Wismar, Frische Grube 5 - ein "Reihenhaus" von 1394

Denkmal des Monats November 2014

Hansestadt Wismar, Lkr. Nordwestmecklenburg, Frische Grube 5, Straßenansicht Details anzeigen

Abb. 1. Hansestadt Wismar, Lkr. Nordwestmecklenburg, Frische Grube 5, Straßenansicht

Hansestadt Wismar, Lkr. Nordwestmecklenburg, Frische Grube 5, Straßenansicht

Abb. 1. Hansestadt Wismar, Lkr. Nordwestmecklenburg, Frische Grube 5, Straßenansicht

Kleine traufständige Häuser prägen das Viertel um die Frische Grube und den Nikolaikirchhof in der Hansestadt Wismar. Die Bebauung ist unscheinbar, das 19. Jahrhundert hat ihnen seinen Stempel aufgedrückt, von der mittelalterlichen Vergangenheit Wismars anscheinend keine Spur. Doch bei genauerem Hinschauen meint man Häusergruppen zu früheren Reihenhäusern zusammenfassen zu können und ein Gebäude verrät sich durch seine merkwürdige Geschoßstruktur: Das Haus Frische Grube Nr. 5 (Abb. 1). Tritt man ein, wird sofort klar, dass sich hier eine Hohe Diele verbirgt, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts unterteilt wurde, als auch die Straßenfassade ein neues, massives Gesicht bekam. Bis dahin war es ein Fachwerkhaus mit massiven Stützpfeilern aus Backstein an seinen Kanten – typisch für die Buden in Wismar und Stralsund und in dieser Bauweise – das ist merkwürdig – in Lübeck nicht bekannt.

Diese Hausklasse (Bude) findet sich zumeist in der Form von traufständigen Gebäuden, die zudem häufig als "Reihenhäuser" errichtet worden sind. Buden als kleine Gebäudeklasse säumen den Rand großer Baublocks, Eckgrundstücke und die rückwärtigen Lagen durchgehender Parzellen 1.

Ähnlich wie die bekannten Buden am Eingang der Kleinen Hohen Straße von der Hafenseite aus, dienten einzelne Stützpfeiler aus Backsteinmauerwerk als Grundgerüst und Unterteilung der einzelnen Reihenhäuser. Dazwischen befand sich auf der Straßen- und der Hofseite Fachwerk. Während die Seite zur Grube hin nur noch die Pfeiler aufweist, hat sich rückwärtig zu großen Teilen die originale Fassade erhalten - sogar mit den ursprünglichen Gefachen (Abb. 2)! Auf einer Rollschicht lag die Schwelle, über der sich ein hohes Ständerwerk für die Diele befand. Für den niedrigeren Unterboden wurde wiederum ein kleineres Stockwerk aufgesetzt. Dieses war zu den ebenfalls in situ befindlichen Dachbalken mit Kopfbändern ausgesteift, die allesamt Hakenblätter aufwiesen, mit der typischen konischen Verjüngung, die es nur bis etwa 1400 gibt (Abb. 3).

Ehemals dürfte sich das Traufenhaus als Reihenhaus über alle drei Grundstücke erstreckt haben, nur dass die beiden Nachbarn (Nr. 3 und 7) ihr Haus später erneuerten. Die halbsteinigen Trennwände bestehen größtenteils aus einem schlichten Backsteinfachwerk, wobei anstelle von Riegeln einzelne Eichenbohlen eingeschoben sind (Abb. 4). Solche dünnen Trennwände sind auch für die Buden in Lübeck typisch.

Die dendrochronologische Untersuchung ergab eine Datierung auf 1393d, das bedeutet eine Bauzeit im Jahr 1394 oder sehr kurz darauf. Damit gehört es in die große Wismarer Baukonjunktur, der wir den überwiegenden Teil der bekannten mittelalterlichen Bausubstanz verdanken - der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts.

Zur Nutzungsstruktur lässt sich bisher nur so viel sagen, dass sich die Herdstelle im hinteren Hausbereich, in der Nordwestecke, befand (Abb. 5). Als man den Stützpfeiler dort, vermutlich beim Umbau in der Mitte des 19. Jahrhunderts, für Raumgewinn zurückarbeitete, blieb diese Oberfläche ohne die typischen Verschwärzungen und Versottungen, die sonst die Feuerstellen kennzeichnen.

Das Dachwerk wurde einmal neu in flacherer Neigung aufgeschlagen, aber unter Wiederverwendung der originalen mittelalterlichen Hölzer. Die Eichen waren ebenfalls einfache Vollhölzer von geringem Alter und relativ krummem Wuchs. Abbundzeichen waren nicht zu entdecken. Die heutige Bauweise dürfte auf den Umbau in der Mitte des 19. Jahrhunderts zurückgehen. Spätestens aus der Zeit stammt auch die schlichte Bretterwand über dem Hahnenbalken, die den Dachraum vom Nachbar trennte.

Die große Bedeutung des Hauses liegt also darin, dass es nunmehr die dritte von vier mittelalterlichen Buden in Wismar ist - nach der Kleinen Hohen Straße Nr. 15 (1381d) und Nr. 24 (kurz nach 1409d) sowie der jüngst entdeckten vom Marienkirchhof 4 (1360-80). Das hohe Alter von über 600 Jahren - wir bewegen uns in der Zeit kurz nach Fertigstellung des Nikolaichores, am Langhaus wurde noch lange gebaut! - und die stadtgeschichtliche Bedeutung verleihen dem Gebäude ebenso Denkmalwert wie die verhältnismäßig gute Substanzerhaltung eines einfacheren Hauses an der Frischen Grube und die Ablesbarkeit seiner baulichen Entwicklung.

Nicht zuletzt haben wir es mit dem zweitältesten Fachwerk im Profanbau des Landes zu tun und dem drittältesten hier überhaupt. Noch bis vor wenigen Jahren war in Mecklenburg-Vorpommern gar kein Fachwerk im Profanbau, das aus dem Mittelalter stammt, bekannt!

Dr. Tilo Schöfbeck


Anmerkungen

1 Vgl. die Darstellung archäologischer Funde in Greifswald bei Karsten Igel, Buden im mittelalterlichen Greifswald: Wohnen und Wirtschaften in kleinen Häusern, in: Greifswalder Beiträge zur Stadtgeschichte, Denkmalpflege, Stadtsanierung 7, 2013, S. 3-11

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