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Landesamt für Kultur und Denkmalpflege: Entdecke Mecklenburg-Vorpommern



Archivtheorie und Praxis

Ergebnisse, Erkenntnisse und Schlussfolgerungen aus der archivarischen Bearbeitung der Bestände der SED-Bezirksparteiarchive Schwerin und Neubrandenburg

Ausgangslage

1993 endete die Odyssee des Bezirksparteiarchivs vom Sitz der Bezirksleitung in die ehemalige Bezirksparteischule und zuletzt in die zum Archiv umgebaute Stallanlage der LPG in Bolz bei Sternberg für die SED-Parteiarchive der drei Nordbezirke der DDR. Der Landesvorstand Mecklenburg-Vorpommern hatte sich vertraglich mit dem Land zu Abgabe an das Landeshauptarchiv Schwerin geeinigt obwohl beide Seiten unterschiedliche eigentumsrechtliche Auffassungen vertraten und sich hieran bis zum heutigen Tag nichts geändert hat.

Das übernommene Archivgut hat einen Umfang von ca. 1000 lfm und umfasst das Schriftgut von 1945 bis 1989 von KPD, SPD und SED auf Landesebene und der Bezirke Schwerin und Neubrandenburg sowie die dazugehörenden Dienstakten und Findhilfsmittel, Deposita und Schriftgut der VVN sowie Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer und Sammlungen. Abgesehen davon, dass das Schriftgut zum Teil nur bis einschließlich 1981 endgültig verzeichnet und der verbleibende Teil als Altregistratur geordnet war, hatte das Landeshauptarchiv nun die Aufgabe, das gesamte Parteiarchiv für die öffentliche Nutzung archivarisch zu bearbeiten, jedoch ohne dabei die vollständige und uneingeschränkte Handlungsfreiheit zu besitzen, da es im Vertrag den Passus gibt: „Die Durchführung der Aussonderung und Kassation bedarf der vorherigen Zustimmung der PDS“ [1]. Wenn sich auch die Verantwortlichen in der PDS in jedem Fall kooperativ zeigten, so bedeutete diese Einschränkung in der Praxis dennoch ein bürokratisches Hemmnis für die Archivare. Die Ermittlung der Archivwürdigkeit des SED-Schriftgutes kann sich heute nicht einfach mit der Anerkennung der Grundsätze der Wertermittlung aus den Vorgaben des Zentralkomitees der SED erschöpfen und somit unverändert den Bestand des Parteiarchivs in die heutige Archivstruktur übernehmen. Die Definition von Inhalt und Bedeutung von „historisch wertvollem Schriftgut“ hat sich geändert und muss in der archivarischen Arbeit seinen Niederschlag finden. Dies war zweifellos eine der schwierigsten Fragen der Neubearbeitung, der nicht nur im Landeshauptarchiv in Schwerin, sondern auch bei der Erarbeitung eines SED-Netzwerkes der ostdeutschen Bundesländer eine zu geringe Aufmerksamkeit zukam.
Nicht zuletzt ist das mit den personellen Möglichkeiten des Archivs verknüpft, wenn nur ein Mitarbeiter für den Gesamtkomplex Parteien, Organisationen, Vereine und Verbände zur Verfügung steht, jedes Bezirksparteiarchiv in der DDR aber allein schon mehrere Archivare zur Verfügung hatte.

Entscheidend war jedoch, dass die Bestände des SED-Parteiarchivs mit vertretbarem Aufwand „nach den geltenden allgemeinen Rechtsvorschriften und archivwissenschaftlichen Methoden erschlossen sowie für die öffentliche Nutzung bereitgestellt“ [2] werden. Dabei sollten Eingriffe in Ordnung, Struktur und Gliederung der Bestände, Titel und Enthältvermerke in der Erfassung nicht das Wesentliche der überlieferten Findmittel der Bestände verändern. Das bezog sich vor allem auf die Anwendung der typischen Terminologie und Schwerfälligkeit des Satzbaus sowie Inhalt und Umfang bei der Erfassung des jeweiligen Akteninhalts. Deshalb waren Änderungen erforderlich, ist das SED-Schriftgut doch nun Teil der historischen Überlieferung im Landeshauptarchiv Schwerin.

