Ein neues althergebrachtes Farbspiel - die Restaurierung der Uferkapelle in Vitt auf Rügen

Denkmal des Monats Februar 2018

Abb. 1. "Vitt b. Arkona a. Rg.", Postkarte (Verlag-Herausgeber, Otto E. Thämlitz Wiek a.Rügen, Photo-Atelier Ansichtskartenverlag, Nummerierung n63, Sammlung Günther Hunger, Oschatz).Details anzeigen
Abb. 1. "Vitt b. Arkona a. Rg.", Postkarte (Verlag-Herausgeber, Otto E. Thämlitz Wiek a.Rügen, Photo-Atelier Ansichtskartenverlag, Nummerierung n63, Sammlung Günther Hunger, Oschatz).

Abb. 1. "Vitt b. Arkona a. Rg.", Postkarte

Abb. 1. "Vitt b. Arkona a. Rg.", Postkarte

Lange schon war es der Überlieferung nach Brauch, dass die Fischer des Dorfes Vitt an der Nordküste der Insel Rügen den Gottesdienst unter freiem Himmel begingen, denn sie konnten den weiten Fußmarsch zu der schon ab der Mitte des 13. Jahrhunderts errichteten Kirche in Altenkirchen nicht immer bewältigen. Gerade in der Heringssaison war die stete Bereitschaft zum Auslaufen der Boote wichtig. Der Altenkirchener Pastor, Dichter und spätere Greifswalder Universitätsprofessor Gotthard Ludwig Kosegarten (1758-1818) führte deshalb die sog. Strandpredigten ein, indem er am Steilufer des Kaps Arkona Gottesdienst hielt. Diese Predigten wurden so berühmt, dass er 1806 den Bau einer Kapelle am hoch gelegenen Ufer oberhalb des Dorfes Vitt in Auftrag gab. Der Bau auf achteckigem Grundriss wird Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) zugeschrieben (Abb. 1.). Schinkel unternahm in den Jahren 1803 bis 1805 eine Italienreise und trat erst 1810 in die Berliner Oberbaudeputation ein, deren Leitung er 1815 übernahm. Fortan zeichnete er als Oberbaurat verantwortlich für die Bauprojekte in den preußischen Provinzen. Während seines Aufenthaltes in Stettin im Jahre 1821 soll er auch mehrere Tage auf Rügen verbracht haben. Dort wurde nach Plänen der Oberbaudeputation 1826/27 der sog. Schinkelleuchtturm auf Kap Arkona gebaut. Wahrscheinlich ist es aber so, dass die Vitter Kapelle nach Entwürfen des damals regional zuständigen pommerschen Landbaumeisters Rühs errichtet wurde. Der Bau zog sich aufgrund der napoleonischen Kriege hin und wurde erst 1816 geweiht. 1852 wurde eine Vorhalle mit Sakristei angebaut (Abb. 2).

Die Kapelle ist ein Feldsteinbau, einheitlich verputzt. Die geraden Fensterrippen waren ebenfalls verputzt. Eine Bleirauten-Verglasung und hölzerne Klappläden charakterisieren die Fenster. In ziegelsichtigem gelbem Mauerwerk wurde die jüngere Vorhalle errichtet. Der Außenputz der Kapelle musste im Laufe der Zeit immer wieder repariert werden, wobei der letzte Auftrag ein flächiger Zementputz war. Noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts erfolgte ein Neuanstrich der Außenwände (Abb. 3). Doch erhebliche Risse und Feuchteschäden im Putz und an den Fensterrippen führten im Jahre 2016 dazu, eine komplette Außenwandinstandsetzung zu planen und 2017 auszuführen (Abb. 4).

Bei der materialkundlichen Untersuchung wurde deutlich, dass der Putz aufgrund der starken Schädigung im Materialgefüge insgesamt einer Erneuerung bedarf. Der Zementputz hatte dazu geführt, dass auch tiefer liegende Putzlagen im Gefüge gründlich zerstört waren. Auch die Fensterrippen waren so stark geschädigt, dass eine Erneuerung ebenfalls erforderlich wurde (Abb. 5). Vor dem Abschlagen des Putzes erfolgte eine restauratorische Untersuchung. Dabei wurde unter dem weiß gestrichenen Zementputz auf den älteren Kalkputzlagen neben mehreren Weiß- auch eine helle Gelbockerfassung als zunächst älteste Farbfassung auf Putz lokalisiert. Nach dem Abschlagen des gesamten Putzes konnten zwei wesentliche Erkenntnisse gewonnen werden: Die Wandflächen sind aus einseitig gehauenen Feldstein sorgfältig und flächig in Kalkmörtel gesetzt und mit Feldstein ausgezwickelt worden (Abb. 6). Die Ecken sowie die Fenstereinfassungen und Rippen sind in Ziegel ausgeführt. Direkt auf dem Mauerwerk befand sich ursprünglich eine dünne Putzlage. So ergab sich eine, dem Mauerwerk angepasste lebendige Oberfläche. Auf dieser dünnen Putzschicht ließ sich als älteste Farbfassung der Kapelle ein helles rötliches Ocker nachweisen (Abb. 7-8). Darüber lag eine Weißfassung. Mit der ersten vollflächigen Glattverputzung, vermutlich einhergehend mit dem Anbau der Vorhalle, folgte die helle Gelbockerfassung. Darauf folgend, einschließlich bis zum Auftrag auf den Zementputz folgten dann Weißfassungen.

