Sprache, Accesskey 1, Direkt zum Inhalt, Accesskey 2, Direkt zur Hauptnavigation, Accesskey 3

Landesamt für Kultur und Denkmalpflege: Entdecke Mecklenburg-Vorpommern



Aus der Chronik des Ribnitzer Klosters

Aus der Chronik des<br>Ribnitzer Klosters
Aus der Chronik des
Ribnitzer Klosters

Beschreibung:

Eine Seite aus der Chronik des Klosters Ribnitz von Lambert Slaggert.
Mittelniederdeutsch, Reinschrift auf Papier, 1 Folioseite.
Eintragung zum 18. November 1526.

Anlässlich der Erwähnung der Einkleidung einer jungen Nonne, Klage über die Vertreibung von Mönchen und Nonnen sowie die zunehmenden Austritte aus Klöstern unter dem Einfluss der Lehre Luthers, die in ganz Deutschland und in allen Ständen eine wachsende Anhängerschaft gewinnt.

LHAS, 1.12-1 Chroniken, Nr. 2: Chronik des Klosters Ribnitz von Lambert Slaggert, fol. 94v.



Transkription:
[1526]

Am [a] daghe dedicacioniß Petri unde Pauli[b] yß ghe-
kledet Magdalena Oldenborgeß, eyn kynt van xi[1/2] jaren, van
deme erwerdyghen vader unde broder Everhardo Runghe
minister der provincien van Sassen unde doctor der hylgen
scryft. Dyt hebbe yck ghescreven, dar umme wente in dessen
tyden unde daghen vele ghestlyke personen mannyger orden,
beyde menre unde juncfrowen, wurden verjaget unde lopen
ock sulveß wech, den dat klosterlevet ruwet, unde vor-
anderen syck in der werlt tho vordonysse erer ßelen,
unde doch Got de Here andere wedder vorwecket mynsken,
dorch welker he vormeret den hupen unde de samelynge
syner gheystlyken dochtere, also huten in desseme daghe
vorbestemmet yß geschen. Id yß vorwar en sunderghe
schyckynge Gadeß, dat kaen my nycht feylen. O, wo vele
ghestlyke juncfrowen, Gade ghehylget, hebben in dessen
daghen vorgeten ereß ghelofteß unde salycheyt erer
selen unde synt naghevolghet der boßen inblasynge
deß duvels unde der Luttersken ketterye Martinuß
van Wyttenberch, dorch welker leyder, syt Gade ghe-
claget, de gantze dudeske nacion unde ander mer lan-
de unde stede synt vorkeret worden, dar ock mede
anhengen vele heren, vorsten unde hertogen, ridder
unde knapen unde vele deß adelß, welker beschermen
vorlopene monneke, de en moten dat ewangelium predde-
ken in eren klosteren, in eren parren, up eren sloten, unde
andere vorlopenen boße prestere unde Gadeß vorgeten, de
ße hanthaven unde hemelyken holden in den kerken, de
se hebben tho vorlenen, jeghen eynen ersamen raeth der
stadt unde de menheyt deß wolkeß. [...]

[a] links oben Vermerk: "kledinghe Mag[d]alenen Oldenborgeß"
[b] 18. November

Erläuterung:
Der Franziskanermönch Lambert Slaggert war seit 1522 Beichtvater der Nonnen und Lesemeister im Kloster der Klarissen – dem weiblichen Zweig des Franziskanerordens – in Ribnitz. Aus mehreren norddeutschen Klöstern sind Chroniken überliefert, in denen Mönche bedeutende Ereignisse ihrer Zeit, wie Kriege, den Tod eines Fürsten, Naturkatastrophen u. a. m., schriftlich festgehalten haben. Das Besondere an Slaggerts Chronik liegt darin, dass in der Darstellung das alltägliche Leben in dem Ribnitzer Kloster und seiner engeren Umgebung im Mittelpunkt steht. Manchmal verband Slaggert die Schilderung des lokalen Geschehens jedoch auch mit Berichten und Kommentaren zu allgemeineren historischen Ereignissen.

So findet sich zum 18. November 1526 die Eintragung, dass ein "Kind von 11 1/2 Jahren" an diesem Tag "eingekleidet", also neu als Nonne in das Kloster aufgenommen wurde. Dies nahm Slaggert zum Anlass, darüber zu berichten, dass "in diesen Zeiten und Tagen viele geistliche Personen verschiedener Orden, sowohl Männer als auch Frauen, verjagt" werden oder auch von selbst aus den Klöstern "weg laufen", letzteres "zur Verdammnis ihrer Seelen". Er klagt: "O wie viele geistliche Jungfrauen haben in diesen Tagen ihr Gelöbnis und die Seligkeit ihrer Seelen vergessen und sind der bösen Eingebung des Teufels und der lutherischen Ketzerei des Martinus von Wittenberg gefolgt." Durch diese sei schon die "ganze deutsche Nation" und auch andere Länder und Städte "verkehrt" worden, da bereits viele "Herren, Fürsten und Herzöge, Ritter und Knappen" der lutherischen, neuen Lehre anhängen. Besonders die Adligen beschirmen die "verlaufenen Mönche", "bösen Priester" und "Gottvergessenen" und lassen sich von diesen in ihren Klöstern, Pfarren und auf ihren Schlössern das Evangelium predigen und halten sie heimlich in ihren Kirchen, gegen den Willen des gemeinen Volkes.

