Das Kraftwerk Peenemünde - ein Denkmal und Museum von internationalem Rang

Denkmal des Monats April 2013

Peenemünde, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Panoramaansicht Kraftwerk mit Kranbahn, V2, Werkbahn und Walterschleuder Details anzeigen

Abb. 1: Peenemünde, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Panoramaansicht Kraftwerk mit Kranbahn, V2, Werkbahn und Walterschleuder

Peenemünde, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Panoramaansicht Kraftwerk mit Kranbahn, V2, Werkbahn und Walterschleuder

Abb. 1: Peenemünde, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Panoramaansicht Kraftwerk mit Kranbahn, V2, Werkbahn und Walterschleuder

Das Kraftwerk Peenemünde ist Einzeldenkmal und wichtiger Bestandteil des Flächendenkmals "Versuchsanstalten des Heeres und der Luftwaffe", dem modernsten Rüstungs- und militärischen Forschungszentrum der 1930er und 1940er Jahre in Deutschland. Insofern gehört das Kraftwerk zu der Gruppe unbequemer Denkmale aus der Zeit des Regimes der Nationalsozialisten und des Kriegs, deren Erhalt als authentische Sach- und Geschichtszeugen dieser Zeit von besonderer Bedeutung ist (Abb. 1).

Die Heeresverwaltung ließ das Kraftwerk als Energiezentrale der Peenemünder Versuchsanstalten zwischen 1940 und 1943 als verklinkerten Stahlbetonskelettbau von der Abteilung Kraftwerksbau der Siemens-Schuckert AG in klarer Zweckform errichten.

Das Kesselhaus verfügte über vier Babcock-Wanderrostkessel und Kohlebunker mit einem Fassungsvermögen von 200 Tonnen Steinkohle je Kessel. Im Maschinenhaus befanden sich die Dampfturbinen mit einer Gesamtleistung von 30 Megawatt. Im Schalthausanbau waren außer den Schaltanlagen und dem Kabelboden die Büros der Betriebsleitung untergebracht.[1]

Zum Ensemble des Kraftwerks gehört außerdem die Bekohlungsanlage, die gleichsam die Lebensader des Kohlekraftwerks ist (Abb. 2). Im Einzelnen handelt es sich um die Kranbahn, die von der Firma MAN als genietete Stahlkonstruktion errichtet wurde, das Brecherhaus, das unterhalb der Kranbahn liegt und der Zerkleinerung der Steinkohle auf das notwendige Normmaß diente, den Schrägaufzug mit Förderbändern, die die Kohle vom Brecherhaus in die Kohlebunker des Kesselhauses beförderten sowie das Siebhaus, das der Reinigung des aus dem Hafenbecken entnommenen Kühl- und Brauchwassers diente.

Nach der Stilllegung des Kohlekraftwerks Anfang der 1990er Jahre richteten engagierte Bürger mit Unterstützung der Gemeinde eine Ausstellung zur Geschichte Peenemündes im Kraftwerk ein. Der Grundstein für das Historisch-Technische Informationszentrum war gelegt, das die Gemeinde Peenemünde bis zur Jahreswende 2009/10 als Eigenbetrieb führte. Die damit verbundene Verantwortung für die Sicherung und den Erhalt des baulichen Erbes, allen voran des Kraftwerksensembles als größte erhaltene technische Anlage, und die gebührende wissenschaftliche Betreuung und Präsentation der Ausstellung war für die Gemeinde Peenemünde aus finanziellen Gründen langfristig nicht allein zu tragen.

Ein wesentlicher Schritt zur Sicherung der Zukunft des Historisch-Technischen Informationszentrums und des Objektbestands war deshalb die Umwandlung des Eigenbetriebs in eine gemeinnützige GmbH, wobei die Anteile zu 51 % auf das Land Mecklenburg-Vorpommern und zu 49 % auf die Gemeinde Peenemünde verteilt sind.

