Hoffnungsvolle Perspektive für das Kulturhaus im einstigen sozialistischen Musterdorf Mestlin

Denkmal des Monats Juni 2013

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Abb. 1: Mestlin, Kulturhaus von Südwesten

Mestlin, Kulturhaus von Südwesten

Abb. 1: Mestlin, Kulturhaus von Südwesten

Das von 1952–1957 nach Plänen von Erich Bentrup errichtete Kulturhaus von Mestlin (Abb. 1) ist Teil des einzigen realisierten Musterdorfes auf dem Gebiet der ehemaligen DDR und gehört folglich zu den hervorragenden Dokumenten der jüngsten Vergangenheit, die weit über die Region hinaus Bedeutung besitzen.

In der Folge der Bodenreform und des Wegzugs großer Bevölkerungsteile wurden auf dem Gebiet der ehemaligen Staatsdomäne Mestlin 75 Neubauernstellen eingerichtet, wobei nur etwa die Hälfte Altbauernstellen übernehmen konnten; für die übrigen Neubauern mussten neue Gebäude errichtet werden. Eine solche Konzentration von Neubauern in einem als rückständig beurteilten Gutsdorf begründete in Verbindung mit der geographischen Lage in ausreichender Entfernung zu Goldberg, Parchim und Sternberg sowie der verkehrstechnischen Anbindung und der bereits frühzeitig eingerichteten Maschinenausleihstation die Auswahl Mestlins als Musterdorf.

Mit dem Neubauernprogramm und der gezielten Standortwahl für gesellschaftliche Einrichtungen sollte die dörfliche Bevölkerung aus der überlieferten politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rückständigkeit gelöst werden und auf das Niveau der Werktätigen in den Städten gehoben werden. Als Vorbild für diese Entwicklung wurden 1952 auf Beschluss des Ministerrats drei Beispieldörfer benannt, und zwar Mestlin im Bezirk Schwerin, Trinnwillershagen im Bezirk Rostock und Murchin im Bezirk Neubrandenburg. Sie wurden schon bald um weitere ergänzt – die Anzahl angedachter Beispieldörfer stieg schließlich auf 197 an.

So entstand ab 1952 südwestlich der historischen Ortslage Mestlins ein städtebaulicher Komplex, in dessen Zentrum das Kulturhaus steht. Der zweigeschossige Putzbau von 57 m Länge und 28 m Breite, dessen hohes Walmdach die Dorfsilhouette mit ihrem spitzen Kirchturm überragt und weit in die Landschaft wirkt, begrenzt den Marx-Engels-Platz nach Osten. Im Süden schließen sich Schule (Abb. 2) und Kindergarten an. Zweigeschossige Putzbauten im Norden und Westen des Platzes nahmen außer Wohnungen in den Obergeschossen so wichtige Funktionen wie Kaufhaus, Gaststätte, HO-Laden, Gemeindehaus und Post auf (Abb. 3). Nach Süden schließt sich entlang der Ernst-Thälmann-Straße eine Bebauung aus zweigeschossigen Wohnblöcken für jeweils vier Familien an (Abb. 4). Den städtebaulichen Zusammenhang komplettieren schließlich das Landambulatorium (Abb. 5) im Osten, der Sportplatz im Südosten und das Wasserwerk.

Vor allem wohl die ungenügende materielle Basis begründete das Scheitern dieses Vorhabens, was beispielhaft anhand der Kostensteigerung von geplanten 1,2 Millionen Mark auf reale 3,5 Millionen Mark für die Errichtung allein des Kulturhauses Mestlin angedeutet werden kann. So blieb Mestlin das einzige Dorf, in dem auf einer ehemaligen Ackerfläche zwischen dem historischen Dorfkern und der nach 1945 neu entstandenen Siedlung ein Musterdorf mit nahezu allen im Kernprogramm aufgeführten öffentlichen Gebäuden und einer Reihe von Wohnblöcken realisiert wurde.

