Zum Schutze vor Revolten - Die Gendarmeriekaserne in Schwerin

Denkmal des Monats Januar 2013

Landeshauptstadt Schwerin, Amtstraße 21, Gendarmeriekaserne, um 1905 Details anzeigen
Landeshauptstadt Schwerin, Amtstraße 21, Gendarmeriekaserne, um 1905

Abb. 1: Landeshauptstadt Schwerin, Amtstraße 21, Gendarmeriekaserne, um 1905

Abb. 1: Landeshauptstadt Schwerin, Amtstraße 21, Gendarmeriekaserne, um 1905

In der Schweriner Schelfstadt, am östlichen Ende der Amtstraße, fällt ein Gebäude auf, das trotz seiner gemäßigt wehrhaften Formensprache versucht, sich der umgebenden Wohnbebauung anzupassen. Indes kann es aber nicht verleugnen, dass es kein Wohnhaus im herkömmlichen Sinne ist. Es handelt sich um die Gendarmeriekaserne der Landesgendarmerie, ein massives dreigeschossiges Bauwerk mit Walmdach, welches als rechtwinklige Zweiflügelanlage mit übereck gestelltem Mittelteil errichtet wurde.

Auf Befehl des Großherzogs verlegte man die Landesgendarmerie1846 von Ludwigslust nach Schwerin, das nun zu deren Hauptstandort avancierte. 1852 waren hier sieben berittene und drei Fußgendarmen als Mannschaft stationiert. Dazu kam der Führungsstab. Offiziere und Unteroffiziere stammten aus dem Militär und unterstanden weiterhin militärischer Hoheit, obgleich das Innenministerium das Weisungsrecht über die Gendarmerie innehatte.

Die Ereignisse des Vormärz in Mecklenburg ließen es als nützlich erscheinen, die Gendarmerie in der Nähe des Schlosses zu etablieren, um bei möglichen Unruhen schnell reagieren zu können. Der Standort an der Amtstraße wurde in der Folgezeit ausgebaut, abgängige Gebäude durch Neubauten ersetzt.

Die Kaserne entstand in den Jahren 1874–1876 als Wohn- und Dienstgebäude einer Gendarmeriebrigade (Abb. 1). Ausführende Architekten waren die Landbaumeister Hermann Albert Dornblüth und Wilhelm August Wehner. Erbaut wurde eine zweiflügelige Anlage mit etwa gleich langen Flügeln. Beide Flügel verbindet ein vierachsiger Mittelteil. Das Erdgeschoss schafft einen unverputzten backsteinsichtigen Sockel, über dem sich zwei weitere Geschosse mit verputzten Fassaden, vom Erdgeschoss durch einen breiten Vierpassfries getrennt, erheben. Backsteinsichtige Lisenen gliedern die Putzfassaden, deren Fenster im ersten Obergeschoss leicht segmentbogig, im zweiten Obergeschoss rundbogig schließen. Backsteinkonsolen tragen einen Zahnschnittfries, der gleichzeitig das Traufgesims bildet. Für die scheinbare Wehrhaftigkeit sorgen unregelmäßig verteilte Mauerstücke, die an Pechnasen erinnern.

Den vierachsigen Mittelteil betont ein zweiachsiger Risalit mit Ziergiebel. Der von Ecklisenen eingefasste Bauteil wiederholt im Wesentlichen die Fassadendisposition des Gebäudes, wobei am Giebel die ansonsten als Traufgesims dienende Bänderung entsprechend der als Dreieckgiebel entwickelten Giebelform fortgeführt wird. Ein Rundfenster im Giebelfeld setzt einen besonderen Akzent. Die beiden den Risalit begleitenden äußeren Achsen des Mittelteils verfügen in den beiden Obergeschossen über rundbogige Blenden. Im Bereich des Sockelgeschosses gliedern zusätzlich vier verdachte strebepfeilerartige Wandvorlagen den Mittelteil. Die Hofseiten der Flügel und ihr Mittelteil zeigen eine ähnliche Gestaltung wie die Vorderseiten. Eine Ausnahme bildet der Mittelteil, der ohne Risalit auskommen muss.

Im Erdgeschoss waren in beiden Flügeln je eine Wohnung für Mitglieder des Stabs untergebracht. Das erste Obergeschoss besaß im Südflügel eine weitere Wohnung mit Mittelflur, im Ostflügel Kasernenstuben, Unterrichtsräume und Schreibstuben. Im zweiten Obergeschoss gingen von den Mittelfluren Akten- und Inventarkammern sowie Räume für Bekleidung und Ausrüstungsgegenstände ab. Umbauten erfolgen 1913 und 1936. 1945, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, nutzte man das Gebäude zunächst für Wohnzwecke, bevor es 1946 die Polizei erneut übernahm. Bis 1953 waren alle auf dem Gelände befindlichen Bauten, von denen heute ein Großteil nicht mehr existiert, wieder in Nutzung der Polizei.