Etwa 3 Millionen Euro konnten dem nunmehr in Historisch-Technisches Museum umbenannten Ausstellungszentrum aus dem Zukunftsinvestitionsprogramm "Konjunkturprogramm II" des Bundes als öffentliche Fördermittel zur Verfügung gestellt werden. Das Geld wurde für die dringend notwendige Gebäudehüllensicherung am Kraftwerk (Abb. 3), am Brecherhaus und Siebhaus, für den Schrägaufzug, die Sicherung und Konservierung der Kranbahn mit dem Kohlekran sowie Instandsetzungsarbeiten im Inneren des Kesselhauses bestimmt und die notwendigen Maßnahmen in der Zeit zwischen Dezember 2010 und Januar 2012 realisiert.

Den Maßnahmen ging eine präzise Schadensaufnahme und Schadensanalyse voran, auf deren Grundlage die Denkmalpflegerische Zielstellung entwickelt wurde. Keine Spuren der vergangenen Jahrzehnte sollten verwischt werden. In der Denkmaltheorie spricht man vom Erhalt des "Alterswerts". Das Ziel der Denkmalpflege, der größtmögliche Erhalt von Originalsubstanz als Träger der Denkmaleigenschaft, und das Ziel des Museums, der Erhalt der Authentizität der Sachzeugen der Geschichte, waren identisch, denn für das Museum sind auch die Gebäude und erhaltenen Ausstattungen Gegenstand der Ausstellung.

Wegen der Größe der Gesamtmaßnahme sollen im Folgenden nur zwei Maßnahmekomplexe besonders hervorgehoben werden: Die Restaurierung der imposanten Bekohlungsanlage und die Asbestsanierung im Kraftwerksgebäude. In beiden Fällen betraten die am Projekt Beteiligten Neuland, denn es konnte nicht auf Erfahrungswerte für vergleichbare Projekte dieser Art und Größenordnung zurückgegriffen werden.

Die 200 m lange, nahezu im Originalzustand erhaltene Kranbahn mit Bekohlungskran wies einen erheblichen Reparaturstau auf, weil sie bis 1990 auf Verschleiß gefahren wurde und man auch danach keine nennenswerten Instandsetzungsarbeiten durchführte. Wegen des einvernehmlichen Ziels, das den Erhalt des Alterswerts der Kranbahn vorsah, war die vollständige Entfernung des Rosts und der erhaltenen Farbschichten durch beispielsweise Sandstrahlen und das Aufbringen eines modernen, die Oberflächen egalisierenden Rostschutzanstrichs ausgeschlossen.

Akribisch testete der am Projekt beteiligte Metallrestaurator in mehreren Versuchsreihen Reinigungs- und Konservierungstechnologien, mit denen das optische Erscheinungsbild mit allen Verschleiß- und Alterungsspuren erhalten werden konnte, wobei der nachhaltige Korrosionsschutz der Metallkonstruktion für die Kranbahn Priorität besaß. Das beste Reinigungsergebnis erreichte er durch die Reinigung mit Wasser bei einem Druck von 500 bar. Der Wasserstrahl löste lose Schmutz- und Farbschichten sowie dickere Rostschichten, ohne dass die Patina vollständig entfernt wurde.

Die Oberflächen konnten durch verharzende Kriechöle gefestigt werden, die auf größere Flächen aufgesprüht und bei kleineren Teilen und offenem Gitterwerk mit Pinseln und Bürsten aufgetragen wurden. Im Zuge der Verharzung bildeten die verbliebenen Rost- und Farbschichten mit dem Kriechöl eine stabile Oberfläche, die ein Fortschreiten der Korrosion verhindert.[2]

Die genietete Metallkonstruktion konnte weitestgehend im Bestand erhalten und nur wenige Knotenpunkte mussten erneuert werden (Abb. 4). Nutzungstechnische Ein- und Anbauten wie der Treppenaufgang vom zweiten Obergeschoss des Brecherhauses zur Kranbahn und der Bau eines filigranen Wartungs- und Besucherstegs auf der Kranbahn sind problemlos rückbaufähig und setzen sich durch die verzinkte Leichtbauweise im Sinne der Denkmalpflege als neue, additiv hinzugefügte Elemente vom historischen Bestand ab, ohne diesen spürbar zu stören (Abb. 5). Geführte Besuchergruppen haben jetzt die Möglichkeit am Objekt selbst den Aufbau und die Funktion der authentisch erhaltenen Bekohlungsanlage zu studieren.