Die im wesentlichen gut überlieferte Architektur des Kulturhauses als dominantem Zentrum, der genannten öffentlichen Gebäude sowie der Wohnblöcke an der Ernst-Thälmann-Straße und der auffallend groß dimensionierte zentrale Platz für Aufmärsche und Veranstaltungen stellt ein hervorragendes bauliches Zeugnis für das Streben dar, gleiche Lebens- und Arbeitsverhältnisse in Stadt und Dorf herzustellen. Die geänderten Architekturauffassungen infolge der 1. Baukonferenz der DDR 1955, die die ästhetischen Vorgaben zugunsten ökonomischer Kriterien verdrängten und also eine lockere Bebauung wie in Mestlin als Vergeudung von Ressourcen verurteilten, mögen auch ihren Anteil daran gehabt haben, dass Mestlin kein Muster für die Planung und Gestaltung weiterer Dörfer wurde.

Mit der Grundsteinlegung zum Kulturhaus am 8. Mai 1952, das heißt nur kurze Zeit nach Auswahl der ersten Musterdörfer und noch vor Bewilligung der erforderlichen Haushaltsmittel, entstand in Mestlin eine Gebäudekomplex, der bereits 1977 unter der Rubrik "Denkmale des Städtebaus" in die Denkmalliste des Kreises Parchim aufgenommen wurde. Infolge der Vereinigung beider deutscher Staaten 1990 und der daraus resultierenden gesellschaftlichen Umbrüche verloren die Kulturhäuser ihre Funktion als kulturelle Zentren. Von 1991–1996 wurde das Kulturhaus in Mestlin als Großraumdiskothek genutzt, seitdem stand es viele Jahre leer und blieb ungenutzt.

Heute ist die Gemeinde infolge der wirtschaftlichen und demographischen Entwicklung mit diesem für die Landwirtschaftsgeschichte nach 1945 republikweit bedeutenden Ensemble vollkommen überfordert. Örtlich findet sie Unterstützung durch einen Verein, der sich nicht allein den Erhalt des Kulturhauses zum Ziel gesetzt hat, sondern mit einer Reihe kultureller Veranstaltungen das Kulturhaus in seiner ursprünglichen Funktion aktiviert und auf diese Weise auch das Interesse für eine Nutzung der übrigen Gebäude wecken möchte.

Dank der Instandsetzung des Daches in den Jahren 2000 und 2001, die den Austausch der 1988 aufgebrachten Betonpfannen gegen Biberschwanzziegel und vor allem die Erneuerung der Dachentwässerung umfasste und mit Mitteln aus dem Dach- und Fach-Programm des Bundes unterstützt wurde, konnte die weitere Schädigung des Fassadenputzes durch Feuchtigkeitseintrag unterbunden und damit der Bestand des Hauses gewährleistet werden. Die Sanierung der Fassaden, die die Entfernung des abdichtenden Anstrichs, die Restaurierung des ursprünglich materialsichtigen, ocker durchgefärbten Putzes und die Sicherung der Sockelverkleidung aus Sandsteinplatten sowie die Reparatur der noch aus der Bauzeit stammenden Fenster und Türen umfassen sollte, schloss sich nicht mehr an (Abb. 6).

Erst 2009 begannen wieder bauliche Aktivitäten zur Revitalisierung des Kulturhauses. Mit dem Ausbau späterer Trockenbauwände aus dem Vestibül und einem neuen Anstrich der Wände und Decken (Abb. 7) sowie Malerarbeiten im Kleinen Saal (Abb. 8) schuf der 2008 gegründete Verein die Voraussetzung für eine erste Ausstellung. Bedingung für eine langfristige Nutzung des Kulturhauses mit seinem 412 Plätze fassenden Großen Saal, dem benachbarten Klubraum sowie ausgedehnten Räumlichkeiten im Obergeschoss ist jedoch die Erfüllung brandschutzrechtlicher Forderungen, eine barrierefreie Erschließung und die Herstellung ausreichender sanitärer Anlagen; Maßnahmen, die dank finanzieller Unterstützung aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds zur Entwicklung des ländlichen Raums aktuell realisiert werden.

