Das Welterbe-Besucherzentrum der Hansestadt Wismar

Denkmal des Monats Juli 2014

Hansestadt Wismar, Lkr. Nordwestmecklenburg, Fassade nach Sicherung, Juni 2006Details anzeigen
Hansestadt Wismar, Lkr. Nordwestmecklenburg, Fassade nach Sicherung, Juni 2006

Abb. 1. Hansestadt Wismar, Lkr. Nordwestmecklenburg, Fassade nach Sicherung, Juni 2006

Abb. 1. Hansestadt Wismar, Lkr. Nordwestmecklenburg, Fassade nach Sicherung, Juni 2006

Vom Abbruchkandidaten zum Welterbe-Besucherzentrum – kontroverser kann mit einem bereits 1929 (!) erfassten Denkmal in unserer schnelllebigen Zeit wohl kaum umgegangen werden.
Zehn Jahre ist es nun her, seit das Bundesvermögensamt Rostock einen Abbruchantrag stellte und die damals bereits zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörige Hansestadt Wismar diesen einvernehmlich mit dem Landesamt für Denkmalpflege ablehnte. Es ist vor allem dem persönlichen Engagement der ehemaligen Bürgermeisterin der Hansestadt, Frau Dr. Rosemarie Wilcken, zu verdanken, dass eines der authentischsten und aussagekräftigsten Giebelhäuser erhalten blieb.
Der Erfolg gibt ihr und den Stadtvätern, die sich für den Erhalt des Objektes seither einsetzten, recht. Das infolge Vernachlässigung stark durch Echten Hausschwamm geschädigte Gebäude wurde 2006 notgesichert. Zehn Jahre nach der Rettung wurde nun das Welterbe-Besucherzentrum in der Lübschen Straße 23 mit Mitteln des Bundes, des Landes, der Stadt und der Ostdeutschen Sparkassen-Stiftung instandgesetzt und eröffnet.

Das an der von Lübeck nach Rostock führenden Magistrale gelegene, im Kern 1353 errichtete Backsteingiebelhaus mit frühbarockem Fachwerkkemladen von 1649 lässt anschaulich die historische Entwicklung und die nutzungsbedingten Veränderungen eines hansischen Dielenhauses in sieben Jahrhunderten erfahren. So ist die Veränderung der Deckenbalkenlage über der Diele mit ihren wiederverwendeten bemalten Deckenbalken und der Nischenmalerei der Brandwände bewusst zum Thema der Ausstellung gemacht worden.

Der Kemladen zählt mit seiner Ausstattung zu den herausragenden Baudenkmälern der Wismarer Altstadt. Nachvollziehbar sind sowohl die ursprüngliche, wesentlich großformatigere Belichtung im Obergeschoss als auch die nutzungsbedingten Veränderungen der Ausstattung in beiden Geschossen. Entsprechend der in der Charta von Venedig formulierten Sichtweise des Respekts jeder Zeitschicht gegenüber, hat man sich für einen weitgehenden Substanzerhalt entschieden.

Es konnten für die Nutzungsgeschichte mehrere Veränderungen der Raumaufteilung festgestellt werden. Die mit Vorhangmalerei versehenen noch erhaltenen Fachwerkstiele im Erdgeschoss belegen eine größere Raumstruktur zur Entstehungszeit des Gebäudes.

Unter den aus dem Obergeschoss stammenden und im 19. Jahrhundert wiederverwendeten blaugrundig bemalten Bohlen fand sich im Erdgeschoss eine Kassettenimitationsmalerei mit alttestamentarischen Einzelfiguren, die im Laufe des 17. Jahrhunderts durch eine Jupiterdarstellung ergänzt wurde. Sie wurde aufgrund der prägenden Umbauten des Erdgeschosses im 19. Jahrhundert nur partiell freigelegt.

Bemerkenswert ist auch die Stuckimitationsmalerei mit Ruinendarstellungen an den Wänden des Obergeschosses. Die Rocaillen rahmen das beliebte Ruinenmotiv und ergänzen ein Lambris mit zwei unterschiedlichen Rocaillen, die wiederum auf eine Raumteilung im Obergeschoss hinweisen. Ähnliche Darstellungen des letzten Viertels des 18. Jahrhunderts sind aus Bürgerhäusern in Lübeck bekannt, etwa Engelswisch 24 oder Fischergrube 46.

Wesentliches Ausstattungselement des Welterbe-Besucherzentrums ist die 1828 von Dufour & Leroy in Paris stammende Papiertapete im sogenannten Tapetensaal im 1. Obergeschoss des Haupthauses, die Bürgermeister Gabriel Lembke erwarb.
Die mediterranen Landschaftsdarstellungen mit mehrfigurigen Szenen vor Architekturkulissen folgen nicht dem griechischen Original in Homers Odyssee, sondern dem Erziehungsroman des französischen Schriftstellers Francois Fénelon, "Les aventures de Télémaque", den dieser für den jungen Herzog von Burgund schrieb und der 1699 erstmals veröffentlicht wurde. Die im 18. Jahrhundert beliebte Geschichte der Suche des Sohnes des Odysseus nach seinem Vater und Reise zur Insel der Calypso, die auch Vorlage für zahlreiche Wandteppiche war, erschien 1823 bei Dufour & Leroy als Bildfolge in 25-farbigen Bahnen. 2027 Bildstöcke wurden für die Tapete angefertigt. Die erhaltenen Beispiele etwa in einem Bürgerhaus in Warendorf (Westfalen), im Herrenhaus Borghorst (Schleswig-Holstein) und Herrenhaus Rüdigsdorf (Sachsen) belegen die hohe Verbreitung der Szenenfolge im Klassizismus auch in Deutschland. Die jetzt von Jens Zimmermann aufwendig restaurierte, auf Spannrahmen aufgebrachte Tapete in Wismar unterscheidet sich von den übrigen durch ihre aufwendige architektonische Gliederung mit goldfarbenen Pilastern und kräftig profiliertem Gesims.

Gestalterisch unbefriedigend wird dem Besucher sicher die große Lüftungsöffnung in der Decke des Saales ins Auge fallen - ebenso wie Beleuchtung und die Deckenrahmung, die in einfachster Weise nicht entsprechend dem verlorenen Originalbestand oder nach der nur fotografisch unzureichend überlieferten Deckengestaltung des Historismus rekonstruiert werden konnte.

Die Ausstellung, die die Befunde des Hauses und das Welterbe erklären soll, bedient sich multimedialer Vielfalt in ansprechender Weise. Sie erläutert die Belange der Denkmalpflege und des Anliegens des Welterbes. Ein aufwendig gestalteter Außenbereich im ehemaligen Garten soll zum Verweilen einladen. Besonderer Wert wurde auch auf die ebenerdige Erschließung des Gebäudes gelegt, die über einen Aufzug auf der Gebäuderückseite den historischen Bestand wahrt und dennoch eine Zugänglichkeit der Ausstellung auf beiden Etagen ermöglicht.
Durch Führungen und attraktive Publikationen noch ergänzt, soll so ein breiter Besucherkreis angesprochen werden.

Jan Schirmer

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