Die Kreideverladebrücke in Wiek auf Rügen

Denkmal des Monats November 2015

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Abb. 1. Wiek, Lkr. Vorpommern-Rügen, Kreideverladebrücke, Gesamtansicht von Süden, 2015

Abb. 1. Wiek, Lkr. Vorpommern-Rügen, Kreideverladebrücke, Gesamtansicht von Süden, 2015

Die Kreideverladebrücke im Hafen von Wiek, die in den Anfangsjahren des Ersten Weltkriegs entstand, stellt ein einzigartiges technikgeschichtliches Denkmal dar, welches nationale Bedeutung besitzt (Abb. 1).

Kreide war für die Bauwirtschaft ein wichtiger Rohstoff, insbesondere zur Herstellung von Branntkalk, der wiederum Anwendung bei der industriellen Fertigung von Kalksandsteinen oder auch Zementklinkern fand.

So ist es nicht verwunderlich, dass die Errichtung der Brücke in Wiek durch die Portland-Cement-Fabrik in Stettin initiiert worden ist. Sie wollte von dem seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts in Planung befindlichen Kreideabbau aus Brüchen in der Nähe von Arkona profitieren und ihren durch die industrielle Entwicklung gestiegenen Rohstoffbedarf auf diese Weise decken. Da die Stettiner aus dem neu zu erschließenden Abbaugebiet hohe Gewinne erwarteten, investierten sie in die Verbesserung der Infrastruktur für den Transport und die Verschiffung der Kreide von Wiek nach Stettin, wozu auch der Bau der Verladebrücke zählte.

Die in Stahl- bzw. Eisenbeton errichtete Brücke ist circa 130 Meter lang, ruht auf regelmäßig angeordneten Pfeilern und steigt in der Höhe leicht aber stetig bis zu der markanten Bogenkonstruktion an, die für das Anlegen und Durchfahren von Transportschiffen ausgelegt war und den eigentlichen Verladebereich für die Kreide von der Schiene auf das Wasser darstellte. Bis etwa 1940 stand auf dem Brückenkopf ein Maschinenhäuschen, das dem Antrieb der Loren diente. Vier Schüttöffnungen in der Decke der Bogenkonstruktion ermöglichten die Entladung der Kipploren direkt auf das unten liegende Transportschiff, so dass die Brücke gleichwohl als Schüttrampe bezeichnet werden kann.

Infolge des Ersten Weltkriegs änderten sich die ökonomischen Gegebenheiten. Der geplante Kreideabbau bei Arkona kam nicht zustande, die Verladebrücke blieb ohne Funktion und stand somit fast 100 Jahre als Investruine (Abb. 2).

Um das Jahr 2000 verlor die Verladebrücke im Zuge des Hafenausbaus als Segler- und Ausflugshafen leider ihren direkten Wasserbezug (Abb. 3). Jedoch eröffnete sich für sie knapp zehn Jahre später endlich eine Erhaltungsperspektive, da es der Gemeinde gelungen war, Fördermittel beim Wirtschaftsministerium des Landes M-V für die Sanierung und Umnutzung der Brücke als schwebende Promenade zu akquirieren.

100 Jahre als Investruine hatten der Brücke stark zugesetzt. An allen Bauteilen waren umfangreiche Schäden festzustellen, wobei bei einigen Bauteilen auch die Standsicherheit stark beeinträchtigt war.

Trotz der erheblichen Schäden ist es aufgrund der denkmalpflegerisch geforderten und entsprechend durchgeführten äußerst akribischen Auseinandersetzung mit der Bausubstanz und Baukonstruktion gelungen, die wesentlichen Teile, insbesondere die Pfeiler- und die Bogenkonstruktion im Bestand zu sichern und denkmalgerecht zu sanieren. Demgegenüber war der Überbau der Brücke so desolat, dass dieser materialgerecht wieder in Stahlbeton ersetzt werden musste (Abb. 4-5).

Eine Reminiszenz an die ehemals vorhandene Lorenbahn ist die Breite der heutigen Lauffläche der schwebenden Promenade, die die Breite des ehemaligen Lorenbahnbereichs aufnimmt und durch ein schlichtes Geländer eingefasst wird, das gemäß heutigen Anforderungen als Absturzsicherung notwendig ist.

Die ehemalige Verladebrücke ist aufgrund ihrer Lage und ortsbildprägenden Wirkung nun ein äußerst attraktiver und darüber hinaus geschichtsträchtiger Bestandteil des Segler- und Ausflughafens in Wiek. Ihr gelungener Erhalt ist besonders dem großen Engagement der Gemeinde Wiek, die dieses Ziel unbeirrt verfolgte, und dem planenden und ausführenden Büro zu verdanken, dass sich der Herausforderung des größtmöglichen Erhalts der Denkmalsubstanz stellte und diese meisterte.

Eine Aufwertung und Verbesserung des Hafenareals stellt die in schlichter Glaskonstruktion ausgeführte, bündig in den Verladebogen eingestellte Rezeption des Hafenmeisters dar, die bisher in einem unterhalb der Brücke stehenden, nicht unbedingt schön anzusehenden Container untergebracht war (Abb. 6).

Komplettiert wird der Hafen durch eine Wassertankstelle, deren Zapfsäule und zwei Tanks unterhalb der letzten beiden seeseitigen Segmente der Brücke angeordnet sind. Sicher trägt die Tankstelle nicht zur optischen Aufwertung der Brücke bei, jedoch stellt sie für das technikgeschichtliche Denkmal auch keine erhebliche Beeinträchtigung des Erscheinungsbilds dar (Abb. 7).

Nach 100 Jahren konnte die Brücke somit erstmals einer sinnvollen Nutzung zugeführt werden. Zugleich stellt der gelungene Erhalt der Brücke einen wichtigen kulturhistorischen Beitrag dar, da die Brücke trotz ihrer Geschichte ein wichtiges Zeugnis der Rügener Kreideindustrie ist. Darüber hinaus ist sie das Wahrzeichen von Wiek und eines der frühesten Stahlbetonbauwerke, das es unbedingt zu erhalten galt.

Annette Krug

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