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Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern

Mecklenburg-Vorpommern / MV tut gut


Hausurnen und Steinkisten

Fund des Monats Mai 2017

Abb. 1. Neubrandenburg, Fpl. 41. Befund 368. Grabbeigaben. Foto: LAKD M-V, Landesarchäologie, S. Suhr
Abb. 1. Neubrandenburg, Fpl. 41. Befund 368. Grabbeigaben. Foto: LAKD M-V, Landesarchäologie, S. Suhr

Östlich der Neubrandenburger Altstadt liegt eines der außergewöhnlichsten Gräberfelder Mecklenburg-Vorpommerns: Das mehrere Hektar große Gelände wurde von der jüngeren Bronzezeit bis in die Neuzeit fast ohne Unterbrechungen für Bestattungen genutzt.

Heute werden die sandig-grobkiesigen Ablagerungen aus der Schmelzwasserrinne des Lindetales, die das fast ebene Gelände prägen, vor allem als guter Baugrund geschätzt. Im Vorfeld einer Wohnbebauung wurden deshalb weitere 6000 m2 des Begräbnisplatzes ausgegraben. Die mehr als 100 Brandgräber, die dabei zu Tage kamen, sind der ersten Nutzungsphase des Friedhofes zuzuordnen und zeichnen sich durch eine bemerkenswerte Vielfalt der Bestattungsformen aus.

Üblich war es, die Urnen – meist gebrauchte Tongefäße mit einer Schale als Deckel – mehr oder weniger durch Steine geschützt oder zusammen mit den Brandresten des Scheiterhaufens zu vergraben. Einige Bestattungen waren zusätzlich mit langovalen oder rechteckigen Steinpackungen überdeckt, die in Form und Größe an die Sitte der Körperbestattung in Baumsärgen erinnern. Nicht zum ersten Mal stießen die Ausgräber auch auf Steinkisten mit Hausurnen, jedoch waren diese bislang immer antik ausgeraubt oder modern zerstört.

Umso mehr überraschten nun mehrere intakte Steinkisten mit besonderem Inhalt. Die im Grundriss vier- oder fünfeckigen Kammern waren aus plattenartigen Seitenwänden über einer Grundplatte oder einem Rollsteinpflaster errichtet, mit einer oder zwei Deckplatten verschlossen und dann komplett in Rollsteine eingepackt worden. Beliebt war gut spaltbares Material wie Rotsandstein und weißer Kalkstein, wegen der begrenzten Verfügbarkeit dieser Gesteinsarten wurde aber auch geschlagener Granit aus eiszeitlichen "Importen" Skandinaviens genutzt. Kleinere Stücke fanden zur Auszwickelung Verwendung. Die Steinkisten enthielten in der Regel ein Gefäß, nur in einer waren zwei Hausurnen beigesetzt.

Die Formen der Hausurnen variieren stark. In einer Steinkiste stand auf einem zweilagigen Rollsteinpflaster eine schlecht gebrannte, weitgehend aufgelöste Hausurne mit zylindrischem Korpus, etwas überstehendem, flachkegeligem Dach mit Radialriefen und dem Rest einer Türplatte. Sie enthielt außer Leichenbrand (780 g) drei Bronzen (Abb. 1): Eine Nadel (L. 7,1 cm), einen Pfriem (L. 5,4 cm) und eine Pfeilspitze (L. 5,3 cm). In der Kammer befanden sich außerdem drei Beigefäße (ein Trichterrandgefäß und zwei kleine Tassen). Ein anderes Hausmodell hatte gar Füße und im Innern eine durch eine ringförmige Riefe markierte Herdstelle. Die zugehörige Türplatte mit Drehzapfen und Rechtsanschlag konnte im Falz mit einem Stift fixiert werden. Einzelne Scherben lassen auf Hausurnen mit Bemalung oder einer runden Öffnung in der Dachkuppel schließen.

Einige Steinkisten bargen nicht weniger interessante keramische Spezialanfertigungen von Leichenbrandbehältern, die sich durch eine eiförmige Gestalt mit übergreifendem Kappendeckel auszeichnen (Abb. 2). In der abgebildeten Urne (25,5 x 28,8 cm) befanden sich außer Leichenbrand (1176 g) ein eiserner Nadelrest (L erh. 1,7 cm) und ein bronzenes Rasiermesser (L. 9,2 cm, Abb. 3). Letzteres datiert das Grab in die Perioden IV/V der jüngeren Bronzezeit. Die Vorbilder der eiförmigen Gefäße sind in organischen Behältern, etwa Span- oder Rindenschachteln, zu suchen. Ebenso wie die Hausurnen hebt sich diese eigens für den Grabgebrauch angefertigte Tonware von den Töpfen der einfachen Urnengräber ab. Vermutlich beeinflussten sozialer Status und ein orthodoxer Jenseitsglaube die Wahl echter Bestattungskeramik in einem anspruchsvollen Grabbau. Dazu bot die Steinkiste Raum für weitere Gefäße mit Speise- und Trankbeigaben, aber auch die Möglichkeit einer Mehrfachbestattung.

Dipl. prähist. Reiner Fenske

Bildergalerien

Fund des Monats Mai 2017

01.05.2017

Hausurnen und Steinkisten

interner Link (neues Fenster): Bild vergrößern: Abb. 1. Neubrandenburg, Fpl. 41. Befund 368. Grabbeigaben.
interner Link (neues Fenster): Bild vergrößern: Abb. 2. Neubrandenburg, Fpl. 41. Befund 346. Seitlich geöffnete Steinkiste mit einer ovalen Schachtelurne.
interner Link (neues Fenster): Bild vergrößern: Abb. 3. Neubrandenburg, Fpl. 41. Befund 346. Bronzenes Rasiermesser (L.9,2 cm).

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