Nachruf: Dr. Gerd Baier (1924-2017)

Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Dr. Gerd Baier (1924-2017), Foto: A. Bötefür Details anzeigen
Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Dr. Gerd Baier (1924-2017), Foto: A. Bötefür
Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Dr. Gerd Baier (1924-2017), Foto: A. Bötefür
Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Dr. Gerd Baier (1924-2017), Foto: A. Bötefür
10.08.2017  | LDP  | LAKD - Landesdenkmalpflege

Der Denkmalpfleger ist ausschließlich dem Denkmal als einmaligem Original verpflichtet und hat dafür Sorge zu tragen, dass dessen historische Substanz gewahrt wird. Zeitlebens vertrat Dr. Gerd Baier diese Auffassung. Sie war sein Credo für ein langes Arbeitsleben. Am 13. Juni 2017 ist der Kunsthistoriker und Denkmalpfleger, kurz vor Vollendung des 93. Lebensjahres, in Schwerin verstorben. 

Dr. Gerd Baier wurde im Juni 1924 in Dresden geboren. Er besuchte dort die Rudolf-Steiner-Schule, die ihm nicht nur ein profundes Wissen, sondern auch charakterliche Bildung zu teil werden ließ. 1941 wurde sie von den Nationalsozialisten geschlossen, sodass er sein Abitur 1942 an einer staatlichen Schule ablegen musste.

Seine an kultureller und architektonischer Vielfalt sehr reiche Geburtsstadt hat seine Kindheit, die bewusste Wahrnehmung der Umwelt und das Interesse an der bildenden Kunst nachhaltig geprägt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, einer Zeit in Kriegsgefangenschaft und einer kurzen Tätigkeit im Schuldienst konnte er 1950 endlich mit dem Studium der Kunstgeschichte und Klassischen Archäologie in Leipzig beginnen. Dankbar erinnerte sich Dr. Gerd Baier in späteren Zeiten an seine Lehrer, allen voran an den durch seine Mittelalterforschungen bekannt gewordenen Johannes Jahn, der ab 1952 eine Professur in Leipzig bekleidete und hauptsächlich mittelalterliche Bau- und Bildkunst lehrte. Gerade dieses Fachgebiet der Kunstgeschichte reizte den jungen Studenten sehr und sollte ihn über sein ganzes Berufsleben begleiten. 1954 konnte er das Studium erfolgreich abschließen.

Mit seiner Dissertation über die mittelalterliche Wand- und Gewölbemalerei in Mecklenburg, die er 1959 vorlegte, griff er ein Thema auf, das bis dahin nur wenig bearbeitet war. Sein umfassendes Wissen darüber verschaffte ihm die Möglichkeit, für das von Heinrich L. Nickel 1979 herausgegebene Werk „Mittelalterliche Wandmalerei in der DDR“ den Beitrag über die Ostseeküste und ihr Hinterland beisteuern zu können.

Die im Studium erworbenen Kenntnisse konnte Dr. Gerd Baier zunächst bei seiner Inventarisationstätigkeit auf der Insel Rügen anwenden. Sie mündeten in dem 1963 im Seemann-Verlag Leipzig erschienenen Inventarband des Kreises Rügen, den Walter Ohle herausgab und an dem er mit anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Instituts für Denkmalpflege mitwirkt. Es folgte die Bearbeitung des Inventarbandes der Bau- und Kunstdenkmale des Kreises Greifswald, den er selbst verantwortete und der 1973 erschien. Für beide Werke war außer den Besichtigungen der Denkmale vor Ort ein umfangreiches Quellen- und Literaturstudium erforderlich. Gemessen an den bescheidenen Voraussetzungen, die seinerzeit vorhanden waren, um solche Projekte zu realisieren, nötigt es heute großen Respekt vor der vollbrachten Leistung ab, die maßgeblich von der Begeisterung für die Sache getragen wurde.