Da nun der gesamte Putz entfernt und erneuert werden musste, stellte sich die Frage nach der denkmalpflegerischen Zielstellung, die zunächst die Wiederherstellung des hellen Gelbockers auf flächigem Putz beinhaltete, neu. Aufgrund der historischen Bedeutung und architektonischen Besonderheit des Kapellenbaus, seiner Einmaligkeit in Mecklenburg-Vorpommern und aufgrund des weitestgehend originalen Erhaltungszustandes insgesamt wurde schließlich die Wiederherstellung des ursprünglichen Erscheinungsbildes zur denkmalpflegerischen Zielstellung erhoben. Damit erfolgte zunächst wieder ein dünner, zweischichtiger Putzauftrag in Form einer sog. Filzung, so dass die bewegte Oberfläche des Feldsteinbaues wieder wahrnehmbar werden konnte (Abb. 9). Als Farbfassung sollte der helle rötliche Ocker nach dem ältesten Befund wieder zur Anwendung kommen. Auf mehreren Wandflächen waren diese Befunde erhalten geblieben, jedoch nur als relativ kleine Reste. Es sollten deshalb mehrere größere Farbprobeflächen von den Restauratoren angelegt und zur Diskussion gestellt werden, um die Intensität des Farbtones in Übereinstimmung mit den Befunden und einem weitgehend authentischen architektonischen Erscheinungsbild zu bestimmen (Abb. 10-11).

Zu diesem Zeitpunkt ergab sich eine rege Diskussion um die zukünftige Farbfassung. Nicht nur die Vertreter der Kirchengemeinde sondern mehr und mehr auch die Bewohner des Ortes Vitt meldeten sich zu Wort. Daraus entwickelte sich eine sehr emotional geführte Diskussion. Sowohl für die Rotockerfassung als auch für die Wiederherstellung der Weißfassung gab es starke Befürworter und auch ernst zu nehmende Argumente. Es galt schließlich zu entscheiden, ob die Kapelle wieder im ursprünglichen rötlichen oder im jüngeren bzw. letzten weißen Erscheinungsbild zu sehen sein wird. Der Diskurs wurde zwar leidenschaftlich aber auch sehr offen und respektvoll geführt. Selbst die Lokalpresse und das Regionalfernsehen wurden darauf aufmerksam und druckten bzw. sendeten ihre Beiträge. Die Kirchengemeinde entschied sich schließlich dafür, der denkmalpflegerischen Argumentation zu folgen und so präsentiert sich die Kapelle heute wieder mit einer bewegten Putzoberfläche (Abb. 12) und einem hellen Rotocker, zusammen mit den braunen Klappläden der Fenster. Es ist ein Bild, das sicher auch noch weiterhin in reger Diskussionen bleiben wird (Abb. 13-16).

Die Kapelle wird im Inneren von einem sog. Klostergewölbe, bestehend aus verputztem Holz, überwölbt. Eine kleine Orgel stammt von dem Orgelbauer Friedrich Albert Mehmel aus dem Jahre 1866. Erst 1882 wurde der Kanzelaltar aus Sandstein errichtet. Mit seinem Treppenaufgang und der rechteckigen Kanzel über der von Säulen getragenen Mensa gehört er zur Gattung der Kathederkanzelaltäre. In die Kanzel wurde sogar ein Predigerpult mit eingearbeitet. Er dürfte einer der jüngsten Kanzelaltäre sein, die es in Mecklenburg-Vorpommern gibt (Abb. 17-18). Ein Altarbild aus dem Jahre 1960 von dem Stralsunder Maler Erich Kliefert (1893-1994) zeigt eine Kopie des Gemäldes von Phillip Otto Runge (1777-1818): „Christus rettet den versinkenden Petrus“. Ein großes Wandbild des italienischen Malers Gabriele Mucchi (1899-2002): „Menschen im Sturm“ von 1990 ziert die Wand gegenüber dem Altar. Die Restaurierung des Innenraumes sowie die Dachinstandsetzung und Neueindeckung werden die kommenden baulichen Maßnahmen sein.

 Jens Amelung

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