Nachruf auf ein Kleinod moderner Architektur. Das Söderblom-Haus in Sassnitz - ein Werk von Otto Bartning im Notkirchenprogramm - wurde Opfer der Flammen

Denkmal des Monats Dezember 2018

Abb. 1. Sassnitz, Landkreis Vorpommern-Rügen, Söderblom-Haus von Südwesten, 2015. (Foto: LAKD M-V/LD, J. Kirchner)Details anzeigen
Abb. 1. Sassnitz, Landkreis Vorpommern-Rügen, Söderblom-Haus von Südwesten, 2015. (Foto: LAKD M-V/LD, J. Kirchner)

Abb. 1. Sassnitz, Landkreis Vorpommern-Rügen, Söderblom-Haus von Südwesten, 2015.

Abb. 1. Sassnitz, Landkreis Vorpommern-Rügen, Söderblom-Haus von Südwesten, 2015.

Bis auf die Grundmauern zerstörte in der Nacht auf den 15. Juni 2018 ein Feuer das so genannte Söderblom-Haus in Sassnitz. "Es ist ein herber Verlust, aber wir hoffen, dass zumindest die Funktion wiederhergestellt werden kann", berichtet Pastor Peter Nieber und richtet seinen Blick trotz des großen Schadens bereits in die Zukunft (Abb. 1-4).

 

Brand während der Sanierung

Ein großer Rückschlag war der Brand nach vielen Hoffnungen auch deshalb, weil gerade umfassende Sanierungsarbeiten an dem original erhaltenen Bauwerk durchgeführt wurden. Wie Christiane Uhlemann, die Bauleiterin vom Stralsunder Architekturbüro Kottke-Architekten, berichtet, waren unter anderem schon die Wandpaneelen zur Erneuerung ausgebaut, die Fenster aufgearbeitet und die Deckenverkleidungen zur Vorbereitung der Dachreparatur abgenommen worden (Abb. 5). Nach gegenwärtigem Kenntnisstand ist das Feuer auf Brandstiftung zurückzuführen. Wo in Zukunft die neue Heimstatt für die 35 Hortkinder sein soll, stellt die Gemeinde vor große Probleme.

Nicht nur für die kirchliche Kinder- und Gemeindearbeit ist die Vernichtung des Söderblom-Hauses ein großer Verlust. Mit dem schlichten Gebäude ist ebenso ein Kulturdenkmal hohen Ranges verloren gegangen. Das am 1. Advent des Jahres 1951 eingeweihte Bauwerk entstand als eine Art Fertigteilhaus nach dem Entwurf des Architekten Otto Bartning (1906-1959) (Abb. 6) im Rahmen des Notkirchenprogramms. Dieses Programm, das vom Hilfswerk der Evangelischen Kirchen in Deutschland eingerichtet worden war und erstmals 1946 mit einem Prototyp hervortrat, bildete den Beginn des Kirchenbaus nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges in Deutschland.

 

Das "Haus der Kirche"

Das Söderblom-Haus, auf dessen eigenartigen Namen noch einzugehen ist, gehörte zum Typ "Haus der Kirche" und zeigt in seiner Struktur die Fähigkeit Bartnings und seines Kollegen Otto Dörzbach (1920-1989), durch lediglich wenige Grundelemente und einfachste Mittel einen Eindruck, eine Assoziation oder ein Gefühl – in unserem Falle das der Sicherheit und Geborgenheit - zu erreichen.

Eine schlanke äußere Erscheinung erhielt der Baukörper dadurch, dass die brettartigen Holzständer, aus denen die tragende Ständerkonstruktion des Bauwerks zusammengefügt war, sich von oben nach unten verjüngten. Im Gegensatz zu dieser Rasterkonstruktion bildeten die gemauerten und glatt verputzten Giebelseiten geschlossene Wandflächen aus. Auch im Inneren trat die Holzkonstruktion mit den sich verjüngenden schmalen Ständern in Erscheinung. Der rhythmisch und schlicht gestaltete Raum, der durch die oberen Fensterbänder eine gleichmäßige, weitestgehend blendfreie Belichtung erhielt, rief in seiner Erscheinung die Assoziation mit der bauchigen Form eines Schiffes samt gliedernder Spanten und damit einhergehend ein Gefühl der Geborgenheit wach.