Eine besondere Herausforderung stellte auch die Asbestsanierung im Kraftwerk dar. Asbest ist das als Dichtungs- und Isoliermaterial in Filtern, Flanschen und Dichtungen im gesamten Kraftwerk in großer Menge vorhanden. Infolge der Einstufung als krebserregender Gefahrenstoff bestanden nur drei Möglichkeiten der Sanierung: ein komplettes Entfernen, eine abdichtende Beschichten oder eine Abschottung asbestbelasteter Teile durch strikte räumliche Trennung. Demgegenüber stand das denkmalpflegerische Ziel, irreversible Eingriffe in die Substanz der technischen Anlagen weitestgehend zu vermeiden. Wegen der hohen geschichtlichen, wissenschaftlichen und technischen Bedeutung des Kraftwerks bestand Einvernehmen, dass Lösungen gefunden werden mussten, die einerseits Gesundheitsgefährdungen durch eine Asbestbelastung ausschlossen. Andererseits durfte der Zeugniswert der historischen technischen Anlagen durch eine Asbestsanierung nicht zu stark reduziert werden. Allen war klar, dass ein offener Zugang für alle Kraftwerksbereiche den kompletten Ausbau aller Asbestteile bedeutet hätte und somit mit dem denkmalpflegerischen Ziel der geringst möglichen Eingriffe in die technischen Anlagen nicht vereinbar war.

In einem langwierigen Prozess entwickelten die am Projekt Beteiligten ein Sanierungskonzept, bei dem in intensiver Auseinandersetzung mit dem Bestand minutiös festgelegt wurde, wo ein umstandsloser Ausbau des Asbests problemlos möglich und wo dieser aufgrund des Besucherverkehrs zwingend erforderlich war. Wo auf eine Erlebbarkeit der Objekte durch dichte Einhausungen zugunsten des Substanzerhalts verzichtet werden musste und welche Bereiche staubdicht abzutrennen waren, so dass diese der Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich sind. Dieser Prozess erforderte vor allem von Seiten der Planenden, der Behördenvertreter, des Nutzers und der Ausführenden ein gehöriges Maß an Geduld und Offenheit für unkonventionelle Lösungen.

Am Ende stand eine Lösung, die alle Möglichkeiten einer Asbestsanierung in Abstimmung mit denkmalpflegerischen und musealen Belangen kombinierte. In den Ausstellungsbereichen wurden alle asbesthaltigen Stoffe umstandslos entfernt. Zum Teil sind Anlagen wie zum Beispiel die Abgasanlagen mit Blech ummantelt oder ganze Bereiche durch Vitrinenwände abgeschottet worden. Als Beispiel sei die untere Etage des Kesselhauses genannt, die zu den Kesselanlagen hin große Glaswände erhielt und nun von den Besuchern als Großvitrine eingesehen werden kann (Abb. 6 –7 ).

Das umgesetzte Konzept verquickt in idealer Weise eine subtile, beispielgebende, denkmalgerechte Instandsetzung und Konservierung des Industriedenkmals "Kraftwerk" und die Nutzung als Museum. Stärker als zuvor ist das Kraftwerksgebäude mit seinen technischen Einbauten und der Bekohlungsanlage Teil der musealen Vermittlung von Technik und Geschichte.

An dieser Stelle bleibt nur noch die Einladung auszusprechen, sich vor Ort selbst ein Bild von der gelungenen Umsetzung der Baumaßnahmen und des Museumskonzepts zu machen.

Annette Krug


Anmerkungen

[1] Dirk Handorf, Peenemünde – Ehemalige Versuchsanstalten des Heeres und der Luftwaffe. Stellungnahme zur nationalen Bedeutung. Landesamt für Kultur und Denkmalpflege. Schwerin. 19.09.2007.

[2] Denkmäler der Technikgeschichte, Das Kraftwerk Peenemünde. Bewerbung des HTM-Peenemünde um den Europa-Nostra-Preis 2013. Peenemünde 2012.

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