Stand und Ergebnisse der Bearbeitung der Überlieferung aus den Bezirksparteiarchiven Schwerin und Neubrandenburg

Das Resultat mehrjähriger Tätigkeit an den Beständen des SED-Bezirksparteiarchivs besteht darin, dass es nun vollständig bearbeitet und Teil des Archivkörpers des Landeshauptarchivs ist. Dabei hatten wir es mit einer Überlieferung zu tun, die weit mehr ist als nur das aus der politischen Arbeit der Bezirksleitung erwachsene Schriftgut, wenngleich das auch der bedeutendste Teil war. Es fanden sich neben den Bezirksleitungen der SED die Provenienzen Kreisleitungen, Ortsleitungen und Grundorganisationen mit beträchtlichem Umfang. Hinzu kommen weitere Bestandsgruppen wie Kaderunterlagen, Erinnerungsberichte, Nachlässe und Sammlungen.

Zunächst war es erforderlich, die Bedeutung der einzelnen Provenienzen und Bestände zu ermitteln und daraus eine Prioritätenliste für die Bearbeitung zu erstellen. Nur auf dieser Grundlage konnten dann die weiteren Schritte in der Wertermittlung des Schriftgutes erfolgen. Die oberste Priorität erhielt das Schriftgut der SED-Bezirksleitung, denn in der Machthierarchie der SED folgten nach dem Zentralkomitee die Bezirksleitungen. „Die Bezirksparteiorganisationen waren innerhalb der Partei die größten Organisationseinheiten. Sie vereinten die nach dem Produktionsprinzip organisierten sowie die territorialen Kreisorganisationen des Bezirkes. Ihre Leitungen waren das wichtigste Bindeglied zwischen dem zentralen Parteiapparat des ZK in Berlin und den Apparaten der Kreisleitungen.“ [3] Für die politische, wirtschaftliche, soziale und geistig-kulturelle Entwicklung auf der Ebene des Bezirkes war die SED-Bezirksleitung von 1952 bis 1989 die wichtigste Entscheidungsinstanz und dementsprechend ist das Gewicht der schriftlichen Überlieferung für die Geschichtsschreibung. Die Schlussfolgerung war für das Archiv eine möglichst intensive Erschließung nach den jetzt geltenden archivarischen Grundsätzen zu gewährleisten. Es gab jedoch auch Meinungen, die angesichts des großen Umfangs des übernommenen Schriftgutes Anfang der 90ziger Jahre, von einer solchen Vorgehensweise abrieten und einer einfachen Retrokonversion den Vorzug geben wollten. Ihre These: „Erst einmal möglichst rasch alle Bestände für die Öffentlichkeit nutzbar machen und später neu entscheiden.“ Dabei wurde jedoch nicht berücksichtigt, dass die Mehrheit der übernommenen Unterlagen erschlossen waren, jedoch unter anderen gesellschaftlichen Verhältnissen und dementsprechenden Zielsetzungen. Im Ergebnis der Diskussion wurde schließlich ein Kompromiss gefunden. Dieser sah vor, den Kernbestand der SED-Bezirksleitung sowie deren Vorläufer KPD, SPD und Landesleitung der SED unter Berücksichtigung des übernommenen Erschließungszustandes zu überprüfen, gegebenenfalls zu erneuern oder zu ergänzen. Als Kernbestände kam der Überlieferung der Apparate der Bezirksleitung sowie der Führungsgremien Delegiertenkonferenzen, Bezirksleitung und Sekretariat, Bezirksparteikontroll- und Revisionskommission eine besondere Aufmerksamkeit zu. Findmittel (Karteikarten) der Erinnerungsberichte, Kaderunterlagen und teilweise der Sammlungen wurden retrokonvertiert. Die umfangreiche Fotosammlung wurde indes neu bearbeitet und in die Fotosammlung des Landeshauptarchivs eingegliedert. Die Findmittel (Karteien) der Bestände der Kreisleitungen der SED, Ortsleitungen und Grundorganisationen wurden überprüft, die Gliederung systematisiert und vereinheitlicht und schließlich retrokonvertiert.

