Das Haus Karusel in Vitte, ein Sommerhaus von Max Taut auf Hiddensee

Denkmal des Monats Dezember 2016

Abb. 1. Vitte, Lkr. Vorpommern-Rügen, Zum Seglerhafen 7, Haus "Karusel", Südseite, 2015. Details anzeigen

Abb. 1. Vitte, Lkr. Vorpommern-Rügen, Zum Seglerhafen 7, Haus "Karusel", Südseite, 2015.

Abb. 1. Vitte, Lkr. Vorpommern-Rügen, Zum Seglerhafen 7, Haus "Karusel", Südseite, 2015.

Abb. 1. Vitte, Lkr. Vorpommern-Rügen, Zum Seglerhafen 7, Haus "Karusel", Südseite, 2015.

Um 1900 entdeckten vorwiegend Künstler und Intellektuelle aus Berlin die Insel Hiddensee als Urlaubsort. Die unberührte Natur und das Inselmilieu dürften eine besondere Faszination auf die Großstädter ausgeübt haben. Demgegenüber wird deren meist freigeistiger Lebensstil in einem seltsamen Kontrast zur einheimischen Lebensweise gestanden haben. Zumindest lassen einige auf der Insel existierende Sommerhäuser diesen Schluss zu, da sie häufig wie Exoten anmuten. Entworfen und gebaut wurden sie von Architekten wie Alfred Grenander oder Max Taut, die die Entwicklung der modernen Architektur in der Weimarer Zeit maßgeblich mit prägten.

Zu diesen Sommerhäusern gehört das so genannte Haus Karusel in Vitte, das im Auftrag des Berliners Richard Müller von Max Taut entworfen und auf einer schmalen Landzunge am nördlichen Ortsrand von Vitte 1922/23 erbaut wurde (Abb. 1).

Über einen rautenförmigen Grundriss, dessen Ecken an der Nordost- und Südwestseite gerundet sind, erhebt sich ein niedriges, verputztes Erdgeschoss, das durch ein hohes Zeltdach mit Biberschwanzkronendeckung abgeschlossen ist. Der Dachfirst zieht sich wie ein Rückgrad von der Nordwest- zur Südostecke. Die Linienführung wird durch die sich anschließenden und nach hinten verjüngenden Windflüchtermauern aufgenommen und fortgeführt. Das Dach wird über Fledermausgauben unterschiedlicher Größe und einen Balkoneinschnitt belichtet (Abb. 2).

Die Fassade des Erdgeschosses ist über weite Bereiche geschlossen und wird außer an der Südseite, wo westlich der Veranda die Nebenräume liegen, nur zu den Ecken hin und im Bereich der Rundungen durch Tür- und Fensteröffnungen gegliedert.

Einer durchdachten Lichtführung folgt die Belichtung der Innenräume. Der hellste Raum ist die Veranda, die mit Ausnahme des kubistisch anmutenden Eckpfeilers gänzlich durchfenstert ist. Die Fenster der Wohn- und Schlafräume sind zentriert, jedoch so angeordnet, dass die Zimmer immer von zwei Seiten belichtet werden, was für eine ausgewogene, natürliche Innenraumbelichtung sorgt (Abb. 3).

Trotz der ungewöhnlichen Grund- und Aufrissform ist die Raumstruktur funktional und logisch angelegt (Abb. 4). Der Hauptzugang erfolgt von Süden über die Veranda.Von hier aus werden das westlich benachbarte Treppenhaus und das nördlich liegende Wohnzimmer durch offene Durchgänge erschlossen. Auf Veranda und Treppenhaus folgen nach Westen die Funktionsräume: Ein kleines WC und die Küche mit Abstellraum. Nördlich der Küche liegt das Esszimmer, das wiederum durch einen offenen Durchgang mit dem Wohnzimmer verbunden ist (Abb. 5-6). Das Dachgeschoss birgt die Schlafräume: Das Hauptschlafzimmer mit Balkon sowie zwei Kinder- bzw. Gästezimmer.

Ein wichtiger Bestandteil der Entwurfstätigkeit Tauts war die Farbe, und so erstaunt es nicht, dass die restauratorische Untersuchung des Gebäudes zahlreiche Farbbefunde zu Tage förderte. Aus diesen ließ sich die ursprüngliche Farbgestaltung gut ableiten, die im Folgenden kurz angerissen werden soll: Den weißen Fondton der Gebäudehülle akzentuierte Taut durch die Farben Blau, Grün und Rot. Diese Farben finden sich nuanciert und ergänzt durch die Farbe (Ocker-)Gelb in verschiedenen Kombinationen im Gebäudeinneren wieder, wo es ihm gelang, äußerst farbintensive und dennoch behagliche Raumeindrücke zu erzeugen (Abb. 6-7).

Mit dem Sommerhaus schuf Max Taut eine spannungsvolle, expressionistische Erlebnisarchitektur mit kubistisch anmutenden Anklängen. Auf den ersten Blick erscheint das Gebäude als ein bewusster Gegensatz zur ländlichen Idylle der Insel Hiddensee. Bei genauer Betrachtung wird deutlich, wie sehr Taut bei seinem Entwurf das Umfeld einbezog. Maßgeblich waren die Lage am Wasser, die organische Einbindung in die umgebende Kulturlandschaft und nicht zuletzt die Zweckdienlichkeit als Sommerhaus.

