Fachwerk, Farben und Feuerschutz - Grabow: ein Kunstwerk des barocken Städtebaus

Denkmal des Monats Januar 2014

Grabow, Lkr. Ludwigslust-Parchim, Pferdemarkt, Blick nach Norden zur Stadtkirche, April 2013 Details anzeigen

Abb. 1. Grabow, Lkr. Ludwigslust-Parchim, Pferdemarkt, Blick nach Norden zur Stadtkirche, April 2013

Grabow, Lkr. Ludwigslust-Parchim, Pferdemarkt, Blick nach Norden zur Stadtkirche, April 2013

Abb. 1. Grabow, Lkr. Ludwigslust-Parchim, Pferdemarkt, Blick nach Norden zur Stadtkirche, April 2013

Die im Südwesten Mecklenburgs gelegene und ländlich geprägte Kleinstadt Grabow bewahrt in ihrer Altstadt eine Besonderheit. Die Bebauung der gesamten inneren Stadt ist nach einem Idealplan im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts errichtet worden und in dieser Form bis heute weitestgehend überliefert. Die straßenseitigen Fassaden der Häuser weisen eine insgesamt schlichte Gestaltung auf, wobei durch die Farbigkeit des Fachwerks und der zumeist dünn geputzten oder geschlämmten Gefache Akzente gesetzt werden. Zeitlich gehört diese Gestaltung dem Barock an und ist nach der Residenzstadt Ludwigslust das bedeutendste Zeugnis der Stadtbaukunst dieser Zeit in Mecklenburg-Vorpommern. Barock meint hier nicht ausschweifende und vielteilige Formen, wie man sie aus vielen Kirchen kennt. Vielmehr tritt hier eine ebenfalls diese Zeit kennzeichnende Eigenart in Erscheinung: eine Ausführung, in der alle Teile einem rationalen Gesamtplan unterworfen sind (Abb. 1–5).

Am 3. Juni 1725 ereilte die Stadt Grabow ein Ereignis, das für die Bewohner Leiden und Entbehrung bedeutete. Annähernd die gesamte Bebauung der Stadt, einschließlich Rathaus und Kirche, fielen einem großem Brand zum Opfer. Auf längere Sicht allerdings brachte der Wiederaufbau, der um 1740 abgeschlossen werden konnte, große Vorteile für das Gemeinwesen mit sich.

Der große Brand in Grabow ist nicht allein durch ein Unglück zu erklären. Die Altstadt, die vom Verlauf der Kanal-Elde und der Alten Elde inselartig umschlossen und durch ein unregelmäßiges gitterförmiges Straßennetz strukturiert ist, wies nicht nur feste Wohnbauten auf, die einem Feuer einige Zeit hätten standhalten können. Vielmehr reihten sich auf engstem Raum auch zahlreiche Futter- und Kornscheunen aneinander. Zudem besaß die Mehrzahl der Bauten Dächer aus Stroh. Ein entfachtes, unkontrolliertes Feuer hatte umfangreiche Nahrung und konnte nur schwerlich gestoppt werden.

Herzog Karl Leopold von Mecklenburg-Schwerin (1678–1747) erließ bereits wenige Tage nach dem Stadtbrand, nämlich am 9. Juni 1725, ein Bauverbot und legte damit die Grundlage dafür, dass sich der Wiederaufbau nach einem einheitlichen Plan vollziehen konnte. Auf Befehl des Herzogs erstellte der Ingenieur Johann H. Behring aus Parchim einen Bebauungsplan, an dem sich alle Neubauten zu orientieren hatten. Am 14. September erhielt dieser Plan die herzogliche Unterschrift. Der gitterförmige mittelalterliche Grundriss wurde dahingehend modifiziert, dass der vormals teilweise unregelmäßige Straßenverlauf in gerade Bahnen gezwungen, neue Zwischenerschließungen angelegt und vereinzelte Verbreiterungen vorgenommen wurden.

Die vormals bestehende Mischung aus Wohnhäusern und landwirtschaftlichen Nebenbauten wurde strikt untersagt. Allein Wohn-, Handwerker- und Handelshäuser sollten die Fronten der Straßen bilden, voneinander getrennt durch schmale Zwischenräume, den sogenannten Tüschen. Nebengebäude waren dem Hofbereich zugeordnet. Futter- und Kornscheunen waren in der Innenstadt gänzlich untersagt. Sie durften nur außerhalb der Stadt errichtet werden. In einem Quartier wurden zur rückseitigen Erschließung der Grundstücke schmale Straßen angelegt, heute als Kreuzgasse bezeichnet (Abb. 6–7).

