Die „Alte Kirchenbude“ in Grimmen, eine ehemalige Sozialeinrichtung für Ledige und Witwen

Denkmal des Monats Januar 2017

Abb. 1. Grimmen, Lkr. Vorpommern-Rügen, Schulstraße 6, Kirchenbude, November 2016 (Foto: Rolf Kneißl, Glewitz).Details anzeigen
Abb. 1. Grimmen, Lkr. Vorpommern-Rügen, Schulstraße 6, Kirchenbude, November 2016 (Foto: Rolf Kneißl, Glewitz).

Abb. 1. Grimmen, Lkr. Vorpommern-Rügen, Schulstraße 6, Kirchenbude, November 2016

Abb. 1. Grimmen, Lkr. Vorpommern-Rügen, Schulstraße 6, Kirchenbude, November 2016

Seit Jahren ist das Schicksal der sog. „Alten Kirchenbude“, Schulstraße 6 in Grimmen ungewiss (Abb. 1-2). Es handelt sich um das Gebäude einer sozial-karitativen Einrichtung der Kirche, die auf eine wohltätige Stiftung aus dem 16. Jahrhundert zurückgeht. Das Gebäude steht westlich gegenüber der Marienkirche in der Umgebung des Pfarrhauses, dem ehemaligen Armenhaus (Schulstraße 5, heute Neubau) und dem spätmittelalterlichen Kalandhaus (Schulstraße 3). Das Haus ist ein eingeschossiger, giebelständiger Bau in der zeit- und regionaltypischen Fachwerkbauweise mit einem Satteldach in guter Handwerkerarchitektur und war an „hülfsbedürftige Einwohner für eine möglichst billige Heuer“ zu vergeben. Es diente später überwiegend der Versorgung von unverheirateten oder verwitweten Frauen aus Handwerkerkreisen. Bis zu zehn Personen konnten hier gemeinsam wohnen. Das Haus war eine Art kirchliches Altenheim. Entstanden ist es nach 1819. Ein im Pfarrarchiv von Grimmen aufbewahrter Bauriß von 1819 zeigt (Abb. 3), dass das Gebäude im Wesentlichen so ausgeführt worden ist wie es heute noch steht1. Um die Mitte der 1990er Jahre wurde es leergezogen. 2000 gab es von der Kirche Planungen, dort eine Herberge einzurichten, was aber an den zu hohen Kosten scheiterte. Daraufhin entschied man sich 2007 zum Verkauf des über Jahrhunderte in Kirchenbesitz befindlichen Grundstücks und des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes. Die Privatisierung erfolgte unter der Prämisse, dass das Haus denkmalgerecht zu sanieren sei. Dieses unterblieb bis heute. Seit Jahren wurden keine Maßnahmen zur Bauunterhaltung getroffen, so dass sich die Kirchengemeinde inzwischen um eine Rückübertragung bemühte. Sie unterlag aber 2012 im Gerichtsverfahren. Inzwischen sind die Schornsteinköpfe auf dem Dach abgenommen worden und es klaffen Löcher, so dass das Baudenkmal in seinem Bestand akut gefährdet ist (Abb. 4). Bisher erfolgte keine Sicherungsverfügung durch den Landkreis, auch ein Aufmaß des Gebäudes steht noch aus.

Das Gebäude der „Alten Kirchenbude“ zeigt eine für Einzelpersonen und nicht für Familien angelegte Raumstruktur, die ungewöhnlich ist. Das giebelständige Fachwerkhaus wird über einen durchgehenden Mittelflur mit Ziegelboden erschlossen (Abb. 5), an dem links vier und rechts zwei Wohneinheiten und eine Küche, später als Waschküche genutzt, liegen. Die Wohneinheiten sind gleich groß und bestehen aus einer Stube mit einem Fenster sowie einer angrenzenden und vom Flur zurückgesetzten kleinen Kammer, belichtet durch ein kleines Quadratfenster. Später wurde der Raum vor der Kammer mit einer Herdstelle versehen und durch eine schlichte Brettertür vom Flur getrennt. Die Stubentüren sind Zweifüllungstüren in der zeittypischen Ausprägung. Im Dachgeschoss sind vier weitere Zimmer mit Kochstellen, aber ohne eine separate Kammer untergebracht. Auf dem Hof befand sich ein langes Nebengebäude mit nebeneinander liegenden Türen, in dem jede Partei ihr eigenes Nebengelass. Dort konnte beispielsweise Brennmaterial aufbewahrt werden.

