Das versteckte Denkmal - eine Neuentdeckung in Meiersberg

Denkmal des Monats Oktober 2015

Meiersberg, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Dorfstraße 19, Fassade vor der Abnahme der Verkleidungen.jpgDetails anzeigen
Meiersberg, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Dorfstraße 19, Fassade vor der Abnahme der Verkleidungen.jpg

Abb. 1. Meiersberg, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Dorfstraße 19, Fassade vor der Abnahme der Verkleidungen

Abb. 1. Meiersberg, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Dorfstraße 19, Fassade vor der Abnahme der Verkleidungen

Auch für die Baudenkmalpfleger gibt es noch manche Entdeckung zu machen, die vielleicht nicht so spektakulär wie die der Archäologen sind, die erst jüngst die Reste einer slawischen Kulthalle am Kap Arkona entdeckt haben, aber sie sind genauso spannend.

Bei Renovierungsarbeiten an ihrem neuerworbenen Haus Dorfstraße 19 in Meiersberg (Landkreis Vorpommern-Greifswald) legte die Eigentümerin ein Kolonistenhaus aus der Mitte des 18. Jahrhunderts frei. Das Fachwerkgebäude gehört zu den wenigen erhaltenen Gebäuden aus der Entstehungszeit des Ortes.

Im Zuge der preußischen Binnenkolonisation unter König Friedrich II., dem Großen, wurden neue Flächen urbar gemacht und dort Kolonisten angesetzt, die in der Regel aus dem nicht preußischen Ausland kamen. Die Keimzelle von Meiersberg war eine Glashütte, die bereits bestand. Nach der Genehmigung durch die preußische Regierung wurde 1749 rund um diese Glashütte eine Arbeitersiedlung angelegt, die nach dem Oberförster Meyer aus Torgelow Meyersberg genannt wurde. Er hatte die Errichtung dieser Siedlung angeregt. Zeitgleich entstand das unmittelbar anschließende Kolonistendorf Schlabrendorf, benannt nach dem Präsidenten der pommerschen Krieg- und Domänenkammer, Ernst Wilhelm von Schlabrendorf. Hier wurden überwiegend Bauernstellen eingerichtet. Der großzügigere Zuschnitt der Grundstücke mit den größeren Abständen der Bebauung ist trotz der neueren Bebauung noch im Dorfbild ablesbar. Die getrennten Dörfer Schlabrendorf und Meyersberg wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu dem heutigen Meiersberg zusammengelegt.* Das Haus Dorfstraße 19 gehört zu dem "bäuerlichen" Teil, war also Teil des Kolonistendorfes Schlabrendorf.

Unter den verschiedenen Hausverkleidungen kam wieder das ursprüngliche Fachwerkgebäude zum Vorschein (Abb. 1). Die Abbildungen zeigen, wie das Haus Schicht für Schicht freigelegt wurde: Unter Riemchenplatten, Mineralwolldämmung, Putz, Holzwolleleichtbauplatten, sogenannten Sauerkrautplatten, kam das originale Fachwerk zum Vorschein (Abb. 2-5).

Zwar war anhand der Kubatur schon deutlich, dass es sich um eines der typisierten Wohnhäuser aus der Zeit der preußischen Binnenkolonisation handeln könnte, sichtbar wurde es aber erst nach der Freilegung. Der eingeschossige, ursprünglich fachwerksichtige Bau mit seinem traufständigen Reetdach entspricht den Typenbauten des 18. Jahrhunderts.

Im Inneren gab es zwar Veränderungen, aber die für ein Kolonistenhaus typische Raumstruktur, bestehend aus einem Mittelflur mit schwarzer Küche sowie jeweils links und rechts angeordneter Stube und Kammer, ist noch ablesbar (Abb. 6). An der Stelle des ursprünglichen straßenseitigen Eingangs befindet sich heute ein Fenster. Die Fensteröffnungen wurden vergrößert und leider ist bis auf zwei Türhespen nichts von den originalen Innentüren erhalten geblieben (Abb. 7).

Eher selten bei den bisher bekannten Kolonistenhäusern der Region, wie beispielsweise dem Blockhaus Vollendorf in Eichhof, ist der hier anzutreffende unverbaute Dachraum mit der Lehmglocke (Abb. 8). Die Eigentümerin möchte den Zustand auch so belassen, von dem Schornsteinfeger gibt es keine Einwände – von den Denkmalpflegern sowieso nicht! So lassen sich moderne Wohnanforderungen mit historischer Bausubstanz kombinieren.

Durch dendrochronoligische Untersuchungen konnte das Kolonistenhaus auf 1748(d) datiert werden. Es wurde aber auch ersichtlich, dass es 94 Jahre später, 1842(d), um eine Kammerachse an der Ostseite verlängert wurde (Abb. 9-10). Auch im Dachraum ist diese Erweiterung ablesbar. Das Satteldach ist als Sparrendach mit doppelt stehendem Stuhl errichtet. Im Erweiterungsteil fehlt die Stuhlkonstruktion. Die bauhistorischen Untersuchungen haben außerdem ergeben, dass das Haus ursprünglich ein Krüppelwalmdach besaß, das erst im 19. Jahrhundert in ein Satteldach umgewandelt wurde. Krüppelwalmdächer sind für die Bauten des 18. Jahrhunderts, gerade im ländlichen Bereich, sehr ungewöhnlich. Warum dieses Haus ein solches Dach besaß, ist bisher unklar. Weitere hauskundliche Forschungen sind nötig, um diese Frage beantworten zu können.

Nach der Freilegung kam eines der letzten Häuser aus der Gründungszeit des Ortes Schlabrendorf/Meiersberg zum Vorschein, das den Brand Ende des 19. Jahrhunderts überstanden hat – ein wichtiges geschichtliches Zeugnis für den Ort aber auch für die Region, in der viele Dörfer erst durch die preußische Kolonisation entstanden.

Das Haus in der Dorfstraße 19 zeigt zudem nicht nur verschiedene "Bekleidungsmoden", sondern es offenbart auch, was passiert, wenn man einem Fachwerkgebäude die Luft zum Atmen nimmt. Nachdem in den letzten Wochen die Schäden aufgenommen und die Schadensursachen analysiert wurden, gilt es nun, das Haus vor dem nächsten Winter zu schützen und zeitgleich ein Sanierungskonzept für die denkmalverträgliche, nachhaltige Reparatur der Schäden zu entwickeln, das gleichzeitig das Denkmal erlebbar bleiben lässt und den heutigen Anforderungen hinsichtlich Wohnkomfort, Wärmeschutz und Energieeffizienz gerecht wird. Nur dann kann das Fachwerkhaus seine Wiederentdeckung lange überleben.

Elke Onnen und Jens Putz


Anmerkung

* Chalupecký, Jan; Die Architektur der Kolonistensiedlungen in Altvorpommern im 18. Jahrhundert. Teil II Katalog, S. 24 (unveröffentlichte Diplomarbeit, TU Berlin, Fachgebiet Baugeschichte und Stadtbaugeschichte, 2004).

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