Das Altarretabel der Pfarrkirche St. Marien in Güstrow

Denkmal des Monats Januar 2015

Güstrow, Lkr. Rostock, St. Marien, Bormanaltar, Gesamtansicht nach der Restaurierung Details anzeigen

Abb. 4. Güstrow, Lkr. Rostock, St. Marien, Bormanaltar, Gesamtansicht nach der Restaurierung

Güstrow, Lkr. Rostock, St. Marien, Bormanaltar, Gesamtansicht nach der Restaurierung

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Der 1522 in der Güstrower Pfarrkirche aufgestellte Altarschrein mit Reliefszenen der Passion Christi wurde in Brüssel in der Werkstatt des Jan Borman gefertigt. Das belegen die an einem Altar seltene Inschrift einer Schwertscheide im Kreuztragungsrelief und die Zunftstempel (Abb. 1). Die figurenreichen und tief gestaffelten Passionsreliefs gehören bildhauerisch zu den besonderen Leistungen dieser Werkstatt. Ihre Polychromie aus Vergoldungen und Fassmalerei ist unter Verwendung von verschiedenen Fremdmaterialien wie Pressbrokate, Sande und Astwerk ungewöhnlich mannigfaltig ausgeführt worden. Dieser Reichtum ist für die flandrische Altarproduktion jener Zeit typisch und begründete durch den dadurch erreichten Realismus den Ruf und die Verbreitung dieser Retabel im gesamten Ostseeraum.

Da infolge der Reformation der Bestand im Herkunftsland sehr reduziert ist, haben diese Exportstücke große Bedeutung nicht nur für die Kunstlandschaft ihrer heutigen Standorte, sondern darüber hinaus auch für die europäische Kunstgeschichte und bedürfen besonderer Anstrengungen für deren Erhaltung.

So erlitt auch dieser Altar zum einen durch die materialbedingte Alterung, vor allem aber durch die im Zweiten Weltkrieg erfolgte und eigentlich zu seinem Schutz gedachte Auslagerung und massive Einhausung in den Kellerräumen einer Güstrower Schule erhebliche Schäden an der empfindlichen Fassmalerei. Wie auch am ebenfalls eingemauerten Georgenaltar der St. Georgenkirche Wismar kam es gleichfalls am Bormanaltar durch das ungünstige Mikroklima mit erhöhter Feuchtigkeit innerhalb der Einhausung zu umfangreichen Lockerungen der Fassmalerei mit großflächigen Totalverlusten.

Erste Restaurierungen nach der Aushausung und Wiederaufstellung 1946 und Anfang der 1950er Jahre konnten zwar durch dringend notwendige konservatorische Maßnahmen den Erhalt sichern, gingen aber auch, besonders am linken Kastenflügel, mit einer großflächigen Überfassung der reduzierten originalen Farbigkeit einher, die ästhetisch und konservatorisch problematisch war (Abb. 2). Erst 1992 konnte mit weiterführenden Restaurierungsarbeiten begonnen werden, welche dann, unterbrochen durch partielle finanzielle Engpässe, schrittweise ausgeführt und 2014 beendet wurden. Möglich war dies nicht nur durch die Unterstützung der Landeskirche, des Landes Mecklenburg-Vorpommern und vielen Stiftungen, sondern auch durch das unermüdliche Werben um Förderer durch die Vorsitzende des Fördervereins, Pastorin i. R. Elisabeth Taetow.

Ziel war es nun auch, neben der bei solchen fragilen Kunstwerken immer wieder notwendigen Sicherung der Substanz sowohl des Trägers als auch der Fassmalerei, die entstellenden Übermalungen zu beseitigen. So waren weite Teile des Bildwerkes mit einem schwerlöslichen Rotholzlack überzogen, der das Erscheinungsbild partiell stark entstellte. Vergoldete Bereiche waren zudem mit Bronzen bedeckt, die grünlich korrodiert waren und die Vergoldungen stark verfremdeten. Eine Sonderstellung nahm dabei der linke Kastenflügel mit seinen Reliefs ein. Da dieser wahrscheinlich durch die oben genannte Einhausung besonderen Schaden erlitten hatte, wurde hier die gesamte Schnitzerei 1951 restauriert, wobei nur geringe Reste der originalen Fassung erhalten geblieben sind und das Erscheinungsbild durch ein Konglomerat aus Neufassungen, grünlichen Bronzierungen und Lacken entstellt wurde. Grobe Kittungen an den Plinthen der einzelnen Reliefs verschleierten den ursprünglichen Formverlauf.

Die Arbeit bestand nun darin, die einzelnen Reliefs und Figuren von entstellenden Übermalungen zu befreien und, wo erforderlich, durch ein Schließen von Fehlstellen nachfolgende Retuschen und partielle Neuvergoldungen der Umgebung anzugleichen (Abb. 3). Besonders am linken Flügel erforderte dies eine großflächige Entfernung ästhetisch und konservatorisch bedenklicher Kittungen und Überfassungen bis hin zum Träger und einen traditionellen Neuaufbau der Fassmalerei, damit der originale Gesamteindruck des Retabels wieder hergestellt werden konnte. Man bezog sich dabei allerdings auf die Fassung der Restaurierung aus dem Jahre 1880, deren Ergebnisse durch teilweise Ölvergoldungen und Übermalungen der Gewänder und der Inkarnate die originale Fassmalerei aber gut reflektieren. Aus dieser Zeit stammt auch die neogotische hölzerne Umfassung des Altars.

Noch nicht erwähnt wurden die äußerst qualitätvollen Tafelgemälde der Malflügel und der Kastenflügelaußenseiten. Auch wenn hier über die Jahre kleinere Konservierungsmaßnahmen erfolgten, konnte eine umfassende Restaurierung erst ab 2010 umgesetzt werden. Möglich war dies durch die finanzielle Unterstützung der belgischen "König Baudouin Stiftung", die nicht nur die umfassende Restaurierung, sondern auch eine kunstwissenschaftliche Arbeit zur Provenienz und zur Zuschreibung der Gemäldetafeln förderte.

Mit Unterstützung der Abteilung Restaurierung der Hochschule für bildende Künste Dresden waren umfangreiche strahlendiagnostische Untersuchungen mit Röntgenstrahlen, UV-Licht und Infrarotreflektografie möglich. Die Tafelgemälde selbst wurden konserviert und gereinigt, ältere Kittstellen wurden überarbeitet und Fehlstellen restauratorisch behandelt. Nachdem 2012 auch dieser wichtige Schritt beendet werden konnte und 2013/14 noch kleinere Restarbeiten an den Rahmungen vorgenommen wurden, wird im Herbst 2015 der feierliche Abschluss einer über 20 jährigen Restaurierungsarbeit begangen werden können (Abb. 4-5).

Frank Hösel

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