 

"Gültige Gestalt aus der Kraft der Not"

Für das Notkirchenprogramm hatte das Hilfswerk im hessischen Neckarsteinbach eine eigene Bauabteilung eingerichtet, dessen Leitung der seit den 1920er Jahren durch innovative Kirchenbauten und theoretische Schriften bekannt gewordene Architekt Otto Bartning übernahm. Das im Wesentlichen durch kirchliche Stiftungen des Auslandes finanzierte Programm sollte jedoch keineswegs Notkirchen im Sinne von Provisorien hervorbringen. "Wir wissen", so Bartning bei der Einweihung des ersten realisierten Baues, "daß Notkirche nicht notdürftigen Behelf, sondern neue und gültige Gestalt aus der Kraft der Not bedeutet."

Durch das Notkirchenprogramm wurden in zwei Abschnitten insgesamt 100 Kirchen und kirchliche Gebäude nach den Plänen der von Bartning geleiteten Bauabteilung realisiert. Einschließlich des Söderblom-Hauses entfielen davon sechs Bauten auf das Gebiet des heutigen Mecklenburg-Vorpommerns.

 

Das Notkirchenprogramm und das Söderblom-Haus

Das Besondere am Söderblom-Haus ist, dass es sich um den letzten Prototyp handelt, den Bartning und sein Kollege Otto Dörzbach für das Notkirchenprogramm entworfen hatten. Dies erfolgte ausdrücklich in Hinblick auf die besonderen Notwendigkeiten, die in Sassnitz für die Bauaufgabe bestanden. Es war zwar eine Kirche im Ort vorhanden, doch für das Gemeindeleben, den Unterricht für Konfirmanden oder zum Wohnen für die in der Kirche Beschäftigten gab es keinen Raum. In Sassnitz war durch die von der SED und der Regierung der DDR beschlossene Ansiedelung einer neuen Fischindustrie in dem Hafenort die Bevölkerung in kurzer Zeit stark angestiegen. Für die Kirchengemeinde bedeutete dieser, insbesondere durch junge Familien verursachte Anstieg, für die heute kaum vorstellbare Anzahl von 1000 Kindern und Jugendlichen Christenlehre oder Konfirmandenunterricht zu organisieren.

Alle Bemühungen der Kirchengemeinde aus eigenen Kräften Unterrichtsräume zu errichten, wurden nicht nur durch den vorherrschenden Mangel der Nachkriegszeit erschwert, sondern vorsätzlich durch staatliche Behörden aus kirchenfeindlichen Motiven über lange Zeit verhindert. Erst durch die annähernd kostenfreie Erstellung des Gemeindehauses im Rahmen des Notkirchenprogramms war eine Realisierung möglich.

 

Typ "Haus der Kirche" - das Söderlom-Haus als kompletter Bausatz

Die Architekten Bartning und Dörzbach hatten den jüngsten Typ innerhalb des Notkirchenprogramms so konzipiert und entworfen, dass als erstes Bauteil der Gemeindesaal erbaut und bei weiterer Möglichkeit eine Pfarrwohnung angefügt werden könne. Dieser Typ, auf den Entwürfen datiert September 1950, erhielt den Namen "Haus der Kirche". Für die Planungen wurden Modelle angefertigt, die durch Fotografien im Berliner "Archiv für Diakonie und Entwicklung" überliefert sind (Abb. 7, 8).

Die architektonische Gestaltung des Söderblom-Hauses ist im Wesentlichen geprägt durch die Notwendigkeiten einer materialsparenden Konstruktion und den Zwängen der seriellen Fertigung der einzelnen Elemente. Die Abmessungen der Bauteile hatten sich daran zu orientieren, dass sie auf Eisenbahnwaggons und Lastwagen transportiert werden konnten. Der Aufbau erfolgte durch Fachleute Anfang September 1951 innerhalb nur weniger Tage. In einem weiteren Transport folgten unter anderem Türen, Fenster, Fußbodenbeläge und Ausstattungsstücke wie Kanzel und Taufbecken.

