Vom Scheunenviertel zum Wohngebiet gehobener Mittelschichten – Die westliche Paulsstadt in Schwerin

Denkmal des Monats April 2015

Landeshauptstadt Schwerin, westliche Paulsstadt, Mozartstraße um 1920 Details anzeigen

Abb. 1. Landeshauptstadt Schwerin, westliche Paulsstadt, Mozartstraße um 1920

Landeshauptstadt Schwerin, westliche Paulsstadt, Mozartstraße um 1920

Abb. 1. Landeshauptstadt Schwerin, westliche Paulsstadt, Mozartstraße um 1920

Von den Stadterweiterungen Schwerins tritt die westliche Paulsstadt besonders in Erscheinung. Durchgrünte Quartiere, repräsentative Schmuckfassaden, Blickpunkte am Ende von Straßen und in das Gefüge harmonisch integrierte Monumentalbauten zeichnen den Stadtteil aus. Entstanden ist dieser Teil Schwerins im letzten Viertel des 19. und ersten Viertel des 20. Jahrhunderts (Abb. 1).

Den Auftakt der Stadterweiterung nach Westen bildete bereits in den 1840er Jahren der Bau des Arsenals am Pfaffenteich, dem die Errichtung neuer Wohnbauten folgte. In den 1860er und 1870er Jahren stieg die Einwohnerzahl Schwerins um ein Vielfaches. Von 1869 bis 1871 wuchs sie beispielsweise um nahezu 2000 Bewohner. Waren bis zum Ende der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts unter anderem weit außerhalb der Stadt am Ostorfer See neue Wohnhäuser entstanden, rückte nun das Gebiet westlich der Eisenbahnlinie in den Focus. Dieses Gebiet wurde bis dato landwirtschaftlich genutzt und war teilweise mit Scheunen bebaut.

In jener Zeit schuf auch Georg Adolph Demmler den "Erweiterungs- und Verschönerungsplan für die Residenzstadt Schwerin", den er 1863 vorlegte. Größtes Potential für den städtischen Ausbau boten ihm Areale südlich und westlich des Stadtzentrums. Die Bebauung sollte sowohl in geschlossenen Quartieren wie in lockerer Einzelhausbebauung erfolgen, wobei er letztere an den Stadtrand legte (Abb. 2). Nach seiner Analyse hatte sich die Stadt in der Vergangenheit lediglich in nördlicher Richtung ausgedehnt. Nunmehr war sie, so sein Vorschlag, auch nach Westen zu erweitern.

Ein Grundgerüst für die Anlage der westlichen Paulsstadt lieferten die bereits bestehenden Landstraßen nach Neumühle und Lankow. 1885 wurde der Moltkeplatz (heute Platz der Freiheit) gestalterisch überformt, der auch den Ausgangspunkt für die Entwicklung des Stadtteils bildete. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts entstand nun ein Wohnviertel mit einer überwiegend geschlossenen Randbebauung der Straßenzüge. Aus dem Jahr 1894 stammt die Anlage des Jungfernstiegs (Abb. 3), gefolgt von der Johann-Albrecht-Straße (heute Beethovenstraße) und der Bismarckstraße (heute Rudolf-Breitscheid-Straße) bis zur Königsbreite (heute Demmlerplatz). Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstreckte sich die Bautätigkeit auf den Teil der oberen Mozartstraße, nachdem hier die letzten Scheunen beseitigt worden waren.

Der Ausbau der Ringstraße, des heutigen Obotritenringes, begann in diesem Areal 1904. Der Abschnitt führte von der Friedrich-Franz-Straße (heute Lübecker Straße) bis zur heutigen Beethovenstraße und wurde 1913 bis zum Jungfernstieg weitergeführt. Während des Ersten Weltkrieges errichtete man den monumentalen Bau des Gerichtes an der Königsbreite (Abb. 4). Bereits zwischen 1910 und 1912 war die benachbarte Knabenschule entstanden. Mit der Verlängerung der Mozartstraße bis an den Ring, der Bebauung der oberen Steinstraße und dem Lückenschluss zwischen Königsbreite und Wittenburger Straße fand der Bau der westlichen Paulsstadt gewissermaßen einen Abschluss.

Eine wesentliche Rolle bei der Beförderung der Erweiterung Schwerins spielte Baurat Ewald Genzmer (1856-1932). Er war bis 1904 Stadtbaurat in Halle an der Saale und lehrte an den Technischen Hochschulen von Danzig und Dresden. 1906 betraute ihn der Schweriner Magistrat mit der Schaffung von Bebauungsplänen für die Stadt. Unregelmäßige Baublöcke, in leichten Krümmungen verlaufende Straßen, die vielfach auf besondere Blickpunkte zulaufen (Abb. 5-6) und die mit villenartigen Wohnbauten bebaut werden, sowie die Anlage von Gärten stellen sich als charakteristisch heraus. Diese Struktur eines regelmäßigen gut ablesbaren Grundrisses, die überwiegend geschlossene Blockrandbebauung, zum Teil mit Vorgärten, und die begrünten Blockbinnenhöfe (Abb. 7) sind bis heute überliefert. Sie dokumentieren die systematische Stadterweiterung und städtebauliche Entwicklung Schwerins vom Ende des 19. bis in das zweite Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts.

