Leuchtendes Betonglas und die "Kirche im Sozialismus". Das Gemeindezentrum in Stralsund Knieper West von Christof Grüger und Ulrich Müther, 1975-1977

Denkmal des Monats März 2016

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Abb. 1. Hansestadt Stralsund, Gemeindezentrum Knieper West, Kirch- und Gemeindesaal, Detail im nördlichen Glasfenster

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Abb. 1. Hansestadt Stralsund, Gemeindezentrum Knieper West, Kirch- und Gemeindesaal, Detail im nördlichen Glasfenster

In den Jahren 1975-1977 errichtete die Kirchengemeinde St. Nikolai im Stralsunder Stadtteil Knieper West ein winkelförmig angeordnetes Gemeindezentrum, bestehend aus einem Saal für Gottesdienste und Veranstaltungen samt freistehendem Glockenstuhl, einer Sakristei, Bibliotheks- und Nebenräumen sowie zwei Wohnungen. Der Stadtteil war zu dieser Zeit ein Neubaugebiet, in dem 10.000 Menschen lebten und das gemäß der Planungen auf insgesamt 25.000 Menschen anwachsen sollte. Die staatlichen Baubehörden genehmigten das für ein sozialistisches Wohngebiet höchst ungewöhnliche Vorhaben auf einem Grundstück abseits des Kernbereichs. In dem seit 1964 im Aufbau befindlichen Neubaugebiet lebten schon bald mehr Menschen als in der Stralsunder Altstadt, deren Wohnungsbestand so stark vernachlässigt worden war, dass viele Häuser unbewohnbar waren. In der Folge lagen die großen Kirchen der Hansestadt weit entfernt von der Mehrzahl der Bevölkerung, insbesondere von den sich in den Neubauvierteln ansiedelnden jungen Familien

Kirche mit staatlichem Segen

Dass der Neubau eines kirchlichen Gemeindezentrums unter ausdrücklicher Genehmigung höchster staatlicher Behörden und unter Einordnung in den offiziellen Wirtschafsplan innerhalb eines sozialistischen Wohngebiets realisiert werden konnte, zählte zu einer neuen Entwicklungsstufe in der Bau- und Kirchengeschichte der DDR. Erich Honecker (1912-1994) rückte nach der Demission Walter Ulbrichts (1893-1973) und der Übernahme des Amtes des Ersten Sekretärs des Zentralkomitees der SED im Jahr 1971 nicht nur ein ambitioniertes staatliches Wohnungsbauprogramm in den Mittelpunkt staatlichen Handelns, das die Errichtung von 800.000 Wohnungen innerhalb eines Jahrzehntes vorsah. Auch das Verhältnis zwischen Staat und Kirche sollte verändert werden, indem der kurz zuvor gegründete "Bund der evangelischen Kirchen in der Deutschen Demokratischen Republik" (BEK) etappenweise als Verhandlungspartner akzeptiert wurde, um mit Partei und Staat die Bedingungen der "Kirche im Sozialismus" zu organisieren.

Ein Ergebnis der schrittweise vollzogenen Annäherung zwischen Staat und Kirche war das "Sonderbauprogramm" für kirchliche Vorhaben. Es stellte den rechtlichen und finanziellen Rahmen für den Bau des Stralsunder Gemeindezentrums bereit und markierte die politischen Bedingungen für das Bauvorhaben. 1972 genehmigte der Ministerrat der DDR das erste landesweite Sonderbauprogramm für die Jahre 1973 bis 1975. Insgesamt waren damit die Genehmigungen für Baumaßnahmen an 45 kirchlichen Bauten erteilt. Die Finanzierung der Maßnahmen gewährleisteten die in der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) zusammengeschlossenen Landeskirchen der Bundesrepublik Deutschland.

Das Sonderbauprogramm - Hilfe aus dem Westen

Das Sonderbauprogramm bestand zum größten Teil aus Erhaltungs-, Sanierungs- und Umbaumaßnahmen für historische Kirchenbauten. Auch Rekonstruktionsvorhaben, Anbauten und kleinere Neubauten gehörten dazu. Lediglich ein Neubauvorhaben für ein Gemeindezentrum, nämlich dasjenige in Stralsund, war unter den Projekten. Es dokumentiert somit den Ausgangspunkt für einen bis dahin nicht bekannten Pragmatismus des Staates im Umgang mit der Kirche.

Als das Stralsunder Gemeindezentrum im Oktober 1977 durch den Bischof der Evangelischen Landeskirche Greifswald, Horst Gienke (*1930), eingeweiht wurde, waren nicht nur kirchliche Ehrengäste wie ein Bischof aus Schweden zugegen. Auch Vertreter des Rates des Bezirks Rostock und des Rates der Stadt Stralsund zählten zu den Gästen. Allerdings fehlte bei der Feierlichkeit ein Vertreter derjenigen Institution, die das Bauvorhaben finanziell ermöglicht hatte, der westdeutschen EKD. So weit war die Normalisierung der Kirchenpolitik in der späten DDR denn doch nicht vorangeschritten.

