"Wert und Last des DDR-Schriftgutes in den Archiven" lauteten Titel und Programmatik einer archivischen Fachtagung, die das Landeshauptarchiv Schwerin und der Landesverband Mecklenburg-Vorpommern des Verbandes der deutschen Archivarinnen und Archivare (VDA) am 25. April 2008 im Schleswig-Holstein-Haus durchführten. Die schriftliche Überlieferung aus 40 Jahren DDR macht in der Regel ein Viertel bis ein Drittel der Unterlagen in den staatlichen Archiven der neuen Länder aus, entsprechend groß und breit gefächert war das Interesse. Die gut 80 Teilnehmer kamen aus kommunalen und staatlichen Archiven in Mecklenburg-Vorpommern und den anderen neuen Bundesländern, aus dem Bundesarchiv und den Häusern der Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit (BStU) sowie von Institutionen der politischen Bildung.
In ihren Grußworten verwiesen Prof. Dr. Angelika Menne-Haritz (Leiterin der Stiftung Parteien und Massenorganisationen SAPMO im Bundesarchiv) und Dr. Dirk Alvermann (VDA) auf die vielfältigen Nachwirkungen der DDR-Zeit in der Gegenwart, deren Ursachen transparent gemacht und aufgearbeitet werden müssen. Die dafür erforderliche Sicherung, Auswertung und Aufarbeitung der DDR-Unterlagen in den Archiven ermöglicht Geschichtsbewusstsein, Identitätsbildung und Erinnerungskultur. Im einführenden Grundsatzreferat "Die Bedeutung der Archive von MfS und SED für die Selbstaufklärung über die Geschichte der DDR" charakterisierte Prof. Dr. Manfred Wilke (Berlin) die DDR-Archivalien als integralen Bestandteil der Zeugnisse des deutschen Umweges zur Demokratie und somit von nationaler Bedeutung für die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Insofern gehört die Sicherung und Öffnung der DDR-Archive als institutionalisiertes Gedächtnis der Nation zu den wesentlichen Ergebnissen der friedlichen Revolution von 1989.
Die Teilnehmer der anschließenden Podiumsdiskussion – Udo Michallik (Staatssekretär im Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur Mecklenburg-Vorpommern), PD Dr. Detlev Brunner (Institut für Zeitgeschichte), Prof. Dr. Volker Wahl (Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar), Thomas Balzer (NDR) – waren sich hinsichtlich des Wertes der DDR-Überlieferung in den Archiven einig: Es handelt sich um die relativ lückenlose Dokumentation von Politik, Gesellschaft und Alltag einer Epoche, auf deren Grundlage ein untergegangener Staat auf unterschiedlichen Ebenen in seiner Breite und Tiefe erforscht werden kann. Dabei haben die Stasi-Unterlagen zwar große Bedeutung für die Bewältigung persönlicher Schicksale, die Akten von Partei und staatlicher Verwaltung sind jedoch erheblich wichtiger für eine Gesamtbeurteilung der DDR und ihrer Geschichte. Dieser "Wert", so verdeutlichten auch Diskussionsbeiträge aus dem Publikum, kann sich durch bloße Ablage des Schriftgutes in den Archiven allerdings nicht entfalten. Vielmehr bedarf es der Aufbereitung zu benutzbarem Archivgut und genau darin besteht die archiv- und länderübergreifende "Last". Für die archivische Bearbeitung der riesigen Schriftgutmengen steht, bedingt durch Einschnitte in den Stellenschlüssel und ständig neue Aufgaben (z.B. Zwangsarbeiter- oder aktuell Kriegsheimkehrernachweise), viel zu wenig Personal zur Verfügung. Insofern zollte der Staatssekretär der bisher geleisteten archivfachlichen Arbeit seine Anerkennung und sicherte – freilich mit Verweis auf das Landespersonalkonzept – den Archiven auch die zukünftige Unterstützung seines Hauses bei der Erledigung ihrer Aufgaben zu.
In den Fachvorträgen am Nachmittag thematisierten die Referentinnen und Referenten aus dem Bundesarchiv und den staatlichen Archiven aller neuen Bundesländer die Bewertung und deren Probleme auf spezifischen Arbeitsfeldern: Schriftgut der DDR-Zentralbehörden (Gisela Haker, Bundesarchiv), der Bezirke Schwerin und Neubrandenburg (Sigrid Fritzlar, Schwerin), der SED (Dr. Hans-Christian Herrmann, Leipzig), der Massenorganisationen (Katrin Beger, Rudolstadt), der DDR-Justiz (Torsten Hartisch, Potsdam), der Wirtschaft (Dr. Heike Schroll, Berlin) bzw. der Volkseigenen Betriebe (Uta Thunemann, Magdeburg). Sie werden in der Kleinen Schriftenreihe des gastgebenden Archivs publiziert und stehen dann der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung.
Dr. Matthias Manke, Landeshauptarchiv Schwerin