Das wichtigste Ergebnis der archivarischen Bearbeitung der Bestände des Parteiarchivs besteht darin, dass moderne Findbücher entstanden sind, die Parteiaufbau und Organisationsstruktur der SED auf Landes- bzw. Bezirksebene in den einzelnen Etappen ihrer Entwicklung widerspiegeln. Dabei konnte auf die Arbeit der Parteiarchive aufgebaut werden, weil dort seit Mitte der sechziger Jahre sich die Erkenntnis durchgesetzt hatte, dass ohne die wissenschaftliche Durchdringung die Archivarbeit unmöglich ist. Nicht zuletzt fand das seinen Niederschlag in der Einstellung qualifizierter Archivare. Die hohe Dynamik der gesellschaftlichen Entwicklung in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR hatte zur Folge die kontinuierliche Veränderung der Organisationsentwicklung der Partei auf Bezirks- und Kreisebene. Die einzelnen Bestände wurden nach einem Thesaurus einheitlich gegliedert und folgten damit der Organisationsentwicklung und Aufgabenstruktur der jeweiligen Leitungsebene. Je nach Bedeutung sind die einzelnen Bereiche tiefer gegliedert. Jeder Sekretär der Bezirksleitung hatte mindestens einen Bereich des Apparates in Form einer Abteilung zu verantworten. In den Abteilungen wurden Vorlagen für das Sekretariat erarbeitet, Berichterstattungen vorbereitet, der Bereich vertikal und horizontal angeleitet und kontrolliert. Außerdem wurden hier die Kaderentscheidungen sowohl für die Apparate der Partei als auch für den Staatsapparat und die gesellschaftlichen Organisationen bis in die Kombinate und Betriebe hinein für das Sekretariat vorbereitet und von diesen entschieden. Wir ließen uns davon leiten, dass eine gute Gliederung den Zugang zu den Quellen bei historischen Forschungen und Studien, Nachweisen von Parteiverfahren, Lehrgangsbesuchen usw. vereinfacht.
Eine weitere Präzisierung und Ergänzung wurde bei den Aktentiteln, Enthältvermerken und Laufzeiten vorgenommen. Das erwies sich als besonders notwendig, da oftmals sehr pauschale Aussagen formuliert wurden und Enthältvermerke z.T. nur solche Hinweise auf Sachverhalte lieferten, die dem System genehm waren oder auch gänzlich fehlten. Der Inhalt jeder Akte wurde geprüft und mit dem Findmittel auf dessen Aussagefähigkeit und Vollständigkeit verglichen. Umfangreicher waren die Arbeiten bei den unerschlossenen Akten von 1987 bis zur Wende. Hier mussten die Akten überwiegend neu bewertet, formiert und verzeichnet werden.