Außerdem wurde endlich die schrittweise Sanierung der Fassaden in Angriff genommen, zu deren Finanzierung in den Jahren 2011 und 2012 außer umfangreichen Spenden auch Mittel aus den Förderprogrammen der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und des Bundes beitragen. Den Anfang machte die fachgerechte Aufarbeitung der 4 beziehungsweise 4,6 m hohen Fenstertüren beider Säle im Erdgeschoss, die nicht nur die tischlermäßige Sanierung, sondern außerdem die Ergänzung fehlender farbiger Strukturgläser umfasst (Abb. 9). Darüber hinaus wird eine innere Fensterebene ausgebildet, damit der während der sporadischen Nutzung im Winter festgestellte erhebliche Kondensatanfall an den bauzeitlichen Einfachverglasungen vermieden wird und folglich die Rahmenhölzer in ihrer Substanz nicht weiter gefährdet werden.

In Vorbereitung der am 9. Mai 2013 eröffneten dritten Ausstellung Mecklenburger Künstler in Mestlin wurde außerdem die vor Jahrzehnten geschlossene Verbindung der Obergeschoss-Halle zur Nebentreppe wieder geöffnet, womit auch eine brandschutzrechtliche Forderung vorbereitet wurde. Wenngleich es sich nur um eine wenige Meter messende Verlängerung der Halle handelt, hat diese Maßnahme dank des seitlichen Lichteinfalls über das erhalten gebliebene Treppenhaus eine überraschende Raumwirkung (Abb. 10). Nun besitzt die weite Erschließungs- und Ausstellungshalle im Obergeschoss eine Großzügigkeit, die mit dem Repräsentationsanspruch des Vestibüls und des Großen Saales sowie der Fassadenarchitektur korrespondiert. Für die Nutzung der Nebentreppe müssen allerdings noch das fehlende Geländer am oberen Treppenlauf und der Belag auf den letzten beiden Stufen ergänzt werden.

Im Hinblick auf die Funktionsfähigkeit des Kulturhauses und damit eine Integration des Gesamtvorhabens in das Gemeindeleben ist außerdem die bauzeitliche Bühnentechnik mit ihren manuellen Kulissenzügen und der in die Saaldecke integrierten Scheinwerferanlage zu reparieren. Der Erhalt der historischen Ausstattung in Mestlin soll schließlich auch die bauzeitliche Lüftungsanlage für den Saal umfassen, die mit einer Warmluftheizung im Keller verbunden ist. Da sie im Grundsatz funktionstüchtig ist, besteht die Planung darin, die entsprechenden und durch ihre Größe beeindruckenden Kanäle, Heizstationen etc. zu reaktivieren.

Langfristig wünschenswert ist schließlich die Wiederherstellung der ursprünglichen Raumfassung im Großen Saal, denn die helle, mit roten Akzenten arbeitende Wand- und Deckenfassung wurde für die Nutzung als Diskothek überstrichen, ebenso wie der zugleich vom Parkett befreite Estrich des Fußbodens.

Dank der aktuell in Realisierung und Planung befindlichen Maßnahmen für das Kulturhaus Mestlin und hoffentlich bald auch weiterer Nutzer und Sponsoren für das übrige Ensemble sollte dieses in Deutschland einzigartige Musterdorf der DDR als Zeugnis der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ideen der 1950er Jahre lebendig erhalten werden.

Es gilt, das Kulturhaus nicht nur im historischen Sinn als Bestandteil der sozialistischen Stadt zu interpretieren, als bauliches Zeugnis für die Entwicklung vom handwerklichen zum industriellen Bauen, vom Ziegelbau zum Stahlskelett- und Plattenbau und mitunter als Träger baukünstlerischer und technischer Ausstattung zu bewahren, sondern außerdem als Angebot der kollektiven Erinnerung, Heimat-Ort und Raum täglichen Miteinanders weiterhin zu nutzen.

Dr. Bettina Gnekow

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