Der Umgang zwischen Staat und Kirche war unter E. Honecker zwar pragmatischer geworden, doch nach wie vor war die bauliche Praxis von umfangreichen Restriktionen geprägt. Die Errichtung eines Kirchenbaus stand in Widerspruch sowohl zu allen üblichen staatlich gelenkten Planungsmechanismen als auch zu der auf serielle Produktion ausgerichteten Bauindustrie. Freie Architekten waren ebenso wenig zu beauftragen wie private Baufirmen.

Kreativität und Restriktionen

Unter diesen Bedingungen versammelte sich unter der Leitung des Kirchenbaurats des Konsistoriums der Evangelischen Landeskirche Greifswald, Gunther Kirmis (*1938), eine Gruppe von Mitwirkenden verschiedener Aufgabenbereiche. Der VEB Spezialbeton Rügen, geführt von dem Ingenieur Ulrich Müther (1934-2007) und unterstützt von dem Architekten Dietrich Otto, war insbesondere für den Entwurf und die Realisierung der doppelt gekrümmten Hyparschalen des Kirch- und Gemeinderaums zuständig. Der Glockenturm entstand nach Plänen des erfahrenen Architekten Herbert Henke (1910-1987), der nach seinem altersbedingtem Ausscheiden aus dem VEB Industrieprojektierung für das Konsistorium arbeitete. Die Außenanlagen des Gemeindezentrums entwarf der beim VEB Stadtwirtschaft Stralsund angestellte Landschaftsarchitekt Ludwig Trauzettel (*1951). Für den Altar und das Lesepult, gestaltet aus stählernen Kastenprofilen in Verbindung mit Holz, war seine damalige Frau, Gudrun Trauzettel, verantwortlich, für die Textilbilder an Altar und Wänden die Stralsunder Kunsthandwerkerin Jorinde Gustavs (*1941). Das in Beton gesetzte farbige Lichtband des Kirchenraums schließlich wurde nach Entwurf des Schönebecker Glaskünstlers Christof Grüger (1926-2014) von den Glaswerkstätten Franz Lehmann aus Berlin-Weißensee gefertigt.

Gestalterische Qualität entfaltet innerhalb des Komplexes vor allem die auf die Entwurfsarbeit von Ulrich Müther und Christof Grüger zurückgehende Innenraumgestaltung des Saales. Der von außen als schlichter Kubus in Erscheinung tretende Baukörper erhält durch ein umlaufendes oberes Lichtband und zwei vertikale Einschnitte eine Ausleuchtung von unterschiedlicher Intensität. Durch farbige Betonglasmalereien, zusammengesetzt aus quadratischen Elementen, fällt Licht in den Raum. Mittels vertikaler Einschnitte wird eine Art Altarraum in dem Zentralraum angezeigt. Die beiden ansteigenden, doppelt gekrümmten und auf einer einzelnen Stütze ruhenden Hyparflächen der Decke verleihen dem Raum zudem eine leichte Atmosphäre. In Zusammenklang mit dem farbigen Licht verschiedener Intensität entwickelt der Saal, der ebenfalls für die Nutzung von Veranstaltungen der Gemeinde geeignet ist, eine sakrale Wirkung.

Trotz seiner multifunktionalen Eigenschaften strahlt der Saal eine eindeutig sakrale Atmosphäre aus. Neben der zum Altar hin aufsteigenden Decke, die dem Raum eine besondere Leichtigkeit vermittelt, sind es vor allem die vielfarbigen Verglasungen des oberen horizontalen Lichtbandes und der vertikalen Einschnitte, die dem Raum eine sowohl heitere als auch ernste Feierlichkeit verleihen. Das von oben einfallende Licht erfüllt den Raum mit kräftigen Farben – und zwar in einem zunehmenden Maße von hinten nach vorne. Während im hinteren Bereich der Anteil der Glaselemente mit helleren Farben bis hin zum Weiß vorherrscht, nimmt die Farbintensität der Fenster in Richtung des Altares immer weiter zu. Sehr kräftige Farben erheben sich in den vertikalen Einschnitten und setzen einen zwischenzeitlichen Akzent, bevor die Vielfalt der Farben und insbesondere deren Leuchtkraft über dem Standort des Altares den Höhepunkt erreicht. Zwischen orange- und tief rotfarbenen Glasstücken ist eine Vielzahl von weißen Elementen angeordnet, die wie Glanzpunkte hervorleuchten. Erreicht wird der funkelnde Eindruck neben der Setzung der Kontraste vor allem durch teilweise runde Formate und das plastische Hervorstehen einzelner ungewöhnlich dicker Glaselemente.

