Die historischen Gewächshäuser der Universität Greifswald - ein national bedeutendes Kleinod der Wissenschaft und Lehre

Denkmal des Monats Mai 2015

Hansestadt Greifswald, Botanischer Garten, Gewächshäuser von Osten Details anzeigen

Abb. 1. Hansestadt Greifswald, Botanischer Garten, Gewächshäuser von Osten

Hansestadt Greifswald, Botanischer Garten, Gewächshäuser von Osten

Abb. 1. Hansestadt Greifswald, Botanischer Garten, Gewächshäuser von Osten

Mit seiner 250-jährigen Geschichte gehört der Botanische Garten der Universität Greifswald zu den ältesten in Deutschland. In ihm befindet sich ein in unserem Bundesland einmaliges Zeugnis historischer Gewächshäuser aus den 1880er Jahren. Sie bedürfen dringend einer notwendigen Sanierung, daher sind sie für Besucher und Studenten seit dem 6. Juni 2014 geschlossen. Studenten und Mitarbeiter des Instituts kämpfen gemeinsam mit dem Förderverein des Botanischen Gartens e.V. für den Erhalt. Sie werben unablässlich für finanzielle Spenden, damit dieses national bedeutende Denkmal, dann auch mit Mitteln der öffentlichen Hand, gerettet werden kann (Abb. 1-2).

Die Universität Greifswald verfügt seit 1763 über einen eigenen Botanischen Garten. Ursprünglich befand sich dieser zwischen der Stadtmauer mit Wallanlage und dem Innenhof des Universitätshauptgebäudes an der Domstraße. Nachdem der Garten räumlich an seine Grenzen stieß und den Neuerrichtungen des Campus zwischen der Wallanlage und der Domstraße weichen musste, erwarb die Universität 1883 mehrere Grundstücke vor den Toren der Altstadt in Nähe des Bahnhofs am südwestlichen Stadteingang an der Grimmer Straße mit zugehöriger Bebauung, dem einstigen Gartenlokal "Aktiengarten". In der Entwicklungsgeschichte der Universität Greifswald markiert der Neubau der Glashäuser den Auftakt umfassender hochschulinterner Erweiterungsmaßnahmen. So steht der Umzug auf das Gelände vor der Stadtmauer in direktem Zusammenhang mit stark steigenden Studentenzahlen.

1884 begann die Firma Greifswalder Maschinenanstalt Julius Kessler unter der Anleitung des Landbau- und Universitätsbaumeisters Paul Emil Hofmann mit der Planung und der Ausführung, die 1886 abgeschlossen war. Das dominante Palmenhaus mit Warm- und Kalthaus bildet im Bereich des Denkmals den Kern der Anlage, die sich im Laufe ihrer 130jährigen Geschichte auf 13 weitere Gebäude erweiterte. Der Gewächshauskomplex beheimatet auf etwa 300 m2 417 Arten tropischer Nutzpflanzen, Palmen, Sukkulente sowie entwicklungsgeschichtlich wichtiger Palmfarne. Dazu gehören ein Palmenfarn von 1931 sowie ein Bambus, der vor 1900 gepflanzt wurde. In den 1950er Jahren sah man sich veranlasst, die Doppelverglasung in den Anbauten auszutauschen, die wegen starker Verschmutzung durch Rußablagerungen der während der Heizperiode in Mitleidenschaft gezogen waren und verzichtete auf eine zweite Gläserlage. Zeitgleich erfolgte der Rückbau des abgetreppten Palmenhausgiebels sowie beider hohen Schornsteine. Weitere Instandhaltungsmaßnahmen folgten zwischen 1986 und 1989. Die zwei vorgelagerten Gewächshäuser wurden 1989 und 2010 abgetragen und durch Neubauten, teils an ursprünglicher Stelle, ersetzt.

Der heute dreiteilige Gebäudekomplex zeichnet sich durch seine Stahl-Glas-Konstruktion aus. Besonders, weil in Norddeutschland einzigartig, ist der genietete Rahmen aus luftfeuchtigkeitswiderstandsfähigem Schiffsstahl. Dieser steht auf etwa 1 m hohen Backsteinsockeln und ist sowohl in den Wand- als auch in den Dachflächen mit einer Einfachverglasung versehen. Rückseitig besitzen die Glashäuser einen durchgehenden massiven Westgiebel mit dahinterliegendem Wirtschaftsgebäude aus Backstein. Das Palmengewächshaus sowie das Kalt- und das Warmhaus sind miteinander verbunden und nach Osten ausgerichtet. Zur ursprünglichen Planung gehörten auch zwei symmetrische Seitenflügel sowie einen Wirtschaftsanbau und zwei weitere, niedrigere, östlich vorgelagerte, mit einem Satteldach versehene Gewächshäuser. Sie waren mit dem Palmenhaus fest verbunden und glichen einander in Material und Stahl-Glas-Konstruktion. Der mittlere, giebelständige und mit einem Satteldach versehene Bauteil ragt mit einer Höhe von 12 m über die mit Pultdächern abgeschlossenen Seitenflügel hinaus. In ihm befindet sich die Palmensammlung. Die auf dem Backsteinsockel aufliegenden einzelnen Glaselemente messen etwa 2 x 4 m und werden von Stahlträgern gerahmt (Abb. 3). Als weitere architektonische Gestaltungsmittel dienen Fachwerkträger aus genieteten Doppel-T- und Doppel-U-Profilen in den Randbereichen sowie die Geländer der Laufstege und Dachrinnen auf den Dachfirsten. In seinem Inneren ermöglichen zwei umlaufende Galerien die Pflanzenpflege in höheren Regionen. Ein Strebewerk aus filigranen Rundstäben sorgt für die bautechnische Aussteifung. Symmetrisch schließen sich zu beiden Seiten des Palmenhauses nördlich das Cycadeen (Palmfarne)- sowie südlich das Warmhaus an. Auch sie nutzen den rückwandigen Westgiebel als Auflager ihrer Pultdächer (Abb. 4). In ihrer Ausführung sind beide Gebäude nahezu identisch. Auch hier liegen die einzelnen Glaselemente auf einem etwa 1m hohen Backsteinsockel auf und sind von Stahlträgern gerahmt. Anders als im Palmenhaus sind in den Seitenflügeln Stützen notwendig, welche auf jeder Seite als Gussstahlsäulen zu je einem Paar eingestellt sind. Diese sind schlicht gehalten und verfügen lediglich über Schaftringe an Basis und Kapitell. Bauliches Vorbild war der Londoner Kristallpalast von Joseph Paxton und der Firma Fox & Henderson, welcher anlässlich der Weltausstellung von 1851 im Hydepark als ein zerlegbarer Bau aus wiederverwertbaren Elementen entworfen wurde.

