Die Dorfanlage Alt Rehse - eine gebaute Idylle aus der Zeit des Nationalsozialismus

Denkmal des Monats Dezember 2012

Alt Rehse, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte, Schulungsgelände und Dorf, um 1940 Details anzeigen

Abb.1: Alt Rehse, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte, Schulungsgelände und Dorf, um 1940

Alt Rehse, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte, Schulungsgelände und Dorf, um 1940

Abb.1: Alt Rehse, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte, Schulungsgelände und Dorf, um 1940

Im südöstlichen Mecklenburg haben sich die Bauwerke der sogenannten "Führerschule der Deutschen Ärzteschaft" erhalten. Erbaut wurden sie in den ersten Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft und sind bis in die Gegenwart hinein in gutem Zustand. Die Dorfanlage Alt Rehse gehört neben der Ferienanlage Prora auf Rügen und der Heeresversuchsanstalt in Peenemünde zu den drei großflächigen Zeugnissen aus der Zeit des Nationalsozialismus in Mecklenburg-Vorpommern. Während die sich über mehrere Kilometer erstreckenden Baumassen in Prora und die mächtigen Industrieanlagen in Peenemünde den Betrachter an Gigantomanie und Großmacht denken lassen, fühlt man sich beim Anblick von Alt Rehse eher an eine ländliche Idylle erinnert.

In den Jahren 1934–1939 entstand auf dem weitläufigen Anwesen eines ehemaligen Ritterguts, zu dem auch ein Landschaftsgarten gehörte, ein ganzes Dorf samt Wohn- und Versammlungshäusern, Alleen, Sportanlagen, neuen Straßen sowie Plätzen und Wirtschaftsbauten. Unweit Neubrandenburgs in einer Landschaft mit Seen und sanften Hügeln wurde innerhalb nur weniger Jahre ein Schulungsort nationalsozialistischer Gesundheits- und Rassenpolitik mehr oder weniger aus dem Boden gestampft. Nur wenige Bauwerke, die das frühere Rittergut ausgemacht hatten, sind bei der Neugestaltung erhalten geblieben, darunter das Neue Gutshaus. Auch der Landschaftsgarten wurde in die Planung integriert.

Die wichtigsten Bereiche der Anlage sind das südlich gelegene Schulungsgelände mit dem Neuen Gutshaus und großen rohrgedeckten Fachwerkbauten für die Gäste (Abb. 2). Gelegen in einer reizvollen Endmoränenlandschaft am Tollensesee und umgeben von einer wohl proportionierten Dorfanlage sollten Ärzte, Apotheker und Hebammen in Alt Rehse ideologisch, parteipolitisch und organisatorisch auf Führungsaufgaben in Praxis und Verwaltung vorbereitet werden. Es ging um die Schulung von Parteigenossen für Führungspositionen, nicht darum, praktische Anleitung für Ärzte in Konzentrationslagern zu vermitteln.

Die Gesamtplanung für Alt Rehse, die der Münchener Architekt Hans Haedenkamp verantwortete, folgte in der städtebaulichen Grundstruktur und in den Einzelformen den Prinzipien traditionalistischer Architektur, wie sie sich in der Heimatschutzbewegung im Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt hatte. Dies galt sowohl für das Schulungsgelände wie auch für das Dorf. Ländliche Bauformen und Baumaterialien, Fachwerkkonstruktionen und mit Rohr gedeckte Satteldächer herrschten vor.

Die Bauten des Schulungsgeländes wurden um einen unregelmäßigen Appellplatz herum angeordnet und in ihrer Gestaltung niederdeutschen Hallenhäusern nachempfunden. Die bis heute zumeist gut erhaltenen Fachwerkbauten reihen sich in verschiedener Höhenlage aneinander (Abb. 3). Das mächtige Gemeinschaftshaus, dessen Flügeltüren auf eine Terrasse führen, bildet die Stirnseite des Ensembles, das sowohl Intimität als auch Weitläufigkeit ausstrahlt.

Die Grundstruktur des Dorfes bestimmen ebenfalls großzügige Räume. Plätze vermitteln Weite bei gleichzeitiger Kleinteiligkeit. Die Straßen erhielten eine einheitliche Pflasterung mit Granit und flankierende Linden. Durchblicke und eine fließende Anordnung der Bauwerke bestimmen den Eindruck im Bereich des Dorfes. Ein insgesamt idyllisch anmutender Komplex in heimatlich erscheinenden Formen war das Ergebnis, als die Arbeiten beendet waren (Abb. 4).

Dass die Grundstruktur annähernd unbeeinträchtigt überliefert ist, macht die Gestaltung der zentralen Straße des Ortes deutlich. Gereihte Häuser und Linden, die die Straße flankieren, prägen das Bild. Die leichte Steigung der Straße wirkt auf die Gesamtsituation belebend. Der Vergleich mit einer historischen Aufnahme von 1936 zeigt die ursprüngliche Situation. Die Bäume sind gerade frisch angepflanzt und die Fertigstellung der Pflasterung lässt noch auf sich warten (Abb. 5 – 6).

Zusammenfassend ist Folgendes über die Gestaltung von Alt Rehse festzuhalten: Zurückgreifend auf ein Repertoire alt vertrauter Motive und Formen wurde in betont malerischer Anordnung eine Anlage geschaffen, deren Wohn- und Nutzbauten auf neuestem Stand waren, was technische Ausstattung und eine sinnvolle städtebauliche Anordnung betrifft. Die Fachwerkbauten in Alt Rehse präsentieren in reizvoller Landschaft eine gebaute Idylle, die ihren Teil dazu beitrug, dass "Der schöne Schein des Dritten Reiches" entstehen konnte.

Die vorgestellten Bauten sind als Einzeldenkmale geschützt. Da jedoch die Freiflächen einen wesentlichen Anteil an der Qualität und dem Zeugniswert der Anlage haben, bemüht sich das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege seit Längerem darum, die Anlage als Denkmalbereich auszuweisen und damit den Schutz auf die Gesamtanlage auszuweiten. Laut gesetzlicher Vorgaben entscheidet jedoch nicht allein die fachliche Bewertung darüber, ob ein Denkmalbereich erlassen wird. Handlungsvollmacht besitzen vielmehr die Gemeinde und der Landkreis. Diese haben sich bislang nicht dazu entschließen können, eine entsprechende Denkmalbereichsverordnung für Alt Rehse zu erlassen.

Dr. Jörg Kirchner

Denkmal des Monats Dezember 2012

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