Das ehemalige Rittergut in Streu und seine jüngere Geschichte

Denkmal des Monats Oktober 2014

Streu, Lkr. Vorpommern- Rügen, Gutshaus, Hofseite, 1997 Details anzeigen

Abb.1: Streu, Lkr. Vorpommern- Rügen, Gutshaus, Hofseite, 1997

Streu, Lkr. Vorpommern- Rügen, Gutshaus, Hofseite, 1997

Abb.1: Streu, Lkr. Vorpommern- Rügen, Gutshaus, Hofseite, 1997

Auf der Insel Rügen liegt am Schaproder Bodden östlich der Insel Hiddensee der Ort Streu, ein seit dem 13. Jahrhundert belegtes Rittergut. Streu gehört zum etwas weiter nördlich gelegenen Dorf Schaprode, ein Kirchdorf, wo die Landarbeiter des Gutes zusammen mit Fischern und Handwerkern wohnten.

Das Gut der Familie von Osten gelangte Ende des 17. Jahrhunderts in den Besitz der Familie von Platen, die es im 18. Jahrhundert an die Familie von Lotzow veräußerte. Von 1757 bis 1899 war die Familie von Bohlen in Besitz der Gutsanlage. 1899 erwarb Johannes Volckmann das Gut, das damit einen bürgerlichen Besitzer hatte. Sein Sohn Hans Volckmann bewirtschaftete das 250 ha große Gut ab 1922 bis 1945 sehr erfolgreich. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er enteignet. Das Gut diente zunächst als Flüchtlingsunterkunft, wurde dann unter Neubauern aufgeteilt und 1961 zur LPG "Einheit" Streu zusammengefasst. Das Herrenhaus war von mehreren Familien bewohnt und stand danach mehrere Jahre leer (Abb. 1). Die Gutsanlage blieb ungenutzt, wurde in Teilen abgerissen und verfiel.

1992 von der Treuhand an einen privaten Eigentümer verkauft, der nichts zu seinem Erhalt unternahm, war das Gutshaus über Jahre vergessen und in einem beklagenswerten Zustand. Im Jahr 2001 erwarben sanierungswillige Käufer das in einem traurigen Erhaltungszustand stehende Haus und nahmen das über dem Eingang auf einer Sandsteintafel stehende Motto "Man reißt das Haus nicht ein, das Väter fest gebaut, doch richtet man sich`s ein wie man`s am liebsten schaut. Anno D. MDCCCVXXI" als eine Verpflichtung und Herausforderung an. Die Sanierung des Herrenhauses, das im Kern aus dem 18. Jahrhundert stammt und im Stil englischer Architektur 1871 tiefgreifend umgebaut und erweitert worden war, führten die neuen Eigentümer engagiert in Abstimmung mit den Denkmalbehörden durch. Die Sanierungsarbeiten konnten 2007 weitgehend abgeschlossen werden (Abb. 2). Das Gutshaus dient als Mehrgenerationenhaus, in dem auch kulturelle Aktivitäten wie Vortragsveranstaltungen und Ausstellungen stattfinden. Inzwischen haben die Eigentümer weitere Gebäude und Wohnhäuser der ehemaligen Gutsanlage erworben, saniert und sie einer neuen Nutzung zugeführt. Diese Gebäude dienen heute zum privaten Wohnen und für die Funktionen einer Tierarztpraxis.

Das Gutshaus, dessen Entstehungszeit am barocken Portal und an der Diele mit der Mittelsäule ablesbar geblieben ist, ist das älteste Gebäude und der Mittelpunkt der Gutsanlage (Abb. 3). Aus dem 18./19. Jahrhundert sind keine weiteren Gebäude erhalten geblieben. Unter Johannes Volckmann wurde das Gut zu einem modernen Betrieb ausgebaut. Es entstanden um 1910/1920 neue Wohnhäuser für den Gutsinspektor, den Oberschweizer und vermutlich den Gärtner und den Kutscher in den Formen des Heimatstils und in einer parkartig angelegten Umgebung (Abb. 4). Seine deutsch-nationale Gesinnung bezeugte J. Volckmann durch Tafeln mit Zitaten Otto von Bismarcks über den Eingängen der zum Gut gehörenden Häuser in Streu und Schaprode.