Eine Besonderheit ergab sich bei den Protokollen der Sekretariatssitzungen. Hier wurde von den Archivaren der Bezirksparteiarchive neben der Verzeichnung des Bestandes eine Stichwortkartei angelegt. Für die heutige Benutzung erweist sich das sowohl mit Hilfe des Findbuchs als auch des Computers als unzweckmäßig, da bei der Bestandsverzeichnung nur die Daten der Sitzungen erfasst wurden, nicht aber die Tagesordnungen. Diese Praxis zeigte sich übrigens auch bei den Protokollen der Sekretariatssitzungen der Kreisleitungen. Kassationen wurden nur dann vorgenommen, wenn Doppelüberlieferungen vorhanden waren, bei statistischen Materialien oder stark beschädigten Stücken. Doppelüberlieferungen traten beispielsweise in der Überlieferung von Protokollen der Kreisleitungs- und Sekretariatssitzungen auf. So gab es Exemplare als Beleg für die Bezirksleitung im Strukturteil „Parteiorgane“ und die vollständige Serie bei den Unterlagen der einzelnen Kreisleitungen. Hier wurde der Bestand der Kreisleitungen in seiner Vollständigkeit erhalten und bei der Bezirksleitung die Kassation vorgenommen. Weiterhin ist auch zu überlegen, ob es künftig nicht möglich sein wird, beispielsweise bei den umfangreich überlieferten Berichten, die teilweise den Charakter von Massenakten tragen, eine Auswahl nach bestimmten Kriterien zu treffen. Das sollte sich sowohl auf bestimmte Territorien als auch Inhalte beziehen.
Angemerkt sei noch, dass eine grundlegende Änderung des Signatursystems erfolgte. Die komplizierten und teilweise verwirrenden Signaturen der Parteiarchive wurden durch das geltende System unseres Archivs ersetzt. Somit ist auch in dieser Hinsicht eine größere Transparenz erreicht und selbstverständlich sind alle Sperrvermerke der Bezirksparteiarchive außer Kraft gesetzt.
Wichtig war jedoch, dass die PDS als Einbringer der Parteiarchive ihre Zustimmung zur Kassation von SED-Akten gab, so wie es laut Einbringungsvertrag vereinbart war. Der PDS-Landesvorstand verzichtete sogar auf einen Einzelnachweis, was den Arbeitsaufwand für uns erheblich minimierte. Als Erschließungsprogramm kam „Faust 3.0 für Window“ zur Anwendung nach den Vorgaben des Landeshauptarchivs Schwerin.

Fragestellungen zum künftigen Umgang mit dem SED-Schriftgut

Von nicht unwesentlicher Bedeutung für die Zukunft und den weiteren Umgang mit den SED-Archiven im Landeshauptarchiv ist die endgültige Klärung der Eigentumsverhältnisse denn nach Aussage des Einbringungsvertrages, und daran hat sich auch im achtzehnten Jahr nach der Wiedervereinigung nichts geändert, gibt es nach wie vor die gegensätzlichen Auffassungen des Landes und der PDS wie folgt: „Dabei betrachtet das Land Mecklenburg-Vorpommern Unterlagen der SED-Bezirksparteiarchive Schwerin, Rostock und Neubrandenburg im Sinne von § 2, Absatz 9 des Bundesarchivgesetzes (BGBl. I 1992 S. 506) in Übereinstimmung mit dieser gesetzlichen Regelung als sein Eigentum. Die PDS betrachtet die gesamten Bestände mit Ausnahme der Deposita, des Schriftgutes der VVN und der Bezirks- und Kreiskomitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer als ihr Eigentum.“ [4]
Mit dem Eigentumsrecht sind künftig auch finanzielle Rechte verbunden, wie beispielsweise der Internetnutzung, finanzielle Aufwendungen für die Erhaltung oder eventuelle umfangreiche Kassationen, die eindeutige Regelungen verlangen. Wir haben mit der Bearbeitung der Bestände alle Voraussetzung dafür geschaffen, dass künftige Benutzer einen optimalen Zugang zu den Akten bekommen können. Ein Teil der Findhilfsmittel ist bereits über das Landesprogramm „Ariadne“ im Internet nutzbar und zumindest die Bestände der SED-Bezirksleitungen Schwerin und Neubrandenburg werden in absehbarer Zeit folgen.
Das öffentliche Interesse an den SED-Akten hält sich gegenwärtig zwar noch in bescheidenen Grenzen, was für uns jedoch nicht das Kriterium für ihre archivarische Bearbeitung sein konnte. Wie anderes Schriftgut auch, das zum Archivgut wurde, muss es für viele Generationen gut aufbereitet und nutzbar sein.

Dr. Klaus Schwabe

[1] Vertrag zwischen dem Land Mecklenburg-Vorpommern und dem Landesvorstand Mecklenburg-Vorpommern der PDS vom 11.05.1993 , S. 2.
[2] Ebenda., S. 2.
[3] Die SED – Ein Handbuch. Hrsg. Von Andreas Herbst, Gerd-Rüdiger Stephan, Jürgen Winkler. Berlin 1997, S. 133.
[4] Siehe Anm. 1, S. 1.


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