Während seiner Tätigkeit als Leiter der Inventarisationsabteilung der Arbeitsstelle Schwerin des Instituts für Denkmalpflege entstanden eine Vielzahl an Büchern und Broschüren, an denen Gerd Baier mitarbeitete oder die er selbst schrieb. Bei den eigenen Veröffentlichungen ist an den 1970 in der Reihe „Deutsche Kunstdenkmäler“ erschienenen Band zu erinnern, der die drei Nordbezirke der DDR, Rostock, Neubrandenburg und Schwerin, behandelt. Mit großer Begeisterung nahm eine zahlreich vorhandene Leserschaft die Edition des gemeinsam mit Norbert Buske verfassten Text-Bild-Bandes „Dorfkirchen Landeskirche Greifswald“ von 1987 mit Fotografien von Thomas Helms auf. Darüber hinaus entstanden eine große Anzahl kleinerer Monographien, beispielsweise über die Güstrower Kirchen, das Seebad Heiligendamm oder die Bad Doberaner Stadtanlage. Von seinem umfangreichen Wissen profitierten auch ein 1977 bei Edition Leipzig erschienener Kunstreiseführer der DDR und der Architekturführer für den Bezirk Rostock von 1978, an denen er als Koautor mitwirkte.

Zahlreiche Aufsätze von seiner Hand belegen seine Vielseitigkeit und Sicherheit, kunstgeschichtliche und denkmalpflegerische Themen ergiebig und vor allem verständlich zu erörtern. Waren es in seiner aktiven beruflichen Zeit hauptsächlich Themen, die sich mit der Interpretation und Bewertung von Denkmalen und deren Ausstattung befassten, widmete er sich in seinem Ruhestand der Geschichte der Denkmalpflege in Mecklenburg und Vorpommern sowie hervorragenden Persönlichkeiten, die in der Region tätig waren. So stammen einige Texte im mehrbändigen Biographischen Lexikon für Mecklenburg und Vorpommern aus seiner Feder.

Die Ergebnisse seiner täglichen Arbeit und der seiner Kollegen in der Inventarisation schlugen sich in den Denkmaltopographien nieder. Unter Dr. Gerd Baiers Leitung entstanden die Bände „Die Bau- und Kunstdenkmale in der DDR – Bezirk Neubrandenburg“ und „Die Bau und Kunstdenkmale in der DDR – Mecklenburgische Küstenregion“. Während der erste Band, der 1982 erschienen war, noch gut verkauft werden konnte, fand der Band über die Mecklenburgische Küstenregion kaum noch Abnehmer. 1990 auf den Markt gekommen, konnte dieses Buch mit den nach der politischen Wende nun schnell hergestellten Büchern und Broschüren von Heimatliteratur mit vielen farbigen Abbildungen aber wenig gehaltvollen Texten nicht konkurrieren. 1995 erschien als letzter Band dieser Reihe „Die Bau- und Kunstdenkmale in Mecklenburg-Vorpommern – Vorpommersche Küstenregion“. Die Bearbeitung des Kreises Rügen, der mit der sogenannten Bäderarchitektur einen immensen Zuwachs an Baudenkmalen erfahren hatte, erfolge durch Dr. Gerd Baier. Darauf aufbauend konnte er die entsprechenden Texte für die Neubearbeitung des 2000 erschienenen Handbuchs der Deutschen Kunstdenkmäler, Mecklenburg-Vorpommern (Dehio), für den Kreis Rügen verfassen. Außerdem bearbeitete er den Denkmalbestand der Stadt Demmin textlich für diesen Band. Als Mitglied des Redaktionsausschusses der Dehio-Vereinigung begleitete er die Herausgabe fachlich und mit großer Sachkunde.

Nicht zu vernachlässigen ist Dr. Gerd Baiers Arbeit am und mit dem Denkmal. Zahlreiche Vermerke, Stellungnahmen und denkmalpflegerische Zielstellungen in den Akten der Abteilung Landesdenkmalpflege künden von seiner engagierten Arbeit. Bei zahlreichen Objekten hat er an deren Restaurierung mitgearbeitet. Als Kunsthistoriker kamen ihm konzeptionelle Aufgaben und die Bewertung von Raumfassungen und Ausstattungsgegenständen zu. Es würde den Rahmen sprengen, alle Objekte nennen zu wollen, an deren Erhaltung er mitwirkte und die er maßgeblich beeinflusst hat. So war Dr. Gerd Baier an fast allen großen Restaurierungsmaßnahmen in den Kirchen des heutigen Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern beteiligt. Zu nennen wäre hier die Klosterkirche in Bad Doberan, die unter Aufgabe der Neuausmalung von Gotthilf Ludwig Möckel aus dem Jahr 1896 in den 1980er Jahren ihre mittelalterliche Farbfassung zurückerhielt. Im Ergebnis der von Dr. Gerd Baier mitverantworteten Arbeiten stellt sich der mittelalterliche Raum mit dem außergewöhnlich umfangreich überlieferten Bestand mittelalterlicher Ausstattung wieder als Einheit dar. Unter seiner Mitwirkung wurde außerdem 1980-1983 in Greifswald die mittelalterliche Farbfassung in St. Marien in Annäherung an den Befund erneuert und erfuhr St. Nikolai in den 1980er Jahren die Wiederherstellung der romantisch-klassizistischen Fassung des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts.