Da das Gebäude an einem abschüssigen Gelände errichtet wurde, ergriff die Kirchengemeinde die Gelegenheit, den Sockel nicht lediglich anzuschütten, sondern als Unterbau für den eigentlichen Baukörper im Souterrain eine Wohnung einzurichten. Diese erfuhr ihre Belichtung ausschließlich von Süden. Für dieses von der Baugenehmigung und allen Absprachen mit dem Hilfswerk abweichende Vorgehen – insbesondere gegenüber der Vorgabe Otto Bartnings, dass seine Entwürfe nicht wesentlich verändert werden dürften - rechtfertigte sich Pfarrer Stoetzer gegenüber dem Konsistorium später burschikos und pragmatisch: "Wir haben zwar manchen Vorwurf wegen des Baues einstecken müssen, doch es musste gehandelt werden, und es blieb keine Zeit mehr zu vorherigen Anfragen und Verhandlungen …"

 

Der Name "Söderblom-Haus" – ein beabsichtigtes Missverständnis oder "…es soll eben einmal etwas Besonderes sein"

Auch die Namensgebung für das neue Gemeindehaus setzte Pfarrer Stoetzer nach eigenen Zielsetzungen eher pragmatisch durch. Obwohl es seitens des Leiters des Hilfswerks der Evangelischen Kirchen für den Bereich der DDR – kurz Zentralbüro Ost -, Pfarrer Berg (1908-1990), und anderer Funktionsträger Einwände gegen den Namen "Söderblom" gegeben hatte, setzte er die Bezeichnung durch. Die finanzielle Spende, die den Bau des Gemeindehauses erst möglich gemacht hatte, war durch die nordamerikanische Missouri-Synode an das Hilfswerk geleistet worden. Doch diesen Bezug wollte Stoetzer nicht in der Namensgebung berücksichtigen.

Viel eher setzte er auf die regionale Beziehung zu Schweden. Indem er Nathan Söderblom (1866-1931), den 1930 für sein Engagement um Ökumene und Verständigung mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten ehemaligen Erzbischof von Uppsala, als Namenspatron vorschlug, weckte er Assoziationen und nahm falsche Annahmen wohl bewusst in Kauf. Im August 1951 schrieb Stoetzer an das Zentralbüro Ost: "So tut es auch nicht zur Sache, dass es keine schwedische Spende ist. Wir wollen in den Namen Söderblom … ehren. Ausserdem bestehn ja grade von Vorpommern her und in Sonderheit von Sassnitz alte Beziehungen zu Schweden." Über andere Namensvorschläge setzte er sich mit dem Verweis hinweg, "es soll eben einmal etwas Besonderes sein."

Stoetzers Nachfolger im Amt des Gemeindepfarrers knüpften an die besondere Namensgebung an und organisierten einen Austausch mit der Gemeinde im schwedischen Trelleborg. In den Jahren 1963 bis 1978 feierte man gemeinsam in Sassnitz das in Skandinavien populäre Lucia-Fest. Innerhalb weniger Jahre wurden die Besuche der Trelleborger Gemeinde in der Adventszeit anlässlich des Festtages der Heiligen Lucia zur Tradition.

Die Namensnennung mit einem schwedischen Patron hatte zudem die zu erwartenden – und möglicher Weise auch beabsichtigten – Missverständnisse zur Folge. So heißt es in einem Artikel der historischen Zeitschrift "Rügen", es handele sich beim Sassnitzer Gemeindehaus, um "ein Geschenk der schwedischen Kirche". In einer Darstellung zur Stadtgeschichte Sassnitz‘ ist die Rede von einer Gabe des "schwedischen evangelischen Hilfswerks".

Dr. Jörg Kirchner


Anmerkung: Eine ausführliche, erweiterte Fassung des Textes einschließlich Quellen-und Literaturangaben erscheint in der nächsten Ausgabe der Zeitschrift Kulturerbe in Mecklenburg und Vorpommern.

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