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Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern

Mecklenburg-Vorpommern / MV tut gut


Karten und Texte der Schwedischen Landesaufnahmen von Pommern 1692-1709 online

GIS-gestützte Auswahledition des ersten deutschen Katasters im Internet

Karte der Schwedischen Landes­aufnahme von Greifswald, (Landesarchiv Greifswald)
Karte der Schwedischen Landes­aufnahme von Greifswald, (Landesarchiv Greifswald)

Im Rahmen zweier DFG Projekte wurde die einzigartige Quelle einschließlich der Beschreibungstexte und Karten als digitales Faksimiles der Originale aufbereitet und online gestellt.

Entstehung der Schwedischen Landesmatrikel von Vorpommern

Schwedens Aufstieg zu einer europäischen Großmacht im Verlauf des 17. Jahrhunderts war nur möglich auf der Grundlage einer gut entwickelten Wirtschaft und solider Staatsfinanzen, die die Aufstellung und Unterhaltung großer Heere und einer differenzierten Verwaltung in den eroberten Gebieten ermöglichten. Gesunde Staatsfinanzen setzen neben einer sparsamen Haushaltung eine effektive Steuerpolitik voraus, die auf einer genauen Kenntnis des Landes und seiner steuerrelevanten Wirtschaftsdaten beruht. Bereits 1628 begann man in Schweden mit der planvollen Entwicklung eines Vermessungswesens, und das Königreich wurde dieser Zeit in Nord- und Mitteleuropa führend auf dem Gebiet der Geodäsie. Insbesondere die geometrische Aufmessung der Dörfer und Städte sowie des allgemeinen Besitzes wurde vorangetrieben, um der Krone vor allem die Rückforderungen verpfändeter Ländereien zu erleichtern.

Eine solche Vermessung zur Durchsetzung der Steuern war auch in dem neuen schwedischen Landesteil Pommern dringend geboten, da durch die Folgen des 30-jährigen Krieges der Besteuerung keine Bemessungsgrundlage zur Verfügung stand. Weite Teile des Landes waren entvölkert, Dörfer lagen wüst, und zahlreiche Güter hatten den Besitzer gewechselt. Das schwedische Unterfangen stieß jedoch auf einen beträchtlichen Widerstand der pommerschen Landstände, insbesondere der Ritterschaft, denen an einer exakten Vermessung ihrer Güter und einer entsprechenden Steuerlast nicht gelegen sein konnte. Zudem waren die Voraussetzungen in Pommern denkbar ungünstig, da eine effektive Verwaltung zur Durchsetzung der schwedischen Interessen und geeignetes zur Vermessung geschultes Personal fehlte. So beschloss erst 1690 der schwedische König Karl XI. die Entsendung einer Landmesserkommission zur Durchführung der notwendigen Arbeiten und versah sie mit genauen Anweisungen und Instruktionen.

Im Frühjahr 1692 begannen die Vermessungen im Raum Stettin und der unteren Oder. Es folgten 1694 der Anklamer Raum, 1695 wurde Rügen vermessen und 1696 das übrige Festland. Die Wismarer Territorien wurden 1700 bearbeitet. Allmählich erholte sich das Land auch von den Folgen des Krieges. Es setzte in Vorpommern ein wirtschaftlicher Aufschwung ein, und die Bevölkerung nahm zu. Viele Wüstungen wurden wieder bewirtschaftet und brachliegendes Land unter den Pflug genommen. Innerhalb weniger Jahre veränderte sich das Landschaftsbild so grundlegend, dass Nachvermessungen erforderlich wurden. Diese sogenannten Revisionsmessungen erfolgten zwischen 1703 und 1705.

Die Arbeiten begannen immer im Frühjahr. Die Landmesser reisten von einem Dorf, Ackerwerk oder Gut zum nächsten, nahmen zusammen mit zwei Gehilfen die Messungen vor und fertigten die Skizzen und Urkarten. Gleichzeitig befragten sie die jeweiligen Besitzer, Pächter, Bauern, Pastoren und andere auskunftsfähige Einwohner nach Eigentums- und Besitzverhältnissen, Abgabe- und Dienstverhältnissen, Aussaat und Ertrag der Äcker, Erträge der Wiesen und Weiden, Holzungen und Fischteiche und anderem mehr. Über Winter quartierten sich die Landmesser in den Städten ein und fertigten Reinzeichnungen der Karten sowie Reinschriften der Beschreibungs- und Ausrechnungsbücher in schwedischer Sprache.

Die großen Städte wurden in ähnlicher Art und Weise zwischen 1705 und 1708 vermessen. Sämtliche Grundstücke und Häuser der Städte Stettin, Stralsund, Greifswald, Wolgast und Anklam wurden genau vermessen und entsprechend ihrer Größe, ihres Aufbaus, ihres Bauzustandes und der steuerlichen Klassifizierung beschrieben. Bis zum Herbst 1709 waren alle Karten gezeichnet und Registerbände fertig gestellt.