Das glutende Leuchten – farbiges Betonglas von Christof Grüger

Die hier eingesetzten farbigen Fenster sind in der so genannten Dickglas- oder Betonglastechnik hergestellt. Es handelt sich um eine sehr junge Art der Glasmalerei, die erstmals 1951 von Fernand Lèger in der Kirche Sacre-Coeur in der französischen Stadt Audincourt zum Einsatz gebracht wurde und die sowohl hinsichtlich der eingesetzten Materialien Beton und Glas als auch bezüglich ihrer Gestaltungsmöglichkeiten und -absichten ein Kind der Nachkriegsmoderne ist. Dabei kommen anders als bei der herkömmlichen Glasmalerei nicht farbige Scheiben, sondern Brocken aus durchgefärbtem Glas zum Einsatz. Ihre Stärke variiert in der Regel zwischen 2 bis 3 Zentimetern. Sie ragen in einzelnen Fällen aber auch plastisch stark hervor. Die farbigen Glasstücke sind in einem Betongerippe verlegt, das anstelle des herkömmlichen Bleinetzes die Einfassung bildet. Die Betonrippen bestimmen in einem hohen Maße die Erscheinung des Werkes, so dass die einzelnen farbigen Flächen eher zeichenhaft wahrgenommen werden. Zwangsläufig treten Farbe, Form und Rhythmus in den Vordergrund der Darstellung. Im engeren Sinne figurativ aufgefasste Motive sind durch das Material und die Technik nicht zu erlangen.

Die Betonglasarbeit in Stralsund entwarf der in seiner Schaffenszeit in Schönebeck an der Elbe lebende Glaskünstler Christof Grüger. Er gehörte zu den wenigen Künstlern in der DDR, die die Anregungen der in Frankreich entstandenen abstrakten Glaskunst aufnahmen und seit dem Ende der 1950er Jahre eigenständig weiterentwickelten. Auch in westdeutschen Kirchen sind seine Entwürfe in die Praxis umgesetzt worden. Was als ein Resultat in der ersten großen Ausstellung zur Glasgestaltung in der DDR 1988 hervorgehoben wurde, trifft im Besonderen auf die Arbeiten Grügers zu. Sie hätten die französischen Leistungen zwar nicht übertroffen, "aber die raumabschließende, sehr massive Wirkung und das glutende Leuchten der Betonglaswände habe […] vielen Räumen eine besondere Atmosphäre verliehen".

Christof Grüger interpretierte sein Werk für Stralsund als Darstellung eines Dualismus von irdischer und geistiger Welt. Die zwischen hellen Farben kräftig hervortretenden Betonadern im hinteren Bereich des Raumes weckten, so C. Grüger, "Assoziationen zu weit geschwungenen Buchten, Wolken, Schiffsprofilen und Netzen". Im vorderen Bereich hingegen verdichteten sich Farben und Strukturen: "Verstrickung löst sich im oberen Eckbereich zur Erlösung im leuchtenden Rot, in das Lichtarme hineinragen, ausgehend von der Fülle der Mitte, die den gekreuzigten Herrn krönt."

Diese für den Betrachter nachvollziehbare Deutung steht in unmittelbarem Zusammenhang mit Grügers kompositorischer Vorgehensweise. Durch eine sukzessive, sich über mehrere Kompartimente erstreckende Darstellung bringt er die besonderen Eigenarten des eingesetzten Materials zum Einsatz. Die durch das Material und seine Verarbeitung vorgegebenen Einschränkungen sind in der Darstellung berücksichtigt und ins Positive gewendet. Assoziationen an geschwungene Buchten, Schiffsprofile und Netze erreicht er dadurch, dass er in den Seitenfenstern über mehrere Kompartimente hinweg die geschwungenen Betonrippen als Konturen nutzt. Die in den hinteren Bereichen vorherrschende weiße oder sehr helle Farbverglasung bewirkt, dass die Rippen vorrangig als graphische Elemente in Erscheinung treten. Im vorderen Bereich hingegen tritt durch den verstärkten Einsatz von Glasstücken intensiver Farbigkeit das graphische Moment in den Hintergrund. Ein Leuchten kommt hervor, das vom Betrachter nicht mehr mit der Gegenständlichkeit der realen Welt in Verbindung gebracht werden kann. Besonders die kräftigen Rot-Töne lassen an jenseitige Erscheinungen und eine namenlose Pracht denken, die die irdischen Bedingungen und Beschränkungen scheinbar hinter sich gelassen haben.

Resümee

Dass ein kirchliches Gemeindezentrum mit staatlicher Genehmigung und Einbindung in den Wirtschaftsplan in einem sozialistischen Neubaugebiet errichtet werden konnte, stellte eine Neuerung in der Geschichte der DDR dar. Unter E. Honecker wurde der Versuch unternommen, den inneren Widerspruch einer "Kirche im Sozialismus" aufzulösen - und dies unter anderem mittels eines aus dem Westen Deutschlands finanzierten Sonderbauprogramms. Trotz oder wegen dieser antagonistischen Grundbedingungen ist in Stralsund am Rande des sozialistischen Wohngebiets Knieper West ein vielschichtiges Kunstwerk mit leuchtendem Betonglas zu bestaunen.

Dr. Jörg Kirchner


Literatur

Jörg Kirchner, Das Sonderbauprogramm in der DDR und die "Kirche im Sozialismus". Das Gemeindezentrum in Stralsund Knieper West, 1975-1977, in: KulturERBE in Mecklenburg und Vorpommern, Bd. 4, Jg. 2008, S. 23-34.

Denkmal des Monats März 2016

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