In diesen Äußerungen zeigt sich die streng altgläubige Gesinnung Slaggerts. Er konnte der Lehre Luthers – unklar bleibt, inwieweit er mit dessen Theologie vertraut war – augenscheinlich nichts abgewinnen. Slaggert war überzeugt, dass der Übertritt zum Luthertum die Verdammnis der Seele mit sich bringen musste. Aber auch sein weltliches Heil, sein Auskommen und seine Stellung in der Gesellschaft, waren gefährdet, da für Mönche, Nonnen und Klöster kein Platz in einer von der lutherischen Religion geprägten Welt vorhanden war. Eindeutig vor Augen geführt wurde Slaggert dies ein Jahr zuvor, als es in Stralsund im Zuge der Einführung der Reformation zu Ausschreitungen gekommen war. Mit großer Betroffenheit hat Slaggert auch diese Ereignisse in seiner Chronik geschildert: Wie die "bösen, giftigen Martiner" die Stralsunder Kirchen aufgebrochen, die Bilder daraus genommen und zerschlagen haben; wie sie danach in die Klöster gekommen sind und auch dort alles zerstört und die Mönche mit dem Tode bedroht und vertrieben haben.

Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen ist auch Slaggerts drastische Wortwahl (Verdammnis, Ketzer, böse, Teufel, Ketzerei, Gottvergessen etc.) gegenüber den "Martinern", den Anhänger Luthers, zu sehen. Eine ähnliche Terminologie verwendete aber auch die Gegenseite zu verbalen Angriffen auf die "Papisten", die Anhänger des Papstes.

Über den weiteren Lebenslauf Slaggerts ist nichts bekannt. Seine letzte Aufzeichnung in der Chronik stammt vom 4. August 1533. In den folgenden Jahrzehnten setzte sich die Reformation in Mecklenburg mehr und mehr durch. Vor allem die Mönchsklöster konnten kaum noch Neuzugänge verzeichnen und so lebten z. B. bei der Aufhebung des ehemals so bedeutenden Doberaner Klosters dort nur noch der Abt und fünf alte Mönche.

Die Festschreibung der Säkularisierung der Klöster erfolgte 1526 durch den Ruppiner Machtspruch des Kurfürsten von Brandenburg zur Beilegung der Teilungsstreitigkeiten zwischen den Herzögen Johann Albrecht und Ulrich von Mecklenburg, in dessen Ausführung das Vermögen des Prälatenstands, soweit es die Klöster Dobbertin, Malchow und Ribnitz betraf, den beiden weltlichen Ständen – dem Adel und den Städten – zur Nutzung überlassen wurde. Das Landeskloster Ribnitz hatte die Aufgabe, die Erziehung, Ausbildung, Versorgung und Unterbringung der unverheirateten Töchter der Stände zu gewährleisten.

Vorschläge zur Verwendung im Unterricht:

  • Versuch, den Originaltext zu lesen (sehr saubere Schrift)
  • Chronistik
  • Warum hatten Klöster und Mönche bzw. Nonnen nach der evangelischen Religion keine Bedeutung mehr?
  • Was war die religiöse und weltliche Funktion von Klöstern allgemein und von Frauenklöstern im Besonderen? Welche Stellung hatten die Mönche und Nonnen in der mittelalterlichen Gesellschaft?
  • Besuch des Klosters (Exkursion)

Literaturhinweise:

  • Die gesamte Chronik ist ediert in Friedrich Techen (Hg.): Die Chroniken des Klosters Ribnitz. Schwerin 1909 (=Mecklenburgische Geschichtsquellen, hrsg. vom Verein für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde, Bd. 1), S. 63-171.
  • Zur Chronik und zur Person Slaggert siehe: Ebd., Einleitung, S. 1-17.
  • Zum Klarissenkloster in Ribnitz ausführlich: Ingo Ulpts: Die Bettelorden in Mecklenburg. Ein Beitrag zur Geschichte der Franziskaner, Klarissen, Dominikaner und Augustiner-Eremiten im Mittelalter. Werl 1995, S. 111-134 (Gründung), 205-236 (vom 14. bis 16. Jahrhundert), 375-381 (Reformation und Aufhebung).

Downloads:


zurück


Mecklenburg-Vorpommern / MV tut gut