Sehr Vielfältig ist die künstlerische Gestaltung der Fassaden der Wohnhäuser in der westlichen Paulsstadt. Zur Anwendung gelangen die Neostile des Historismus, doch sind auch Jugendstilformen anzutreffen (Abb. 8). Bis hin zur Reformarchitektur reicht die Palette (Abb. 9). Die verputzten oder auch backsteinsichtigen Gebäude werden vielfach von Lisenen oder Pilastern gegliedert und besitzen oftmals Balkone, Erker, Risalite, Türmchen und dergleichen, die ihre repräsentative Wirkung herausstellen. Plastischer Dekor in Form von Reliefs, seien es nun Darstellungen von Pflanzen, dem menschlichen Antlitz oder einfach nur fließende geometrische Formen, findet sich vorrangig an Jugendstilbauten (Abb. 10). Dort sind mitunter auch geschweifte Fensterlaibungen und –stürze anzutreffen. Manche Gebäude besitzen farbige Verglasungen der Treppenhausfenster. Einige wenige Wohnhäuser verfügen über Terrakottaschmuck (Abb. 11) oder weisen mit ihren Backsteingiebeln auf die niederländische Architektur des Goldenen Zeitalters hin (Abb. 12). Beide Gestaltungsvarianten lassen eine gewisse Zuneigung der Bauherren zum großherzoglichen Hof vermuten: Zum einen durch die Wahl des Johann-Albrecht-Stils, der durch den Umbau des Schweriner Schlosses wieder in das Bewusstsein gerückt war, zum anderen durch die Interpretation niederländischer Formen als Reminiszenz an die Hochzeit von Prinz Hendrik (Heinrich), einem Sohn des Großherzogs Friedrich Franz‘ II., mit Königin Wilhelmina der Niederlande am 7. Februar 1901.

Zwischen 1910 und 1912 entstand die städtische Bürgerknabenschule (heute Erich-Weinert-Schule) nach Entwürfen von Stadtbaumeister Hans Dewitz an der damaligen Beethovenstraße (heute Rudolf-Breitscheid-Straße), ein für die Zeit moderner Schulbau. Ihm vorgelagert ist der Schulhof, wodurch sich der Straßenraum öffnet und städtebaulich auf den nachfolgenden Demmlerplatz vorbereitet (Abb. 13). Mit dem Justizgebäude wurde dort 1914-1916 ein platzbeherrschender Monumentalbau geschaffen. Das nach Entwürfen von Paul Ehmig ausgeführte Gebäude, welches sich zum Platz als eine Dreiflügelanlage mit Mittelbau und kräftigem Werksteinportal mit Figurenschmuck zeigt, greift neobarocke Formen auf. Ihm gegenüber antwortet eine auf seine Form und Baumasse abgestimmte Wohnbebauung. Der großzügig angelegte Demmlerplatz bildet den städtebaulich-gestalterischen Höhepunkt der westlichen Paulsstadt. Er nimmt das in der Funktionshierarchie der Gebäude des Stadtteils am höchsten stehende auf, das zugleich überregionale Bedeutung besitzt und hebt damit die Bedeutung der westlichen Paulsstadt über ein rein städtisches Wohngebiet hinaus.

Insgesamt ist festzustellen, dass

die städtebauliche Anordnung und Proportionierung des historisch gewachsenen Stadtteils […] in der Folge zu städtebaulichen Raumbildungen [führen], die untereinander in einem durch Sichtachsen in Beziehung stehenden Erlebnisbezug stehen. In ihrer Gesamtheit tragen sie entscheidend zur Erscheinung des urbanen, ortstypischen Charakters der westlichen Paulsstadt bei.*

Aufgrund des guten Überlieferungs- und Erhaltungszustandes des Stadtteils sowie der städtebaulichen und stadtgeschichtlichen Bedeutung hat die Landeshauptstadt Schwerin 2010 den Denkmalbereich "Stadt Schwerin – westliche Paulsstadt" rechtskräftig ausgewiesen und damit zur Erhaltung eines wichtigen Teiles der regionalen Geschichte von Architektur und Städtebau in Mecklenburg-Vorpommern beigetragen.

Dirk Handorf


Literatur:

* Verordnung über den Denkmalbereich "Stadt Schwerin – westliche Paulsstadt" – Stadtanzeiger Landeshauptstadt Schwerin. Amtliches Bekanntmachungsblatt der Landeshauptstadt Schwerin, Ausgabe 1/2010, 8. Januar, S. 7.

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