Im Botanischen Garten der Universität Greifswald finden wir ein in seiner Lage, Materialität und Bauweise authentisches Objekt vor. Ferner zeugt seine durchgängige Nutzungsgeschichte als Forschungs- sowie Lehranstalt von einem großen Traditionsbewusstsein und langer Kontinuität. Vor allem aber die Tatsache, dass die zum originalen Bestand des 19. Jahrhunderts gehörenden Gewächshäuser in der bauzeitlichen Stahlkonstruktion in Norddeutschland einmalig sind, belegt ihren hohen Stellenwert innerhalb der Geschichte der Gewächshausarchitektur und begründet damit ihre historische Bedeutung (Abb. 5-6). Sie gehören zu den letzten verbliebenen bauzeitlichen Gewächshäusern außer Frankfurt am Main, welches nach derzeitigem Kenntnisstand das zweite noch in seiner Originalsubstanz erhaltene und mit der Anlage in Greifswald vergleichbare Objekt ist. Somit besitzen die historischen Gewächshäuser Greifswalds auch einen hohen architekturgeschichtlichen Wert und sind aufgrund ihres vorhandenen Alleinstellungsmerkmals von nationaler Bedeutung.

Auch für die Bauwissenschaft ist der Erhalt der Gewächshäuser von Rang, bezeugen sie doch den speziellen und modernen Wissensstand im Stahlbau im ausgehenden 19. Jahrhundert. Die besonders beachtenswerte bautechnische Ausführung dokumentiert die Sachkenntnis der Ingenieurswissenschaft sowie der Stahlproduktion zu jener Zeit. Bei dem verwendeten Metall handelt es sich um Puddelstahl, der bis etwa um 1900 in Handarbeit erzeugt und von Flussstahl abgelöst wurde. Hierzu wurde Eisen in großen Pfannen geschmolzen. Durch darüber streichende Heißluft oxidiert einen Teil des Kohlenstoffs. Trotzdem weist dieser Stahl relativ hohe Anteile an Kohlenstoff, Mangan und Phosphor auf. Aufgrund des geringeren Reinheitsgrades im Vergleich zum heutigen Stahl, kann der Puddelstahl nicht geschweißt, sondern nur genietet werden (Abb. 7).

Das Palmenhaus mit seinen Seitenflügeln gleicht in seiner technischen Ausführung dem Pariser Eifelturm, erbaut zwischen den Jahren 1887 und 1889 und der Loschwitzer Brücke, bekannt als "Blaues Wunder" in Dresden, welche zwischen 1891 und 1893 errichtet wurde und ist damit sogar älter. Bauzeitlich sind doppelverglaste Fenster verwendet worden, eine Technik, die ihrer Zeit weit voraus war.

Darüber hinaus legen die Gewächshäuser mit ihrer künstlerischen Form Zeugnis über baukünstlerische Vorstellungen in der Gewächshausarchitektur zur Mitte der 1880er Jahre ab. Sie sind Anschauungsobjekt und Primärquelle als letztes erhaltenes Dokument dieser Baugattung in unserer Region. Im Vergleich zu zeitgenössischen Gewächshäusern fand in Greifswald eine äußerst sachliche Architektursprache Anwendung. Die auf ihre Funktion reduzierte Gestaltung verzichtet gänzlich auf die im ausgehenden 19. Jahrhundert verbreiteten Zierelemente. Dieses Vorgehen ist sehr ungewöhnlich sowie modernistisch und steht in einem starken Kontrast etwa zu den im Jugendstil gehaltenen Palmenhäusern in Wien-Schönbrunn (1881/1882) oder etwa dem Wintertuin im Park des Schlosses Laken in Brüssel (1874 - 1895). Im Greifswalder Bauwerk kündigt sich bereits durch die Wahl sachlicher Gestaltungsmittel eine Hinwendung zur funktionalistischen Architektur an. Deutlich wird ein besonderer ästhetischer Gestaltungswille, der vom Zweck des Gebäudes bestimmt wird und dem die hohe künstlerische Qualität des Bauwerks Rechnung trägt.

Man kann also abschließend feststellen, dass die Greifswalder Gewächshäuser nicht nur für die Geschichte der Universität bedeutend sind und ein wichtiges Kapitel der Geschichte der Stadt bezeugen, sondern auch einen Auftakt für das moderne und funktionale Bauen in Mecklenburg-Vorpommern und darüber hinaus bilden. Es bleibt zu hoffen, dass der engagierte Einsatz der Mitarbeiter und Freunde des botanischen Gartens Früchte trägt und eine Rettung gelingen wird.

Ulrike Köh

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