Vergleichbar genutzte Gebäude für altengerechtes Wohnen von Handwerkern im zeitgenössischen Sinn sind in Greifswald bereits aus der Mitte des 17. Jahrhunderts erhalten. So befindet sich in der Langen Straße 49 im Hof des Hospitals von St. Spiritus eine traufständige Budenzeile in Fachwerkbauweise aus der Zeit um 1650 mit sieben gleichförmigen, jeweils zwei Fensterachsen breiten Hauseinheiten unter einem Dach2 (Abb. 6). Die Wohneinheiten wurden von Angehörigen der verschiedenen Greifswalder Handwerksämter angemietet oder erworben, die sich für ihre Altersversorgung in das Hospital einkauften. Heutzutage muten diese Wohnverhältnisse sehr bescheiden an, waren aber in der damaligen Zeit durchaus normal und angemessen, wie auch Musterentwürfe aus dem 18. Jahrhundert für eingeschossige Reihenwohnhäuser in der Brüggstraße in Greifswald zeigen. In einem Reihenhaus befanden sich, durch einen Mittelflur erschlossen, zwei Wohneinheiten, jeweils bestehend aus Stube, Kammer, Küche und einem ausgebauten Dach3. Für die angemessene Versorgung von verwitweten Pastorenfrauen und deren Kinder in den sog. Pfarrwitwen- oder Predigerwitwenhäusern, die meistens im engeren Umfeld der Kirchen standen, waren hingegen in der Regel großzügigere Wohnverhältnisse vorgesehen.

Die Bauten von frommen sozialen Stiftungen sowie von städtischen und kirchlichen sozialen Einrichtungen sind wichtige Zeugnisse der Sozialtopografie einer Stadt. Die „Alte Kirchenbude“ stand im Kontext mit weiteren, sozialen Zwecken dienenden Kirchengebäuden und ist für die Typologie dieser Bauten von einem hohen Seltenheitswert (Abb. 7). Neben der „Alten Kirchenbude“ in Grimmen stand das ehemalige Armenhaus, das heute jedoch nicht mehr als solches zu erkennen ist. 1682 forderte die schwedische Regierung die Stadt Grimmen auf, das Armenhaus im Kirchenviertel, das sich in einem baufälligen Zustand befand, wieder herzurichten. Auch dieses diente als Altenheim und hatte außerdem Zellen für infizierte Kranke. Das wiederum daneben stehende Gebäude, das ehemalige Kalandhaus war ein spätmittelalterliches Schulgebäude.

Das Gebäude der „Alten Kirchenbude“ ist unter Wahrung der originalen Raumstruktur nicht für viele Nutzungen geeignet. Bedauerlich ist, dass die Idee der Kirchengemeinde, dort eine Herberge einzurichten, nicht realisiert werden konnte. Eine Sicherung und Dokumentation dieses sozialgeschichtlich so bedeutenden Gebäudes sollte schnell erfolgen, um den Bestand noch retten zu können und eine Nutzungsperspektive zu entwickeln.

Beatrix Dräger-Kneißl

Fußnoten

1 Lissok, Michael: Zur Architekturgeschichte der mit der Grimmer Marienkirche verbundenen Gebäude, in: Buske, u.a. (Hrsg.): Die Marienkirche in Grimmen und ihre Gemeinde, Kiel 2015, S. 85-86 und Taf. 48 a-c.

2 Schönrock, Felix: Gleichartige Wohnbauten unter einem Dach- Greifswalder Reihenhausanlagen aus nachreformatorischer Zeit, in: Greifswalder Beiträge. Stadtgeschichte Denkmalpflege Stadtsanierung, Jg.7, 2013, S. 34f.

3 Schönrock, Felix, ebenda

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