossigen Flügelanbau geschlossen werden. Die einzelnen Bauteile haben unterschiedliche Dachformen. Das gesamte Gebäude wird durch mit Laubsägearbeiten verzierte Holzbauteile mit neogotischen Formelementen in Form von Gauben, einem überdachten Eingangsvorbau, einem Balkon, Verschalungen und so weiter gestaltet. Kennzeichnend für die Architektur sind die Asymmetrie und eine funktionsgerechte Disposition von Grund- und Aufriss. Die Ziegelarchitektur wird malerisch und zugleich konstruktiv aufgefasst. Das Gebäude ist im Wesentlichen von seiner Funktion her von außen nach innen geplant worden, alles sollte bequem und praktisch sein und doch seine Eigenarten haben. Die Architektur wirkt von der englischen Cottagearchitektur beeinflusst, wie sie dann später um 1900 durch Heinrich Muthesius in Deutschland modern wurde.

Durch eine Beschreibung ist die ursprüngliche Funktion der Räume überliefert. Es gab die Teilung in einen Männer- und einen Frauentrakt. Über eine Treppe gelangte man durch einen Windfang in die "Kleine Diele", die als Esszimmer diente. Rechts daran schloss sich die "Frauenstube" an, ein großes durch die Verbindung zweier Räume entstandenes Zimmer. In der Ecke befand sich ein Erker mit einem steinernen gotischen Kreuzgewölbe. Nach Norden schlossen sich ein Ankleidezimmer sowie das Schlafzimmer an, von dem man in ein Badezimmer und später in die von den Kindern bewohnten Räume gelangte, die wiederum Verbindungen in den Hofraum hatten. Links von der Diele lagen die Räume des Hausherrn. Zunächst ein Empfangszimmer, an das sich die eigentliche "Herrenstube" anschloss. Hinter der kleinen Diele mit Ausgang zum Sommergang lag die "Große Diele" als Mittelpunkt des Erdgeschosses, die als das feiertägliche Esszimmer und Andachtsraum für Hausandachten diente. Von dort gelangte man in die Küche und zu der breiten hölzernen Wendeltreppe. Den Mittelpunkt im Obergeschoss bildete der Saal im Donjon mit einem hölzernen Tonnengewölbe. Durch ein dreigliedriges Fenster blickte man zur Kirche und in den Wald. Im Obergeschoss befanden sich Fremdenzimmer und später zwei Zimmer für den Hauslehrer. Von den neogotischen Ausstattungsteilen wie geschnitzten Säulen, Wandpaneelen, Beschlägen, Treppen, Öfen ist nur noch Weniges erhalten geblieben.

Heinrich Freiherr Langwerth von Simmern, ein sehr guter Freund und späterer Schwager des Bauherrn Friedrich von Klinggräff (1825–1887), gab dessen Nachlass heraus. Den Aufzeichnungen zufolge entwarf F. von Klinggräff das Gutshaus im Wesentlichen selbst. Er war kunsthistorisch gebildet und ein erklärter "Gothiker", der mit Conrad Wilhelm Hase Kontakt hatte und durch diesen mit Carl Schäfer bekannt wurde. Der Kölner Architekt Carl Heinrich Wiethase soll 1864–1869 bei der Ausführung geholfen haben. Alle drei Architekten waren, wie der Bauherr selbst, Verfechter der Neugotik. F. von Klinggräff sah es als seine patriotische Pflicht an, im neogotischen Stil zu bauen. Reinen dekorativen Zierrat ohne Verknüpfung des Bauglieds mit einer Funktion lehnte er ab. Er wollte durch die Einfachheit und Kraft des Stils auf die aufwachsende Generation wirken. Von den Bauten der "Hannoverschen Schule", deren Begründer C. W. Hase war und deren formenreicher historistischer Baustil in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts weite Verbreitung fand, ist die überwiegend schlichte und funktional bestimmte Architektur des Pinnower Gutshauses jedoch weit entfernt.

Es handelt sich um das Beispiel eines Gutshauses in Mecklenburg-Vorpommern, das von einer Individualität des Entwurfs und einer großen baulichen Qualität in der Ausführung geprägt wird. Zudem ist es einer der frühesten neogotischen Gutshausbauten in Mecklenburg-Vorpommern. Für die Architekturgeschichte des 19. Jahrhunderts ist das Gebäude über den regionalen Rahmen hinaus bedeutend.

Nach 1945 wurde das Gutshaus als Wohnhaus sowie von der Gemeinde, Post und LPG-Verwaltung genutzt. Seit den 1970er Jahren wurde es nach und nach bis auf eine Wohnung leergezogen. 1996 übernahm der Arbeitskreis Denkmalpflege e. V., Burg Lohra, das schon teilweise ruinöse Gutshaus. Man begann mit Sicherungsmaßnahmen, führte sie aber nicht zum Ende. Derzeit ist das Gutshaus in Gemeindebesitz.

Aufgrund des langen Leerstands und einer mangelnden Nutzungsperspektive ist der Bauzustand inzwischen sehr schlecht. Das Gutshaus gehört zu den etwa 80 denkmalgeschützten Gutshäusern im Land Mecklenburg-Vorpommern die aufgrund ihres baulichen Zustands in ihrem Bestand akut gefährdet sind und die derzeit keine Nutzungs- und damit Erhaltungsperspektive haben.

Beatrix Dräger-Kneißl

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