Insgesamt zeichneten die schwedischen Landmesser mehr als 1700 Karten und füllten 74 starke Foliobände mit ihren Annotationen, die zunächst in Stettin aufbewahrt wurden. In den nächsten Jahrhunderten erlebte das Kartenwerk eine wechselvolle Geschichte. Beim Versuch, die Karten nach Schweden einzuschiffen, kaperten Dänen die von Stralsund aus in See gestochenen Schiffe, und das Material gelangte nach Kopenhagen. Erst 1724 wurde es in das inzwischen preußisch gewordene Stettin zurückgebracht und nach längeren Verhandlungen der schwedischen Regierung in Stralsund übergeben. Heute befinden sich 1455 Karten und fast alle Beschreibungsbände im Vorpommerschen Landesarchiv in Greifswald. Weitere 127 Karten des Amtes Barth sowie des Stralsunder und Franzburger Distriktes können im Geographischen Institut der Ernst-Moritz-Arndt-Universität eingesehen werden. Schließlich besitzt die königliche Bibliothek in Kopenhagen noch 88 Karten, und das Reichsarchiv in Stockholm beherbergt in seinen Beständen weitere 76 Karten. Damit hat sich der Gesamtbestand des Kartenwerkes, von kleineren Verlusten abgesehen, vollständig erhalten.

Für die Landes- und Ortsgeschichte Vorpommerns ist die schwedische Landesaufnahme eine wichtige Quelle zur Erforschung der Sozial- und Wirtschaftsstruktur dieses Raumes an der Wende des 17. zum 18. Jahrhundert. Es läßt sich die soziale Struktur eines weiträumigen Territoriums unter einheitlichen Voraussetzungen und der Wandel der Bevölkerungszusammensetzung über eine Zeitspanne von fast 300 Jahren ermitteln. Auch die Erforschung der Flur- und Ortsnamen findet in den Matrikelkarten eine breite Grundlage. Insbesondere die Entwicklung der vorpommerschen Gutswirtschaft lässt sich anhand des Kartenmaterials gut verfolgen. Zahlreiche noch um 1700 vorhandene Dörfer sind in den folgenden Jahrhunderten verschwunden, oder es haben sich nur noch einzelne Höfe erhalten. Auch die historische Anlage und Form der Dörfer, die in der heutigen Siedlungslage kaum noch sichtbar werden, treten in den Karten zutage.

Eine sehr ergiebige Quelle bilden die Karten und Beschreibungsbände über die Vermessung der vorpommerschen Städte. Sie geben Auskunft über die damalige Siedlungs- und Wohnverhältnisse, über die in den Städten ansässigen Gewerbegruppen und ihre soziale Stellung sowie über die baugeschichtliche Entwicklung. Nicht bei allen Städten sind jedoch die Angaben so weitführend wie für Stralsund, Greifswald, Wolgast und Stettin. In diesen Fällen sind sämtliche Häuser und Grundstücke der Städte einzeln beschrieben. Nach einer Grundrisszeichnung des Gevierts mit einer tabellarischen Aufführung der Eigentümer und deren Gewerbe folgt eine Darstellung der inneren Räumlichkeiten der einzelnen Häuser und ihres Zustandes. Auch die Beschaffenheit des Hofraumes und angrenzende Gartengrundstücke finden Berücksichtigung. Aus diesen Angaben lassen sich nicht nur wertvolle Rückschlüsse auf die Wohnverhältnisse ziehen, sondern auch die soziale Differenzierung der Bewohner wird ersichtlich. Es tritt damit das gesamte soziotopografische Bild einer frühneuzeitlichen Stadt hervor. Neben einzelnen Gewerbetreibenden sind die öffentlichen Gebäude und Festungsanlagen detailgetreu wiedergegeben und beschrieben.

Die Bedeutung dieses Materials für Vorpommern und seine Geschichte ist früh erkannt worden. Bereits 1920 und 1923 hat der preußische Landmesser Carl Drolshagen das Kartenwerk erforscht, und die Greifswalder Geograph Fritz Curschmann betrieb erstmals seine Edition. Der erste von ihm erarbeitete Band erschien 1948, zwei Jahre nach Curschmanns Tod. Seit 1912 ist die Veröffentlichung der schwedischen Landesaufnahme eines der großen Projekte der Historischen Kommission für Pommern. Unmittelbar nach der Wende nahmen das Vorpommersche Landesarchiv und die Historische Kommission Verbindung auf und bemühten sich um die gemeinsame Herausgabe des Kartenwerkes. Inzwischen wurden zahlreiche gedruckte Editionen herausgegeben. Im Rahmen zweier DFG- Projekte wurde die einzigartige Quelle den Interessierten durch das Internet weltweit zugänglich gemacht.

Uwe Rodig, Landesarchiv Greifswald