1955/56 nahm man erneut größere Um- und Ausbaumaßnahmen vor. Der Südflügel wurde um acht Achsen verlängert (Abb. 2) und bekam auf seiner Hofseite einen mächtigen, viergeschossigen, vierachsigen Risalit mit überhöhtem Sockel und Dreieckgiebel (Abb. 3). Sein Sockelgeschoss verfügt nur über ein größeres Fenster mit Faschenrahmung und Verdachung. Es bedarf aber schon des genauen Hinsehens, um die Erweiterung des Bauwerks auch als solche zu erkennen, denn das gewählte Formenvokabular lehnt sich sehr eng an das vorgefundene an.

Mit dem Einzug des Volkspolizeikreisamtes zu Beginn der 1960er Jahre wurde ein neuer nach Osten versetzter Haupteingang an der Amtstraße mit Pförtnerhaus geschaffen (Abb. 4), doch auch dieser neue Eingang ist samt Pförtnerhaus zwischenzeitlich wieder verschwunden. Ursprünglich befand sich der Eingangsbereich im Erdgeschoss des vorderen Risalits mit Vorplatz im vorderen und Treppe im hinteren Gebäudeteil. Beide Raumteile waren mittels eines Durchgangs verbunden, von dem der Flachbogen im Deckenbereich noch vorhanden ist. Ein Oberlicht im Dachboden zeugt von der einstigen Treppenanlage, die man entfernt hat.

Innerhalb der Geschosse lässt sich heute annähernd das gleiche Dispositionsschema feststellen: Von einem mittleren Flur gehen links und rechts Arbeitsräume ab, die zum Teil auch untereinander verbunden sind. Die Haupttreppe ist nunmehr im hofseitigen Teil des Südflügels zu finden. Sie erschließt alle Geschosse, ist massiv und besitzt Terrazzostufen. Das Treppengeländer mit hölzernem Handlauf wird aus eisernen Vierkantstäben gebildet. Flache Eisenbänder verbinden die Stäbe miteinander. Neben den Zugängen zum Treppenhaus auf den einzelnen Etagenebenen wurden Durchblicke zur Treppe geschaffen. Geometrisch gestaltete Ornamentgitter sichern diese großen rechteckigen Öffnungen (Abb. 5).

Die Gendarmeriekaserne nutzte die Polizei auch nach der politischen Wende bis 2008 weiter. Seitdem steht das Gebäude leer.

Sein zugegebenermaßen trauriger Anblick und der Umstand, dass es von manch einem Zeitgenossen in den 40 DDR-Jahren als Ort der Willkür erlebt wurde, lassen schnell den Ruf nach seinem Abbruch laut werden; doch Vorsicht! Das Haus ist ein wichtiges Zeugnis für die Landesgeschichte. Es wurde schon erwähnt, weshalb die Landesgendarmerie und eine ihrer Brigaden hier in Reichweite des Schlosses stationiert worden sind (Abb. 6). Zusätzlich entstand, auf der anderen Seite des Schlosses, 1856–1863 als Folge der Revolution von 1848 die Artilleriekaserne auf dem Ostorfer Berg. Es ist also von einem erhöhten Sicherheitsbedürfnis des Großherzogs auszugehen, welches dafür sorgte, Militär und Gendarmerie in unmittelbarer Nähe zum Schloss anzusiedeln. Wie die Artilleriekaserne gehört auch die Gendarmeriekaserne zum direkten Umfeld des Schlosses und ist Bestandteil des Residenzensembles Schwerin – Kulturlandschaft des romantischen Historismus. Sie macht politische Geschichte für die Zeit des Vormärz und der Restauration besonders deutlich, zeugt von historischen Ereignissen und Entwicklungen und ist deshalb ein bedeutendes bauliches Dokument der Geschichte des Landes.

Doch mehr noch: Die Kaserne zeigt bauliche Merkmale der Schinkelschule, die in den zeitgenössischen Bau von Militär- und Verwaltungsgebäuden eingeflossen sind, hier das Rasterschema der Fassadengestaltung, die horizontale Gliederung mittels kräftigem Gesims zwischen dem Erd- und dem ersten Obergeschoss und aus Konsolen gebildetem Traufgesims. Als ein solches Bauwerk, an dessen Tradition das offizielle Bauwesen in der DDR in den 1950er Jahren anknüpfte (Bauen im Stile nationaler Traditionen), was sich in besonderer Weise in der baulichen Erweiterung zeigt, ist es ein Zeitdokument für die Architekturgeschichte sowohl des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts als auch für den Gesellschaftsbau der 1950er Jahre.

Städtebaulich bildet die Gendarmeriekaserne den Abschluss der Amtstraße. Damit verbindet diese Straße, die an der Ostseite der Schelfkirche St. Nikolai beginnt, zwei markante Gebäude der Stadt. Dieser Umstand führt zu einer stadtentwicklungsgeschichtlichen Unverwechselbarkeit, zumal die Schelfkirche außer ihrer Funktion als Pfarrkirche auch die einer Garnisonkirche wahrnahm und deshalb nicht nur städtebaulich mit der Gendarmeriekaserne verbunden war. So bleibt zu hoffen, dass sich bald ein Nutzer mit einer pfiffigen Idee für das Haus finden möge.

Dirk Handorf


Literatu

Klaus-Ulrich Keubke, Die Polizei Mecklenburgs. Eine Chronik von den Anfängen bis heute. Schwerin 2011.

Reinhard Parchmann, Militärbauten in Mecklenburg 1800–1918. Schwerin 2001.

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