Die Gebäudeproportion ähnelt den inseltypischen Wohnhäusern, die ebenfalls von hohen Dächern geprägt sind und aus der Ferne aussehen, als würden sie sich in die Landschaft schmiegen. Außerdem finden sich am Gebäude Zitate der benachbarten See und dem daraus resultierenden Erwerbsleben der Inselbewohner, so in der Dachlandschaft, wo insbesondere die kleinen, asymmetrisch ausgebildeten Dreiecksgauben den Eindruck von Wellen vermitteln (Abb. 8). Darüber hinaus wirken der Dachfirst und die Windflüchtermauern aus der Vogelperspektive wie die abstrahierte Form des Kiels eines umgedrehten Bootes. Dieser Eindruck wird durch die einander gegenüberliegenden gerundeten Ecken des Gebäudegrundrisses verstärkt. Die Farben Blau, Grün und Rot der Gebäudehülle finden sich je nach Jahreszeit im direkten Umfeld des Sommerhauses wieder und treten mit ihm in eine harmonische Wechselbeziehung (Abb. 2).

Das Innere beeindruckt durch eine geschickte Verbindung von Individualität, Ästhetik und Funktionalität. Die für ein Sommerhaus charakteristischen licht und offen gestalteten Wohnräume sowie die geschlossener angelegten Funktionsräume sind klar zoniert im Erdgeschoss angeordnet, wobei die lichtdurchflutete Veranda als Übergangszone zwischen dem Außen- und Innenbereich und außerdem den Wohn- und Funktionsräumen dient. Im geschützter gelegenen Dachgeschoss ordnete Taut die privaten Rückzugsräume an.

Bei dem so genannten Haus Karusel gelang es Taut, zeitgenössische Ansprüche an ein Sommerhaus, moderne Form- und Farbgebung sowie in abstrahierter Form Elemente der Kulturlandschaft der Insel meisterhaft zu vereinen. Er schuf eine für sich stehende, der Bauaufgabe Sommerhaus angemessene und baukünstlerisch herausragende Erlebnisarchitektur.

Es ist nachvollziehbar, dass das Haus das Interesse der dänischen Schauspielerin Asta Nielsen weckte, die es 1929 erwarb und es wegen der ungewöhnlichen Form Karusel nannte. Während und nach dem zweiten Weltkrieg diente das Gebäude Kriegsflüchtlingen und bis 2010 verschiedenen Mietern als Wohnung. Seit 1989 ist das Haus im Eigentum der Gemeinde Hiddensee, die es von den Erben Asta Nielsens kaufte.

Infolge der Nutzung für ständiges Wohnen hatten seit den 1940er Jahren sukzessiv Veränderungen am und im Gebäude stattgefunden. Trotz der Eingriffe war die bauzeitliche Struktur des Hauses noch so gut überliefert, dass die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands als denkmalpflegerische Zielstellung gerechtfertigt und zu befürworten war.

Die Rückbaumaßnahmen beschränkten sich hauptsächlich auf die Wiederherstellung ursprünglicher Fenster- und Türöffnungsgrößen, das Zusetzen einer nachträglich eingebrachten Fensteröffnung und die Wiederherstellung der offenen Durchgänge im Wohnbereich (Abb. 9).

Der bauliche Zustand war zufriedenstellend. Die größten Schäden wies die Balkonkonstruktion auf, die größere Eingriffe insbesondere in die darunterliegende Deckenkonstruktion und deren zusätzliche statische Ertüchtigung zur Folge hatten (Abb. 10). Bauzeitlich erhaltene baufeste Ausstattung wie die Fußbodenbeläge, Innentüren sowie die Fenster der Dreiecksgauben und die Balkontür konnten erhalten und aufgearbeitet werden. Nicht mehr bauzeitlich überlieferte Fenster und Türen wurden auf der Grundlage historischer Fotografien rekonstruiert. Im Zuge der Restaurierung ist die bauzeitliche Farbgestaltung wieder hergestellt worden, wobei archäologische Fenster belassen wurden, die einen authentischen Eindruck der freigelegten, bauzeitlichen Befunde vermitteln.

Weitere Rekonstruktionen betrafen die Windflüchtermauern, den Schornsteinkopf sowie das Nebengebäude.

Da das Sommerhaus für die öffentliche Nutzung vorgesehen ist, konnte auf Dämmmaßnahmen der Außenwände verzichtet werden. Das Gebäude erhielt eine niedrig temperierte Permanentheizung und außerdem Unterflurheizkörper mit Gebläse für die zusätzliche Erwärmung bei Veranstaltungen.

Mit finanzieller Unterstützung des Landes ist es gelungen, das Gebäude nach vierjährigem Leerstand 2014/15 vorbildlich denkmalgerecht zu sanieren, zu restaurieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Im Erdgeschoss ist eine Ausstellung eingerichtet, die Max Taut und Asta Nielsen als die zwei namhaften Personen würdigt, die eng mit dem Haus verbunden sind. Darüber hinaus dient es für kulturelle Veranstaltungen und als Ort für Trauungen. Ein hohes öffentliches Interesse und reger Besuch darf diesem Kleinod der Architektur sicher sein.

Annette Krug

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