Sprache, Accesskey 1, Direkt zum Inhalt, Accesskey 2, Direkt zur Hauptnavigation, Accesskey 3

Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern

Mecklenburg-Vorpommern / MV tut gut



Forschung

Wissenschaftliche Untersuchung und Erforschung des archäologischen Kulturerbes sind Kernaufgaben der Landesarchäologie. Sie gewinnt dadurch die Erkenntnisse, die für die sachgerechte Beurteilung von Funden und Fundstellen nötig sind und gewährleistet die laufende Weiterentwicklung von denkmalpflegerischen Methoden und Standards. Die Landesarchäologie beteiligt sich deshalb regelmäßig an Forschungsprojekten oder führt diese in Zusammenarbeit mit Universitäten und Forschungseinrichtungen selbst durch. Eine wichtige Rolle spielt auch die Vergabe von Themen für wissenschaftliche Abschlussarbeiten. Erleichtert wird die Zusammenarbeit durch eine Reihe von Kooperationsvereinbarungen mit Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen.

Tollensetal-Projekt

Das Tollensetal nördlich von Altentreptow – um 1300 v. Chr. Schauplatz eines großen Gewaltkonfliktes. Foto: Fred Ruchhöft, LAKD-MV/LA
Das Tollensetal nördlich von Altentreptow – um 1300 v. Chr. Schauplatz eines großen Gewaltkonfliktes. Foto: Fred Ruchhöft, LAKD-MV/LA

Bei den Ausgrabungen 2013 wurden erneut große Ansammlungen von Menschenknochen entdeckt. Foto: Stefan Sauer für das Tollensetal-Projekt
Bei den Ausgrabungen 2013 wurden erneut große Ansammlungen von Menschenknochen entdeckt. Foto: Stefan Sauer für das Tollensetal-Projekt

Spektakulärster Neufund: In diesem Schädel steckt eine bronzene Pfeilspitze. Foto: Volker Minkus für das Tollensetal-Projekt
Spektakulärster Neufund: In diesem Schädel steckt eine bronzene Pfeilspitze. Foto: Volker Minkus für das Tollensetal-Projekt

Seit 2009 wird die bronzezeitliche "Schlachtfeld"-Fundstelle im Tollensetal nördlich von Altentreptow mit maßgeblicher Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und des Landes Mecklenburg-Vorpommern erforscht. Das interdisziplinäre Forschungsprojekt der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald und des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege bindet in- und ausländische Forschungskompetenz ein.

Für das Forschungsprojekt sind bislang zwei Antragsphasen von je zwei Jahren durch die DFG bewilligt worden. Dadurch war es möglich, die Gesamtausdehnung der Fundstreuung im Tal genauer zu erfassen und größere Ausschnitte der Fundschicht zu dokumentieren. Eine besondere Rolle spielt die Auswertung der Verletzungsspuren, mit deren Hilfe sich die Details des Konflikts nachvollziehen lassen.

Am Ende der Ereignisse um 1300 v. Chr. lagen die Leichen von mehreren hundert, wenn nicht gar mehreren tausend Männern und etlichen Pferden im Tollensetal. Die Verletzungsspuren deuten darauf hin, dass die Männer mit Pfeil und Bogen und mit Holzkeulen angegriffen wurden. Art und Dimension dieses Konflikts sind einmalig. Nirgendwo sonst in Europa gibt es eine vergleichbare Fundstelle aus dieser Zeit.
Die Fundstelle hat enormes Potenzial für die wissenschaftliche Erforschung menschlichen Konfliktverhaltens. Sie lässt darüber hinaus wesentliche neue Erkenntnisse über die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Zusammensetzung der Bevölkerung und die Mobilität von Menschen und Waren in der Umbruchszeit um 1300 v. Chr. erwarten.

Damals geriet die Welt aus den Fugen. Im Mittelmeerraum setzten sich die "Seevölker" in Bewegung, zerschlugen die alten Strukturen und standen schließlich an den Grenzen Ägyptens. Dadurch gerieten nicht nur die politischen Strukturen im Mittelmeerraum ins Wanken, sondern die Auswirkungen waren weit darüber hinaus spürbar. Die Handelswege für die Versorgung mit Kupfer und Zinn, den wichtigsten Rohstoffen der Bronzezeit, wurden zeitweise unterbrochen.
In Nordeuropa, das ganz auf den Metallimport angewiesen war, machte sich die Metallknappheit deutlich bemerkbar. Altmetall wurde gesammelt, die neu hergestellten Metallgegenstände wurden immer kleiner und leichter. In weiten Teilen Europas änderten sich auch die Bestattungssitten. Die Zeit der großen Hügelgräber, in denen Toten unverbrannt in großen Baumsärgen beigesetzt wurden, ging zu Ende. Stattdessen wurden die Toten jetzt auf Scheiterhaufen verbrannt und in einfachen Urnengräbern beigesetzt.
In der Zeit um 1300 v. Chr. fanden also weitreichende Änderungen der politischen, wirtschaftlichen und religiösen Verhältnisse statt. Anders als im Mittelmeerraum, wo es aus dieser Zeit schon schriftliche Überlieferungen gibt, sind sie an der südlichen Ostseeküste aber wesentlich schwerer zu verstehen.
Um zu begreifen, wie sich Europa in dieser Zeit neu formierte, sind wir auf die Auswertung der archäologischen Quellen angewiesen. Bestimmte Schlüsselfunde spielen dafür eine herausragende Rolle; nur sie ermöglichen wissenschaftliche Quantensprünge.
Einer dieser archäologischen "Hotspots" liegt im Tollensetal in Mecklenburg-Vorpommern. Alles spricht dafür, dass hier zum ersten und bislang einzigen Mal die Überreste eines großen Gewaltkonflikts aus der älteren Bronzezeit entdeckt wurden.
Erst die Varusschlacht und die Schlacht am Harzhorn sind zwei archäologisch nachweisbare Ereignisse von vergleichbarer Dimension – allerdings fanden sie 1300 Jahre nach dem Konflikt im Tollensetal statt.