Beeinflusst von der Idee der Ornamental farm im 19. Jahrhundert wurden die Wirtschaftshöfe von Gutsanlagen immer häufiger als ein Zierhof gestaltet. Die Gutsbesitzer, oft bürgerlicher und städtischer Herkunft, verstanden sich weniger als Landwirte denn als Unternehmer. Das Leben auf dem Lande sollte nicht nur von Arbeit geprägt, sondern auch schön sein und die Natur genossen werden. Leider sind von den qualitätvollen Wirtschaftsgebäuden in Streu nur die eine Hälfte des ehemaligen Pferdestalls (Abb. 5) und eine zum Wohnhaus umgenutzte, ehemalige Scheune, ein Kunstdüngerschuppen und ein Trafohaus erhalten. Aber trotz der zu DDR-Zeiten erfolgten Abrisse ist die Struktur der Hofanlage nachvollziehbar geblieben. Die ehemalige Pferdeschwemme ist als teichartige Anlage wiederhergestellt und von einem der ehemaligen Wirtschaftsgebäude sind Teile des aufgehenden Mauerwerks saniert, rekonstruiert und der Innenbereich als Grünfläche gestaltet worden. Insgesamt ist das Gutsdorf Streu von in der Materialität und Gestaltung unpassenden Neubauten verschont geblieben. Der Schutz der denkmalwürdigen Gesamtanlage mit ihren Gebäuden, Strukturen, Freiflächen, Park- und Grünanlagen wurde durch eine flurstücksgenaue Kartierung festgeschrieben. Die Siedlungsstruktur auf der Insel Rügen wird noch heute zu einem großen Teil von den Baulichkeiten und Strukturen der Gutswirtschaften geprägt. Einer 1903 erfolgten Erhebung zufolge gab es 223 Gutshöfe, heute sind 79 Gutshäuser denkmalgeschützt. Besonders große Verluste sind bei den zugehörigen Wirtschaftshöfen festzustellen. Relativ intakt erhaltene Gutsanlagen gibt es auf Rügen nur sehr wenige. Auch die noch erhaltenen Wirtschaftsgebäude und Strukturen sind gefährdet. Die touristisch viel besuchte Insel hat leider vielerorts durch die Anlage von meist in ihrer Architektur belanglosen Feriensiedlungen ihre historische Authentizität und Atmosphäre verloren.

Die Auseinandersetzung insbesondere mit der jüngeren Geschichte des Gutes und der Stolz auf die wiederhergestellten Gutsgebäude brachten die Eigentümer dazu, Informationstafeln anfertigen zu lassen. Es wurde bei Recherchen bekannt, dass sich bei Hans Volckmann (geb. 5. Dezember 1885 auf Streu und gest. am 14. April 1953 in Uelzen) regelmäßig führende Vertreter der deutschen Wehrmacht wie Generaloberst Kurt Freiherr von Hammerstein, General Otto von Stülpnagel oder Generaloberst Friedrich Fromm im Widerstand gegen A. Hitler geheim getroffen haben. H. Volckmann wurde von der Gestapo ab 1934 mehrfach verhaftet und hat zunächst im berüchtigten KZ Bredow bei Stettin und nach dem gescheiterten Attentat auf A. Hitler am 20. Juli 1944 in der Haftanstalt von Stralsund eingesessen. Von der sowjetischen Besatzungsmacht als Opfer des Faschismus anerkannt, wurde H. Volckmann in Streu dennoch enteignet, allerdings mit 25 ha. Ackerland in Götemitz/Rügen entschädigt.

Im Juli 2014 wurde zur Erinnerung an Hans Volckmann in einem offiziellen Rahmen eine Gedenktafel am Torpfeiler in Streu angebracht. Gleichzeitig enthüllte man auch eine Tafel, die über die Geschichte und den Gebäudebestand der Gutsanlage informiert. Durch das Engagement der Eigentümer bei den Sanierungen, ihrer Freude am Geschaffenen und der geleisteten Öffentlichkeitsarbeit ist der Ort Streu zu einem sehr positiven Beispiel von gelebter Denkmalpflege geworden (Abb. 6-7).

Beatrix Dräger-Kneißl

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