Die Außen- und Innenwände der Bauten waren in Fachwerkbauweise zu errichten, des Weiteren sollten ausschließlich Hartdächer zum Einsatz kommen. Strohdächer, die die Ansicht der Stadt seit Jahrhunderten geprägt hatten und immer wieder den Anlass für den Ausbruch von Stadtbränden gegeben hatten, wurden nicht zugelassen. Verbunden waren diese Maßnahmen mit einem Bauverbot für Häuser im Außenbereich der Stadt. Der Wiederaufbau der inneren Stadt sollte durch keine Konkurrenz gefährdet werden.

Um ein einheitliches Stadtbild zu erreichen, wurde eine Bebauungshöhe von mindestens zwei und höchstens drei Geschossen festgelegt und zudem vorgeschrieben, ausschließlich Traufenhäuser, also Bauten mit einer straßenseitigen Längsseite, zu errichten. Während die Mehrzahl der Vorgaben des Bebauungsplanes Umsetzung fand, ist die Vorschrift zur ausschließlichen Errichtung von Traufenhäusern in großer Zahl missachtet worden. Auch Giebelhäuser prägen das Bild der Stadt.

Der in die Tat umgesetzte Bebauungsplan erneuerte die Stadt in Hinsicht auf vier Aspekte und verwirklichte eine den Vorstellungen der damaligen Zeit verpflichtete Stadtbaukunst.

An erster Stelle der Gestaltung stand die Maßgabe, für einen verbesserten Brandschutz der Bauten Sorge zu tragen. Feuergassen zur Erschließung der Quartiere, Tüschen zwischen den einzelnen Häusern, die Auswahl der Baumaterialien sowie das Verbot zur Errichtung von Scheunen brachten hier große Fortschritte.

An zweiter Stelle ist der ausschließliche Einsatz von Fachwerkbauten zu nennen, ausgeführt in der damals fortschrittlichen Stockwerkbauweise. Bei dieser Bauweise bilden im Gegensatz zum früheren Geschossbau Schwellen und Rähmkranz für jedes Stockwerk als unterer und oberer Abschluss ein in sich geschlossenes Element aus. Um die Langlebigkeit der Bauten zu gewährleisten, war und ist sie von großem Vorteil. Die Fachwerkbauweise ist insgesamt in der Lage, die Bewegungen des von Torflinsen durchzogenen Baugrunds der Grabower Altstadt besser aufzunehmen und abzufangen als dies bei Massivbauten gilt.

Drittens ist das Ziel erreicht worden, den Verlauf der Straßen zu straffen und vereinzelte Aufweitungen vorzunehmen. Der Verkehr innerhalb der Stadt und durch die Stadt hindurch wurde wesentlich verbessert, der Handelsort Grabow gestärkt.

An vierter Stelle ist die ästhetische Erneuerung des Stadtbildes zu erwähnen. Der Wahllosigkeit und Formenvielfalt der sich seit dem Mittelalter entwickelten Bebauung wurden strikte gestalterische Vorgaben entgegengesetzt.

Die Rationalität der Aspekte, die die Fragen des Brandschutzes, der Langlebigkeit und des Verkehrs mit sich brachten, beförderten zudem die klare Gliederung der Stadt in Grund- und Aufriss. Ein harmonisches Stadtbild war erreicht. Es ist eine Reise wert, dieses Werk der Stadtbaukunst zu durchwandern.

Dr. Jörg Kirchner

Denkmal des Monats Januar 2014

Fachwerk, Farben und Feuerschutz – Grabow: ein Kunstwerk des barocken Städtebaus

Denkmalschutz­behörden

Ihre Ansprechpartner in den Landkreisen, kreisfreien und großen...

Untere Denkmalschutzbehörden

UNESCO-Welterbe-Bewerbung

"Residenzensemble Schwerin - Kulturlandschaft des romantischen Historismus"

www.welterbe-bewerbung-schwerin.de

Rechtsvorschriften

Hier finden Sie die Rechtsvorschriften der Landesdenkmalpflege.

Rechtsvorschriften