In seinen Händen lag auch die Restaurierung des Schweriner Domes, die sich über 23 Jahre, von 1965-1988, erstreckte. Bezüglich der Innenrestaurierung bestand zunächst keine Klarheit über das anzustrebende Ziel, waren doch die Auffassungen der Denkmalpflege und des Bauherrn äußerst unterschiedlich. Während die Denkmalpflege eine Wiederholung der Fassung der 1860er Jahre favorisierte, bestand der Bauherr auf einer mittelalterlichen Fassung bei gleichzeitiger Entfernung fast aller Ausstattungsstücke aus dem 19. Jahrhundert. Dr. Gerd Baier votierte für eine Fassung aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, die durch Befunde nachgewiesen war und schließlich im Haupt- und in den Seitenschiffen, im Querhaus, in der Vierung und im Chor ausgeführt wurde. Er trug so wesentlich zur Durchsetzung der bis heute akzeptierten Lösung bei. Für die Chorumgangskapellen blieb die Fassung des 19. Jahrhunderts bestimmend und auch die Ausstattung aus dieser Zeit konnte erhalten werden.

Abgesehen von kompletten Raumfassungen beschäftigte sich Dr. Gerd Baier weiterhin mit Freilegungen und Restaurierungen von Teilbereichen. Dazu gehören die Restaurierung der bedeutenden Wandmalereien in der Dorfkirche in Kavelstorf bei Rostock oder die aus der Zeit um 1280 stammenden Wand- und Gewölbemalereien in der Dorfkirche Altkalen bei Teterow, die bei der Restaurierung des Inneren freigelegt wurden. Seine Tätigkeit am Profanbau bestimmt eindeutig das Schloss in Güstrow, dessen großangelegte Restaurierung von 1963-1978 maßgeblich auch von Dr. Gerd Baier kunsthistorisch begleitet wurde.

Nach der politischen Wende waren zwei Aufgaben für ihn besonders wichtig: Die Neuerrichtung des Landesamtes für Denkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern und das Denkmalkurzerfassungsprogramm, als dessen Leiter er mit zehn Kunsthistorikerinnen und Kunsthistorikern für die Erarbeitung neuer Denkmallisten verantwortlich war. Bei dieser Aufgabe konnte er sein über viele Jahre gesammeltes Wissen an junge Kolleginnen und Kollegen weitergeben.

Im Alter von 70 Jahren ging er in den Ruhestand. Dieser Umstand belegt, dass man bei der Neuordnung der Denkmalpflege ab 1990 auf seinen Kenntnisreichtum und sein profundes Wissen nicht verzichten wollte und konnte. Gekrönt wurde Dr. Gerd Baiers berufliches Leben mit der Verleihung des Kulturpreises Mecklenburg-Vorpommern 1994 durch den Ministerpräsidenten Dr. Berndt Seite.

Auch im Ruhestand blieb er der Denkmalpflege und dem Landesamt immer verbunden. Bis zuletzt war er an der dort zu leistenden Arbeit interessiert und den Kolleginnen und Kollegen so manches Mal ein guter Ratgeber. Trotz einiger sich im Alter einstellender Gebrechen hatte er eine bewundernswerte und für uns Jüngere manchmal atemberaubende Dynamik. Selbst größere Strapazen konnten ihn nicht davon abhalten, weite Reisen zu unternehmen, um Hauptwerke der Kunst- und Architekturgeschichte, Museen, Ausstellungen oder auch Konzerte zu besuchen.

Mit seinem Tod verlor Mecklenburg-Vorpommern einen Mann, der zurecht als Nestor der Denkmalpflege in diesem Bundesland gilt. Sein kunstwissenschaftlicher Nachlass ist Ansporn und Verpflichtung.

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